Cannes, Montag, irgendwann am späten Nachmittag. Die Hitze steht zwischen den Häusern wie eine Wand. Ich bin den Hügel zum Suquet hochgestiegen, weg von der Croisette, hinauf in die Altstadt, wo «Indie at Large» mit 60 unabhängigen Agenturen (Wieden+Kennedy, R/GA, Mischief und viele andere) für ein paar Tage seine Zelte aufgeschlagen hat. Auch Freundliche Grüsse ist als einzige Schweizer Agentur in diesem illustren Kreis vertreten.
Kein Glaspalast, kein Sponsorenlogo so gross wie ein Haus. Ein Innenhof, Schatten, Wasser in Karaffen. Irgendwann fragt mich eine Marketingchefin aus London, wie gross wir eigentlich seien. «Nicht gross genug für ein eigenes Haus an der Croisette», sage ich. «Aber unabhängig genug, um schnell zu entscheiden.» Sie lacht kurz und sagt: «That’s probably why everyone is here.»
Es ist nur ein kleiner Satz, irgendwo zwischen Espresso, LinkedIn-QR-Code und Sonnencreme. Aber er bleibt hängen. Denn genau darum scheint es dieses Jahr auffallend oft zu gehen: Independent Agencies sind in Cannes nicht mehr nur die charmanten Aussenseiter, die am Rand mitlaufen dürfen. Sie sind immer öfter dort, wo die Gespräche stattfinden.
Man kennt das Klischee der unabhängigen Agentur: sympathisch, ein bisschen Underdog, irgendwo zwischen Leidenschaft und Liquiditätsplanung. Die Kleinen, die mit Herzblut arbeiten, aber ohne grossen Apparat.
Dieses Jahr fühlt sich das anders an. Es gibt nicht mehr nur den einen Indie-Apéro, den man kennen muss, sondern gleich mehrere Panels, Villen, Beaches und Kollektive, die das Thema ernsthaft bespielen. «Indie at Large» zum Beispiel veranstaltet eine ganze Woche lang Networking-Events rund um die Croisette. Oder «Indies @ Cannes» hat oben im Jardin Secret vier Tage lang sein eigenes Hauptquartier mit vollem Programm. Und am LBB Beach, in Innenhöfen, an langen Tischen und auf viel zu heissen Stühlen trifft man Indie-Agenturen, die nicht kleiner denken, nur weil sie kleiner organisiert sind.
Ich möchte das nicht romantisieren, und schon gar nicht gegen die Netzwerke schiessen. Die leisten tolle Arbeit, und die Löwenliste beweist es Jahr für Jahr. Aber der Trend hin zu Unabhängigen lässt sich nicht wegdiskutieren. Denn es geht nicht darum, dass gross automatisch schlecht wäre. Aber «gross» heisst eben auch nicht mehr automatisch «sicher». Und «klein» heisst nicht mehr automatisch «riskant».
Genau darum ging es auch im Panel «Unapologetic Unseating: How Small Indies Are Outrunning Giants For Large Accounts» mit Flavio Vidigal von Rise New York, Wyatt Smith von Cape und Britton Upham von McGarrah Jessee. Die Botschaft von Wyatt: Marken suchen nicht aus Nostalgie nach unabhängigen Partnern, sondern weil sie wieder Geschwindigkeit, Senior Attention und kreative Unverfrorenheit in ihre Organisationen bringen wollen. Kleine Agenturen gewinnen grosse Mandate nicht, weil sie kleiner sind. Sondern weil sie ihre Grösse richtig einzusetzen wissen: mit schnellen Teams, direktem Zugang zu den Entscheidungsträger:innen und dem Anspruch, den eigenen Wert immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.
Am Abend gehe ich den Hügel wieder hinunter, zurück an die Croisette. Ich freue mich auf die restliche Woche in Cannes: auf den wertvollen Austausch mit anderen Indies, auf Sport Beach und Spotify Beach, auf das Swiss BBQ mit geschätzten Branchenkolleg:innen und natürlich auf das WM-Spiel der Schweiz gegen Kanada. Das schaue ich mit einem ehemaligen Kollegen von TBWA\Chiat\Day, der inzwischen in L.A. ebenfalls eine eigene Agentur gegründet hat. Ein Indie also. Und ausgerechnet Kanadier.
Hopp Schwiiz! Hopp Indies!
Freundliche Grüsse aus Cannes
Fabian
Fabian Biedermann ist Managing Director bei der Zürcher Agentur Freundliche Grüsse.
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Postkarte aus Cannes: Klein, laut und ziemlich unabhängig