15.02.2017

Service-public-Bericht

«Wir wünschen uns mehr Markt»

Radio Swiss Pop und Virus sollen verstummen. Dies fordert die zuständige Nationalratskommission. Auch für die SRG-Regionaljournale könnte die Luft dünn werden. Jürg Bachmann, Verbandspräsident der Schweizer Privatradios, über Doppelspurigkeiten und Medienvielfalt.
Service-public-Bericht: «Wir wünschen uns mehr Markt»
Jürg Bachmann, Präsident des Verbands Schweizer Privatradios: «Bei nachrichtenintensiven Zeiten haben die Privatradios einen enormen Vorteil.» (Bild: zVg.)
von Christian Beck

Herr Bachmann, haben Sie die Champagnerflasche bereits aus dem Kühlschrank genommen?
Die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrates (KVF) hat am Dienstag deutliche Zeichen gesetzt in eine Richtung, die wir uns als Privatradios wünschen. Die Privatradios haben sich immer für eine leistungsfähige SRG ausgesprochen. Wir arbeiten in manchen Bereichen sehr gut zusammen. Wir wünschen uns aber schon lange, dass die SRG den Privatradios etwas mehr Markt überlässt.

Und wie eng haben Sie diesbezüglich mit Kommissionspräsidentin Natalie Rickli zusammengearbeitet, die wie Sie* bei der Goldbach Group arbeitet?
Wie üblich verschicken Interessenverbände vor Kommissionssitzungen den Kommissionsmitgliedern Briefe und Positionspapiere. Natalie Rickli hat den gleichen Brief erhalten wie ihre 24 Kolleginnen und Kollegen.

Dann tauschen Sie sich nicht jeweils in der hauseigenen Kantine aus?
Dort haben wir genügend Geschäftliches zu besprechen.

Zu den einzelnen Forderungen: Die KVF will «Doppelspurigkeiten» zwischen den SRG-Regionaljournalen und den Nachrichten der privaten Radiosender vermeiden (persoenlich.com berichtete). Ist die Qualität vergleichbar?
Die Privatradios sind sehr nahe an den Themen und den Hörerinnen und Hörern ihrer Region. Sie haben also zweifellos die Kompetenz für eine qualitativ hochstehende regionale Berichterstattung. Sie haben sogar den Vorteil, lokale und regionale Nachrichten während des ganzen Tages und im angemessenen Umfang ins Programm einfliessen zu lassen, sind also nicht an bestimmte Gefässe gebunden. Gerade bei nachrichtenintensiven Zeiten, also bei regionalpolitisch emotionsgeladenen Diskussionen, Wahlen, Abstimmungen oder ausserordentlichen Ereignissen, haben die Privatradios einen enormen Vorteil.

Und was, wenn ich den Begriff «Doppelspurigkeiten» durch «Medienvielfalt» ersetze?
Die Medienvielfalt ist nicht bedroht, wenn Doppelspurigkeiten zwischen der SRG und den Privatradios abgebaut werden. Es gibt ja auch im Printbereich viele lokale Medien bis hin zu Quartierzeitungen und regionalen Onlineportalen, die für den Erhalt dieser Vielfalt sorgen. Zudem verfügt jede Region über ein privates Regionalfernsehen, das nahe an der Bevölkerung ist und mit den Mitteln des bewegten Bildes Regionalberichterstattung macht.

Nur gehören die Zeitungen und Radios meist auch demselben Medienunternehmen.
Die Privatradios der Schweiz gehören verschiedensten Unternehmern, auch Verlegern. Das sichert Medienvielfalt. Dazu kommen die Programme der SRG, die allerdings aus dem gleichen Haus stammen.

Radio-Spartensender, die keinen eigentlichen Service-public-Auftrag wahrnehmen – wie Radio Swiss Pop, Swiss Classic, Musikwelle oder Virus –, sollen eingestellt werden, fordert die Kommission.
Es geht hier um eine ordnungspolitische Frage. Müssen Musiksender, die wenig oder keine Service-public-Leistungen erbringen, wirklich von der Allgemeinheit finanziert werden? Diese Leistungen könnten am Markt erbracht und finanziert werden.

Auch soll die Regel aufgehoben werden, wonach ein Veranstalter maximal zwei Fernseh- und zwei Radio-Konzessionen erwerben kann. Ist das auch in Ihrem Sinn?
Diese Regel hatte von Anfang an wenig Sinn, denn mit ihr sollte der Wettbewerb eingeschränkt werden. Es ist gut, wenn sie aufgehoben wird.

Die möglichen Werbeeinschränkung bei der SRG betreffen Sie weniger. Die SRG kann ja keine Radiowerbung machen…
Aber die SRG generiert über Radiosponsoring circa elf Millionen Franken am Markt. Dieses Geld stünde vermutlich den Privatradios zur Verfügung, wenn die SRG-Radios kein Sponsoring mehr anbieten würden. Es könnte für die Finanzierung privater Radioprogramme, beispielsweise über DAB+, und somit für die Medienvielfalt eingesetzt werden.


* Jürg Bachmann ist Leiter Kommunikation & Marketing und zuständig für Public Affairs bei der Goldbach Group. Natalie Rickli ist Partner Relation Manager bei Goldbach Media.


Lesen Sie hierzu auch den Kommentar der persoenlich.com-Redaktionsleiterin Edith Hollenstein.



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Kommentare

  • Hanspeter Kurzweil, 15.02.2017 17:41 Uhr
    Das ewige Gejammer dieser Lokalradio-Fritzen geht einem schon auf den Wecker. Ihre Betreiber haben sich seinerzeit um die Konzessionen geradezu gerissen, und jetzt wollen sie nicht nur Geld von der öffentlichen Hand, sondern sogar auch noch die SRG stutzen. Herr Bachmann sagt: "Wir wünschen uns aber schon lange, dass die SRG den Privatradios etwas mehr Markt überlässt." Das soll dadurch geschehen, dass "Swiss Radio Classic" und "Swiss Radio Jazz" eingestellt werden. Hat sich denn je ein Lokalradio um Klassik oder Jazz bemüht? Das sind doch alles Disk-Jockey-Radios der billigsten Tour. Kein einziger dieser Reklamesender erreicht das Informationsniveau der SRG-Regionalsendungen. Von "Service public" keine Spur. Der grösste Dienst an der Öffentlichkeit wäre, diese Radios (samt Herrn Bachmann) abzustellen.
  • Beat Sieber, 15.02.2017 18:42 Uhr
    Apropos Regionaljournale: Der VSP sollte das Geschwätz vom Heil durch den Markt nicht zu voll nehmen. Es bringen längst nicht alle Privatradios brauchbare Regional-Infos. Vorbildlich ist Radio BeO. Das Negativbeispiel ist Radio Argovia. Wenn schon die Gebühren gesenkt werden sollen, soll das dem Gebührenzahler zugute kommen. Keine Staatsrenten für Verleger.
  • Björn E., 16.02.2017 00:31 Uhr
    Radio Swiss Pop und Virus sollen verschwinden? Das wäre allzu dumm, denn 1. höre ich oft Radio Swiss Pop. Es bietet einen angenehmen Klangteppich, beispielsweise, wenn man Gäste hat (Radio Swiss Pop hat nämlich keine Werbung und kein unnötiges Geschwafel) 2. höre ich auch sehr gerne Radio Virus, weil dort Musik neuster Generation zu hören ist, die leider kein Lokalradio spielt. Ich höre schon lange kein Lokalradio mehr, weil dort 1.) immer der gleiche Einheitsbrei gespielt wird 2.) die Werbung zu aufdringlich ist 3.) die Moderator/innen ich meistens nicht gut finde. So! Und zu den SRG-Radios: Da hab ich eine echte Auswahl: Pop, oder Volksmusik, oder Jazz, oder jugendlich, ganz ohne Werbung, ganz angenehm. Und zu den Regionaljournalen: SRF bietet super Information, ganz unaufgeregt. Nicht nur das: mit Regional-Diagonal gibt es auch einen Blick über den regionalen Tellerrand hinaus. Die SRF-Radioprogramme sind top: Unaufgeregt, ohne Werbung, allerbeste Information aus dem Aus- und dem Inland. Ich möchte die SRF-Radioprogramme nicht missen, und bezahle gerne Gebühr dafür. Einige Politiker möchten doch nur die hochwertigen SRF-Radiopgrogramme kaputt machen, und wollen, dass wir überall nur noch den gleichen Einheitsbrei hören (ALLE Lokalsender spielen IMMER die gleiche Musik, die manchmal von schreiender Werbung unterbrochen wird. Es geht nur um ihre Interessen (Frau Rickli steht im Dienste einer Werbevermarktungsfirma, ich kann sie nicht mehr hören), aber nicht um die Interessen der Zuhörer. Viele Leute hören keine Lokalsender mehr (v.a. viele Jungen), weil sie diese langweiligen Sender satt haben. Auch ich habe das Gejammer der Lokalradios satt, aber auch Politiker wie z.B. Frau Rickli. Ich bin noch jung, und ich freue mich auf die nächsten Wahlen, einige Politiker werde ich bestimmt nie wählen. Macht die hochstehende Qualität der SRF-Radios nicht kaputt. Lange Zeit hab ich nur noch Internet-Radio gehört (da ich die Lokalradios nicht mehr hören kann). Doch nun hab ich auch das eine oder andere SRF-Radio entdeckt. Die sind gut gemacht. Lasst sie uns, und nehmt sie uns Hörern nicht weg. Danke!
  • Sebastian Renold, 16.02.2017 07:24 Uhr
    Kurzweil und Sieber haben völlig recht: Niemand hat die Verleger gezwungen, eigene Kommerzradios zu gründen. Sie haben sich alle in Erwartung des grossen Geschäfts um die Konzessionen gerissen (ich erinnere mich, welcher Kampf damals im Aargau ausgefochten wurde). Jetzt, wo ihre Rechnung die Erwartungen nicht erfüllt hat, wollen sie für ihre inhaltslosen Sendungen (Laferis spielen - vermischt mit Werbung - billige angelsäschische Songs ab) auch noch Geld von der öffentlichen Hand. Tatsächlich: Staatsrenten brauchen die Verleger keine - und auch keine andersgeartete Medienförderung. Die Gewinne privatisieren und die Verluste sozialisieren - das ist kein Rezept für mehr Medienvielfalt!
  • Luke F., 16.02.2017 11:24 Uhr
    Schon lustig, wenn die Privatradios in der Schweiz nach mehr Markt schreien. Die Konzessionen sichern ja den Markt meist einem einzigen Verleger pro Region! KKonkurrenz: keine. Sie wollen mehr Markt - dann schafft doch die Konzessionen ab. Die sind ja dank DAB eigentlich nicht mehr nötig... das würden aber diejenigen, die jetzt nach mehr Markt schreien wohl gar nicht lustig finden...
  • Hans-Ulrich Büschi, 16.02.2017 11:36 Uhr
    Das Ganze ist ja kristallklar: Das Duo Bachmann/Rickli steht im Sold der Goldbach Group, einer direkten Konkurrentin der SRG auf dem Werbemarkt. Dass die beiden alles unterehmen, um ihrer Arbeitgeberin eine möglichst gute Ausgangsposition zu verschaffen, liegt auf der Hand (und ist an sich durchaus legitim). Was jedoch sauer aufstösst, ist der Umstand, dass sie in ihrem Kampf gegen die SRG das Parlamentariermandat Frau Ricklis in flagranter Weise missbrauchen - nicht zum ersten Mal übrigens. Und noch etwas: Herr Bachmann soll uns doch bitte verraten, wer von den Privaten wertvolle Spartensender à la Radio Swiss Jazz oder Swiss Classic, die ohne Moderation, Werbung und Sponsoring on air sind, finanzieren wird.
  • Ueli Custer, 16.02.2017 14:27 Uhr
    An Luke F.: Heute Morgen hat das Bakom den Entwurf für eine Revision der Verordnung zum Radio- und Fernsehgesetz publiziert. Sie sieht vor, dass diejenigen Privatradios, die keine Gebührenanteile erhalten, ab 2020 keine Konzession mehr benötigen. Dies betrifft im Wesentlichen alle kommerziellen Radioprogramme ausserhalb der Berggebiete. Damit sind dann auch die heutigen Sendegebiete obsolet, da diese in der Konzession festgelegt sind.

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