19.06.2013

Apple

Fitter Marktleader oder faule Frucht?

IT-Gigant Apple ist auf dem hochwichtigen Smartphone-Markt stark unter Druck geraten. Unternehmen wie Samsung sind dem iPhone-Hersteller dicht auf den Fersen. An der Entwicklerkonferenz WWDC vor eineinhalb Wochen wurde ausser einem neuen iPhone-Betriebssystem und einer gigantischen Imagekampagne nicht viel Neues vorgestellt. persoenlich.com hat Marken-, Stil- und IT-Experten, Werber und PR-Fachleute zum Zustand der Marke Apple befragt. Und gemerkt: Die Meinungen gehen stark auseinander. Die britische Werbelegende Andrew Cracknell hält Apple zum Beispiel für einen "einzigen gloriosen Marketingtrick" und nun der Verzweiflung nahe.
Apple: Fitter Marktleader oder faule Frucht?

Umfrage: Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand der Marke Apple?

 

Philipp Skrabal, Executive Creative Director, Wirz Werbung
Fakt ist, Apple hat unseren Alltag verändert, wie kaum ein anderes Unternehmen in den letzten 20 Jahren. Davon kann die Marke noch lange  profitieren, wenn sie es gleichzeitig (und ohne Steve Jobs) schafft visionär und innovativ zu bleiben. Ikea, einst auch Rebell, heute erfolgreicher Marktführer, hat gezeigt, wie’s gehen kann.

Apples neue Imagekampagne wirkt auf mich eher unsicher. Vorbei die Zeit, in der man sich selbstbewusst und lustvoll in die Funktionalität der eigenen Produkte vertieft hat. Wer den iPod oder das iPhone erfindet, braucht keine Imagekampagne.

Andreas Heer, Stv. Chefredaktor "Netzwoche"
Apple hat in den letzten 15 Jahren die Position markant verbessert und ist bei Mobilgeräten mit iPhone und iPad zum Vordenker geworden. Den jungen Tablet-Markt dominiert Apple noch, aber die Smartphone-Welt zeigt, wohin der Trend führt: Andere Hersteller, allen voran Samsung, springen auf den Zug auf und jagen Apple Marktanteile ab. Ich gehe davon aus, dass Apple den Zenit im Mobilbereich überschritten hat.

Das Image von Apple hat wohl kaum gelitten, so dass das Unternehmen weiterhin auf eine breite Käuferschaft zählen kann, die bereit ist, für gute Qualität und für Design viel Geld auszugeben. Hier spielt der "Coolness"-Faktor eine Rolle. Schwachpunkte sehe ich dagegen bei der Cloud-Strategie mit iCloud und den Apple-eigenen Office-Anwendungen (iWork), die von der Nutzbarkeit hinter den Konkurrenten Google und Microsoft hinterher hinken.

Fabian Gmuender, Berater für Unternehmenskommunikation, Genf
Der Markt für Mobiltelefone ist schnelllebig, und sollte Apple tatsächlich bis zu 70 Prozent seines Gewinns mit dem iPhone erzielen, müssen die Kalifornier nun entweder mit einer bahnbrechenden Neuheit aufwarten, um zu diversifizieren, oder sie laufen ihrerseits Gefahr, von den Konkurrenten überrundet zu werden.

CEO Tim Cook hat mit seinem selbstbewussten Auftritt vor dem US Senat zwar einen drohenden Reputationsschaden abgewendet. Damit gewinnt man aber weder Marktanteile noch Kundenherzen. Wenn er das nächste Mal spricht, muss er deshalb mit einer Ankündigung überzeugen, für die einige von uns wieder vor dem Apple Store zu zelten gewillt sind.

Andrew Cracknell, britische Werbelegende, Autor von "The Real Mad Men", London
Ich bin schon seit Jahren skeptisch eingestellt gegenüber Apple. Apple ist ein einziger glorioser Marketingtrick! Ich denke nicht, dass ihre Produkte wirklich besser sind als die der Konkurrenz.

Etwas vom Komischsten, was ich je gesehen habe, waren die Szenen vor dem Apple Store in London bei der Einführung des iPads: Da klatschten die vor der Tür campierenden Apple-Jünger doch tatsächlich frenetisch Beifall, als das Verkaufspersonal am Morgen den Laden betrat. Als handle es sich um Kriegshelden oder so. Da hab ich mich wirklich gefragt: Wie hat es Apple geschafft diese Leute einer solchen Gehirnwäsche zu unterziehen?

Die Imagekampagne ist mir noch nicht aufgefallen. Aber wenn Apple jetzt plötzlich davon abrückt seine Produkte in den Mittelpunkt zu stellen und das Image aufzupolieren, dann sieht das nach Verzweiflung aus. Steve Jobs hätte so etwas nie gemacht.

Alexander Jaggy, Executive Creative Director Jung von Matt/Limmat, Zürich

Apple hat nicht nur die Hausaufgaben gemacht, sondern der Klasse wieder einmal gezeigt, wer der Primus ist. Das neue iOS ist richtungsweisend. Es ist schön und es riecht gut. An der Keynote wurde zudem iTunes Radio vorgestellt, das voraussichtlich im Herbst lanciert wird. Dieser Service wird sich durchsetzen, da Apple mit iTunes auf eine bestehende Infrastruktur zurückgreifen kann und der Preis mit 25 Dollar pro Jahr eine Kampfansage an Spotify und Pandora ist.

Ob die Werbung an die früheren Erfolge anknüpfen kann, vermag ich nicht abschliessend zu beurteilen. Formal fühlt sich der neue Spot mainstream an, inhaltlich ist er stark. "Designed by Apple in California" ist eine Reminiszenz an "Think different". Eine Übersetzung in die Neuzeit mit etwas weniger Erfindertum, dafür mit mehr Sinn und Sinnlichkeit.

Oliver Reichenstein, Information Architects, Entwickler iA Writer, Tokio & Zürich

Bildschirmabhängigkeit, Foxconn und Privatsphäre sind drei grosse Herausforderungen für den ganzen Markt; das Hauptproblem von Apple heisst Samsung. Samsung ist Apple's neue Nemesis. Dass sie mit ihnen vor Gericht gegangen sind hat nicht unbedingt geholfen. Die Message für den Markt war: "Wir fühlen uns von Samsung bedroht."

Der Smartphone-Bereich ist der wichtigste. Entscheidend sind die Entwickler. Wenn die abspringen, dann kann es sein, dass Apple bald wichtige Marktanteile verlieren. Denn ohne Entwickler gibt es keine Apps, und die sind für die User nach wie vor eines der Hauptargumente für iPhone und iPad.

Christoph Faschian, Creative Director, Hamburg
Ganz subjektiv – einige Beobachtungen aus den letzten Wochen: Ich konnte mein zwei Jahre altes iPad der ersten Generation noch für gutes Geld bei ebay verkaufen – das hat mir gezeigt, wie begehrt die Produkte nach wie vor sind. Aber ich glaube, dass Apple sich wieder mehr anstrengen muss: Auf einer Veranstaltung konnte ich kürzlich an einem Samsung Stand mein iPhone aufladen lassen und habe für die Zeit ein Galaxy S4 in die Hand gekriegt. Das war beeindruckend. Und der Ausblick auf iOS7 letzte Woche hat neben mir noch viele nicht überzeugt, wie die Einträge auf diesem Blog zeigen.

Die Kampagne finde ich austauschbar – und den Claim schwach. „Designed by Apple in California“ hat mich spontan an Chryslers „Imported from Detroit“ erinnert. Letzterer sagt mir auch, wo die Produkte gemacht werden. Dieses Kriterium wird immer wichtiger.  Und das ist für mich auch ein Grund, weshalb ich als nächstes hierrüber nachdenke.

Alexander Haldemann, Markenexperte, Metadesign, San Francisco
Der Druck auf die Marke Apple ist enorm. Der Konzern steht vor allem vor zwei ernsthaften Herausforderungen. Erstens die Frage nach der Identität: Wofür steht die Marke Apple heute? Zweitens die Frage nach der Innovation: Welche wirklich relevanten, neuen Produkte kann Apple in den nächsten Monaten am Markt platzieren? Das flachere Interface-Design wie beim neuesten iOS 7 Release reicht da mit Bestimmtheit nicht.

Im Silicon Valley ist man sich einig, dass The Next Big Thing im Wohnzimmer stehen muss. Sprich: die Integration des Fernsehers in das mediale Ökosystem. Doch hier scheint der Wettbewerber Samsung über einen uneinholbaren Vorsprung zu verfügen. Apple hat jedoch immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass man in Cupertino mit hohen Hürden umzugehen weiss. Es bleibt spannend.

Thomas Benkö, Stv. Chefredaktor "Blick am Abend"
Ja, der 2007 von Steve Jobs ausgerufene "5-Jahres-Vorsprung auf die Konkurrenz" ist dahin. Ja, Touchscreen-Handys sind mittlerweile austauschbar. Und nein, Apple wird nicht zum zweiten Nokia – einem Giganten, der innert weniger Jahre in die Bedeutungslosigkeit entschwand. Zu gross ist die Innovationskraft des Unternehmens. Zu gross seine Kunden-/Fan-Basis. Zu gross seine gefüllte Kriegskasse. Und doch: Das "nächste grosse Ding" kommt momentan nicht von Apple, sondern von Google. Die "Glass"-Brille zeigt, wo User-Interfaces künftig hingehen. Es braucht mutige Schritte: Hardware-Design-Gott Jony Ive auch an die Software zu lassen, ist solch ein Schritt. Was ich bis jetzt vom kommenden iOS 7 gesehen habe, ist für mich im besten Fall farbig – aber noch nicht rosig.

Frank Bodin, Chairman & CEO Havas Worldwide Switzerland & Präsident ADC Schweiz
Gemäss unserer eben erschienen "Havas Brand Predictor Studie", die das Marken-Ranking 2015 vorhersagt, wird die Marke Apple gegenüber Samsung an Attraktivität einbüssen und Marktanteile verlieren. Es würde mich allerdings überraschen, wenn uns Apple in den nächsten fünf Jahren nicht weiter mit bahnbrechenden Innovationen überraschen würde. Der Konzern ist strategisch fantastisch aufgestellt.

Ob die Imagekampagne Anklang finden wird, weiss ich nicht. Die Strategie dahinter ist mir zu amerikanisch und zu wenig global - die Herkunft California macht die Marke nicht begehrenswerter. Der TV-Spot ist in meinen Augen zu austauschbar, fantasielos, uncool.

Jeroen van Rooijen, Fachmann für Mode, Stil und Lebensart, Zürich
Auch wenn Apple durch das rasante Wachstum und die geschlossene Gerätestrategie vielerorts - auch bei mir - etwas an Sympathie eingebüsst hat, so finde ich es immer noch eine faszinierende, schillernde und zeitgeistige Marke, die vieles richtig macht und dieses ganze Horror-Feld der Technik auf eine emotionale, intuitive Art begehbar macht. Dafür gebührt Apple auf Ewigkeit ein Platz in den Geschichtsbüchern. 

Rudolf Rodenburg, Consulting Director, Process Brand Evolution
Als Apple erstmals auf dem Markt in Erscheinung trat, gab es nichts, was auch nur annähernd an Apple herankam. Apple hat einen neuen Markt begründet und gestaltet. Nun haben Konkurrenten die Idee kopiert. Der Konzern muss sich nun bewegen, wenn die Marke auch in drei oder vier Jahren für Kreativität, Innovation und Querdenkertum stehen soll. Speziell gilt das - auch aus Sicht unserer Kollegen in Shanghai - für Asien und insbesondere China, dem nach wie vor stärksten Wachstumsmarkt. Dies könnte gelingen wenn Apple es wieder schafft, den Nutzern Welten zu eröffnen, von denen sie nicht zu träumen wagten.

Umfrage: Adrian Schräder/Hauptbild: Keystone


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