07.10.2016

Constantin Seibt

«Wir wollen unser Baby wach, intelligent, ohne Bullshit»

Der Noch-Tagi-Autor arbeitet seit zwei Jahren an einem neuen Medienprojekt: Arbeitstitel «Project R». Er will dem Journalismus seinen Platz in der Demokratie zurückgeben. Ende Jahr soll «das Kindchen» vorgestellt werden, wie er im persoenlich.com-Interview ankündigt.
Constantin Seibt: «Wir wollen unser Baby wach, intelligent, ohne Bullshit»
Constantin Seibt: «Ich bin bis Ende Jahr beim ‹Tages-Anzeiger›. Dann werde ich an Silvester sehr traurig sein. Und am 1. Januar gehts los mit dem Aufbau.» (Bild: tagesanzeiger.ch)
von Edith Hollenstein

Constantin Seibt, warum verlassen Sie Ende Jahr den «Tages-Anzeiger»?
Ich gehe ungern. Der Tagi ist eine grosse, freundliche Redaktion, die Abschlussredaktoren haben Nerven aus Stahl, und mein Team dort – die Reporter – ist grosse Klasse.
Das Problem, das mich und eine Menge Kollegen beschäftigt, ist kein persönliches. Folgt man der Spur des Geldes, wird schnell klar, dass die grossen Verlage den Journalismus verlassen: Sie bauen sich in hohem Tempo in Internet-Handelshäuser um.
Die einzigen, die noch in den Kauf von Medien investieren, sind Milliardäre – mit oder ohne politische Agenda. In den USA sind das etwa Leute wie Jeff Bezos, Pierre Omidyar oder Warren Buffet.

Und in der Schweiz?
In der Schweiz ist Christoph Blocher der einzige, der im grossen Stil noch Medien kaufen will.
Weil das Geschäftsmodell wegbricht, schrumpfen die Medien zunehmend. Im Umfang, aber auch in ihrer Bedeutung. Sie werden zum Nebengeschäft oder zum Spielzeug für Oligarchen. Das ist ein Problem für den Journalismus, aber auch für die Demokratie. Denn mit schlechten Informationen fallen schlechte Entscheidungen.
Deshalb finde ich – so wie meine am Projekt beteiligten Kolleginnen und Kollegen: Es ist Zeit zu handeln. Und an einem neuen Geschäftsmodell zu bauen: für ein kluges Medium, das selbsttragend ist.
Nur: Das zu entwickeln, ist alles andere als ein einfacher Job. Das kann man nicht im Nebenamt machen. Man braucht alle Kraft, die man hat. Lange Zeit haben wir als Crew unser Projekt in Nachtarbeit vorangetrieben: Aber je weiter wir damit kommen, desto mehr häufen sich Tempo, Arbeit, Komplexität. Jetzt ist Zeit, ernst zu machen und ins Risiko zu gehen.

Erzählen Sie uns mehr über dieses Projekt.
Wir arbeiten an einem Medienprojekt. Unser Ziel dabei ist, dem Journalismus seinen Platz in der Demokratie zurückzugeben: als verlässlicher Wachhund. Wir wollen unser Baby wach, intelligent, ohne Bullshit. Das Kindchen muss gross genug sein, um Strahlkraft zu haben. Und eine Stimme in den wichtigsten Debatten. Und es muss schlank genug sein, um auf dem freien Markt überleben zu können.
Um die Sache so professionell wie möglich hinzukriegen, haben wir in den letzten Jahren mit Dutzenden von Journalisten, Juristen, IT-Leuten, Finanzleuten, Investoren, Medienmanagern gesprochen. Denn wir wissen: Wir haben nur einen Versuch, es richtig hinzukriegen.

Gehts noch konkreter?
Sorry, das muss fürs erste genügen. Das Kindchen braucht noch etwas Ruhe an der Wiege. Wir sind zwar ziemlich weit mit dem Projekt – aber wir wollen nichts Dreiviertelfertiges vorstellen. Ende Jahr werden wir mehr sagen. Wer am Schnellsten informiert sein will, kann sich auf der Website eintragen.

Aber können Sie uns Namen nennen, wer beim Projekt dabei ist?
Nein, das will ich nicht. Bis jetzt sind wie gesagt Dutzende von Leuten sind involviert – als Ratgeber, Komplizinnen, Mitarbeiterinnen und mögliche Mitarbeiter. Es gibt eine erstaunliche Menge Leute, die dieses Projekt wollen. Und die Zeit oder Geld investiert haben – und noch erstaunlicher: Die zwei Jahre lang dicht gehalten haben.
Das nicht zuletzt, weil fast allen in der Branche die Notwendigkeit für eine Rebellion klar ist: Es ist Zeit, dass sich die Journalisten unabhängig machen und der Journalismus unabhängig von den Grossverlagen existieren kann. Und ein Modell dafür schafft man nur gemeinsam, oder gar nicht.
Im Kernteam arbeiten neben Journalisten vor allem Start-Up- und IT-Leute – sogar mehr als Journalisten. Wir wollen nicht den Fehler machen, nur funktionierenden Journalismus zu machen. Wir wollen auch eine funktionierende Firma bauen. 

Und wer investiert in diese «funktionierende Firma»?
Da will ich noch nichts dazu sagen.

Denken Sie, dass Sie nun in der Selbstständigkeit mehr arbeiten müssen?
Klar, es gibt mehr Arbeit, weniger Geld und viel mehr Risiko als beim Tagi. Es ist eindeutig ein Abenteuer.


Constantin Seibt ist 1966 in Frankfurt am Main geboren. Nach mehreren Jahren als Redaktor bei der «WOZ» wechselte er 2006 zum «Tages-Anzeiger». Er gilt dort als einer der bekanntesten Autoren.



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Kommentare

  • Elisabeth Gujer, 07.10.2016 17:07 Uhr
    Hugo Fasel 17.2.2015 “Rebellisch sein ist ein Stück Lebensfreude” Hugo Fasel
  • Christian Vontobel, 18.10.2016 15:15 Uhr
    Die Basler Erfahrungen haben uns das Fürchten gelernt und das Projekt R wie Revitalisierung kann der Wiederbelebung der politisch und gesellschaftlich relevanten Berichterstattung nur gut tun. Mit der TagesWoche gibt es bereits eine beachtenswerte Gegenöffentlichkeit, die nun täglich und online verstärkt werden soll. Alles Gute und viel Courage!

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