Nun, der Einstieg meiner Reise war leider etwas ruppig. So hatte ich Montagnachmittag bereits eine volle Agenda und wollte dieser auch gerecht werden. Doch einmal mehr machte mir Swiss einen Strich durch die Rechnung. Am Gate stehend wurde mir mitgeteilt, dass ich trotz bestehendem Boarding Pass keinen Sitzplatz hätte. WHAT …??? Nun, der Flieger war voll und ich der Loser. Kann’s geben. Abends stieg ich dann endlich in die Lüfte und war schon wenig später an der Croisette, um am United Nations of IAA Dinner teilzunehmen. Natürlich inklusive Drohnenshow über der sanften Bucht. Insofern nicht viel Neues, sondern alte Gewohnheit und Vertrautheit. Was wird mich dieses Jahr am Festival wirklich Neues erwarten?
Nun sitze ich Dienstagmorgens im Lumière Theatre, um Oprah Winfrey zuzuhören. Diese Anlässe sind nebst den kreativen Arbeiten auch ein Höhepunkt des Festivals. Meine Umgebung im Saal ist mittlerweile damit beschäftigt, sich selbst zu inszenieren und den perfekten Shot für Insta zu kreieren, ohne sich bewusst zu sein, welches Kaliber hier gleich auf die Bühne kommen wird.
2012 wurde der erste Versuch unternommen, die heute 72-jährige Medienpionierin ans Cannes Lions Festival einzuladen. Nach 14 Jahren ist sie nun gekommen, um den Lionsheart Award entgegenzunehmen. Dies für ihre ausserordentlichen «Achievements», wobei unter anderem ihre «Oprah Winfrey Leadership Academy for Girls (OWLAG)» erwähnt wurde. Zudem wurde sie von Forbes 2026 als Nummer eins der eindrücklichsten Selfmade-Amerikaner ausgezeichnet.
Es war ein sehr persönlich geführtes Gespräch, in welchem Oprah einen Rückblick in ihre Kindheit, die sie sehr prägte, gab, und zugleich aber auch Einblick in ihr heutiges Wertesystem gewährte. Sie beschrieb, wie sie ihre täglichen Herausforderungen im Rahmen ihrer zahlreichen Tätigkeiten, wie Oprah Winfrey Show, Podcasts etc. angeht und was sie letztlich täglich antreibt. Was nahm ich davon für uns mit?
Oprah Winfrey wirkte bei ihrem Auftritt auf dem Cannes Lions Festival vor allem eines: völlig in sich ruhend. Inmitten eines Festivals, das sich gerne um KPIs, Reach und den perfekten Markenauftritt dreht, lieferte sie einen starken Gegenentwurf.
Oprah Winfrey wehrte sich lange dagegen, eine «Marke» zu sein, weil der Begriff Authentizität zu rauben droht. Heute weiss sie: Die stärkste Marke ist keine strategische Konstruktion, sondern die authentische Verlängerung der eigenen Persönlichkeit. Und so äusserte sie sich sehr pointiert: «My heart is my brand»!
Ihre Kernbotschaft ist ein Weckruf für jeden Creator, Marketer und Werber: Hör auf, eine künstliche Marke sein zu wollen. Sei die höchste Ausdrucksform deines wahren Selbst. In einer Welt voller KI-generiertem Content und Reizüberflutung wird die Währung der Zukunft nicht Perfektion sein, sondern Resonanz. Creators und Marken, die es schaffen, direkt in die Herzen und Seelen der Menschen zu gehen, werden gewinnen.
Oprahs Credo «Be a good human» ist der ultimative Masterplan für die Creator Economy. Es geht nicht nur um «Fame», es geht um Impact. Wer diesem Shift folgt, wird vom Content-Produzenten zum echten Leader, welcher vieles bewegen wird.
Und somit passt dieses Credo gut in das hier nun häufig genannte Mantra: Das menschliche Individuum macht in Zukunft den Unterschied und nicht die Technologie.
Matthias Kiess ist CEO der Agentur TBWA\Zürich.
Alle Berichte über das Cannes Lions International Festival of Creativity 2026 finden Sie auf der entsprechenden Landingpage.
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Postkarte aus Cannes: «My heart is my brand»