29.05.2020

Stop Hate Speech

Digitale Debatten in Zeiten der Coronakrise

Die Ereignisse zu Beginn der Krise haben für grosse Aufmerksamkeit in den sozialen Medien und Kommentarspalten gesorgt. Sotomo hat 900'000 Online-Kommentare ausgewertet. Das Fazit: Am Anfang Solidarität, später Beleidigungen und Bedrohungen.
Stop Hate Speech: Digitale Debatten in Zeiten der Coronakrise
Welche Tonalität herrschte im Netz während der Coronakrise? Die Forschungsstelle Sotomo hat dies untersucht. (Bild: Pixabay/Juraj Varga)

Die sich überschlagenden Ereignisse zu Beginn der Coronakrise haben für grosse Aufmerksamkeit in den sozialen Medien und Online-Kommentarspalten gesorgt. Während anfänglich Aufrufe zur Solidarität dominierten, nahmen seit den ersten Lockerungen Beleidigungen und Bedrohungen zu.

Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Forschungsstelle Sotomo, die mehr als 900'000 Online-Kommentare ausgewertet hat. Die grosse Unsicherheit aufgrund der täglichen Zahlen zu den neu Infizierten und Todesfällen sowie die in schneller Abfolge getroffenen Notverordnungen durch den Bundesrat wurden intensiv diskutiert.

Am Anfang der Pandemie kam es zu einer Welle an Online-Kommentaren. Zu Spitzenzeiten wurden vom 9. bis am 18. März über 20’000 Kommentare pro Tag registriert, während das normale Niveau um 10’000 Kommentare beträgt. Etwa mit dem ersten Todesfall in der Waadt und nur wenige Tage, nachdem der Bundesrat am 28. Februar Veranstaltungen von mehr als 1000 Personen verboten hatte, gab es am 12. März einen Peak mit über 40'000 Kommentaren.

Drei Phasen

Sotomo sieht drei Phasen der digitalen Debatte. Die erste Phase mit der anfänglichen Welle von Online-Kommentaren endete mit der Ankündigung der letzten Verschärfung am 20. März, dem Verbot von Versammlungen von mehr als fünf Personen.

Danach begann die Phase des Lockdowns, mit den im Rahmen der Ausrufung der ausserordentlichen Lage beschlossenen Massnahmen. Die Menschen blieben mehrheitlich zu Hause, grössere Menschenansammlungen waren verboten. Hier kam es im Durchschnitt zu einer Normalisierung der Publikationszahlen auf rund 10’000 Kommentare, allerdings mit grossen Unterschieden zwischen einzelnen Tagen, die laut Sotomo auf eine grosse Unruhe hindeuten.

Die letzte Phase begann mit der Ankündigung der Lockerungen durch den Bundesrat am 16. April. Die Zahl der Kommentare stabilisierte sich hier auf etwa 10’000, die Volatilität zwischen den Tagen nahm markant ab.

Von Angst um Gesundheit zu Angst vor Armut

Zu Beginn dominierten die Sorgen um die Gesundheit klar die digitale Debatte. Etwa zur Mitte der Lockdown-Phase wurde klar, dass das Gesundheitssystem dem Druck durch die Coronakrise standhält und die erforderlichen Massnahmen von der Mehrheit der Bevölkerung eingehalten werden.

Nun standen ab Ende März nicht mehr die Angst um Risikogruppen und die Überlastung des Gesundheitssystems im Vordergrund, sondern die Befürchtungen um Arbeitslosigkeit, Armut, Konkurse und eine Rezession. Während der Lockerungsphase nahmen die Sorgen um die Wirtschaft dann klar Überhand.

Diese Ergebnisse verleihen laut Sotomo den vom Bundesrat und dem Bundesamt für Gesundheit getroffenen Massnahmen auch zusätzliche Glaubwürdigkeit. «Offenbar waren die Online-Kommentierenden überzeugt, dass die in der ausserordentlichen Lage ausgerufenen Massnahmen zur Verminderung der gesundheitlichen Risiken für die Bevölkerung wirken, sonst hätten sie während des Lockdowns nicht vermehrt den Fokus auf die wirtschaftlichen Risiken der Krise gelegt.»

Auch die Emotionalität der digitalen Debatte zeigte starke Ausschläge. Zu Beginn waren alarmistische Kommentare, aber auch Lob und Aufrufe zu Solidarität sehr wichtig für das Stimmungsbild der digitalen Debatte. Erst während der Phase der ersten Lockerungen kam es zu einem Anstieg von negativen Emotionen, für die die digitale Debatte berüchtigt ist, also zu Beleidigungen und Bedrohungen.

Bundesrat fast konkurrenzlos

Mit dem Ausrufen der «ausserordentlichen Lage» übernahm der Bundesrat nicht nur die politische Initiative bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie, sondern dominierte auch die digitalen Debatten fast konkurrenzlos.

Dabei standen Gesundheitsminister Alain Berset und etwas weniger Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga im Vordergrund. Neben ihrer grossen Sichtbarkeit in der digitale Debatte polarisierten sie auch stark, da sie mit ungefähr gleich vielen positiven und negativen Emotionen in Zusammenhang gebracht wurden.

«Es scheint, als ob die Online-Kommentierenden die temporäre Machtverschiebung zugunsten des Bundesrats akzeptieren», heisst es in der Studie. Die Parteien und ihre Hauptexponenten verzeichneten nicht zuletzt wegen des in den Zwangsferien handlungsunfähigen Parlaments zunächst sogar einen Rückgang der Aufmerksamkeit.

Sotomo untersuchte die Emotionen, Akteure und Risikowahrnehmungen in der digitalen Debatte während der Coronakrise. Dafür wurden rund 930’000 Online-Kommentare verwendet, die vom 3. März bis am 25. Mai auf Twitter und fünf Schweizer Online-News-Plattformen publiziert wurden. Die Daten wurden vor allem im Rahmen der Mitarbeit von Sotomo im Projekt «Stop Hate Speech» von Alliance F erhoben und für die Studie «Digitale Debatten in Zeiten der Corona-Krise» ausgewertet. (sda/cbe)



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