23.09.2025

Studie

KI erobert Schweizer Redaktionen ohne klare Regeln

Eine aktuelle Studie zeigt, dass der Grossteil der Medienschaffenden in der Schweiz KI-Tools nutzt. Gleichzeitig mangelt es an Qualitätssicherung und verbindlichen Standards. Eine Erkenntnis der Studie ist besonders brisant.
Studie: KI erobert Schweizer Redaktionen ohne klare Regeln
An einer Umfrage zu KI im journalistischen Einsatz haben sich 730 Medienschaffende aus der ganzen Schweiz beteiligt. (Bild: zVg/iStock/hapabapa)

Die grosse Mehrheit der Schweizer Medienschaffenden setzt bereits künstliche Intelligenz im Arbeitsalltag ein – allerdings oft ohne ausreichende Qualitätskontrolle und klare Branchenstandards. Das zeigt eine umfassende Untersuchung der Universität Zürich. An einer Umfrage haben sich 730 Journalistinnen und Journalisten aus der ganzen Schweiz beteiligt. Die Befragung lief zwischen April und Juli 2025.

87 Prozent der Schweizer Journalistinnen und Journalisten nutzen KI-Tools in ihrer täglichen Arbeit, 17 Prozent sogar sehr intensiv. «Dabei werden KI-Tools überwiegend unterstützend eingesetzt – zum Beispiel für Transkriptionen, Textoptimierungen oder Titelvorschläge», erklärt Studienverantwortliche Silke Fürst vom Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft der Uni Zürich gemäss einer Medienmitteilung.

Jüngere Medienleute nutzen KI intensiver als ältere 

Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede. Jüngere Medienschaffende und Mitarbeitende grosser Redaktionen greifen häufiger auf KI zurück als ihre älteren Kollegen oder Angestellte kleiner Redaktionen. So verwenden 23 Prozent der Journalisten mit über 25 Jahren Berufserfahrung KI gar nicht, während es bei Journalisten mit weniger als zehn Jahren Erfahrung nur 7 Prozent sind.

Der Einsatz erfolgt primär unterstützend. So wird KI am häufigsten für die Transkription von Audio- und Videomaterial (49 Prozent) sowie die Korrektur von Flüchtigkeitsfehlern (47 Prozent) verwendet. Auch Vorschläge für Titel und Leads erstellen die Hälfte der Befragten regelmässig mit KI-Hilfe. Die Generierung ganzer Artikel spielt dagegen kaum eine Rolle – 79 Prozent nutzen diese Möglichkeit nie oder fast nie. Knapp zwei Drittel der Journalisten schätzen KI als nützlich für ihre Arbeit ein.

Qualitätsprobleme durch Zeitdruck

Mängel zeigen sich bei der Qualitätssicherung. 18 Prozent der Befragten geben an, (fast) keine Zeit zu haben, KI-generierte Inhalte sorgfältig zu prüfen. Ein Viertel kann die Informationen nicht ausreichend durch eigene Quellen ergänzen. 15 Prozent berichten bereits von Fehlern in der Berichterstattung aufgrund des KI-Einsatzes.

Die Auswirkungen auf die Qualität beurteilen die Medienschaffenden ambivalent: Während ein Drittel eine Verbesserung ihrer Beiträge durch KI feststellt, sieht ein grösserer Anteil (38 Prozent) kaum oder keine positiven Effekte. Systematische Qualitätssicherungsmassnahmen gibt es laut 40 Prozent der Befragten in ihren Redaktionen nicht oder sie sind ihnen nicht bekannt.

Mehrheit befürchtet Verbreitung von Falschinformationen

Mit Blick auf die gesamte Medienbranche überwiegen skeptische Einschätzungen. 61 Prozent befürchten, dass KI die Verbreitung von Falschinformationen verstärkt. 68 Prozent erwarten eine Angleichung der Inhalte, 70 Prozent sehen das Vertrauen des Publikums in den Journalismus gefährdet. «Wenig überraschend sind vier von fünf Medienschaffenden der Meinung, dass KI im Journalismus viele ethische Fragen aufwirft», bilanziert Fürst.

Besonders kritisch bewerten die Journalisten die wachsende Abhängigkeit von Tech-Unternehmen (75 Prozent).

Ruf nach gemeinsamen Standards

Angesichts dieser Herausforderungen herrscht breiter Konsens für branchenweite Massnahmen. 81 Prozent halten einheitliche Standards zur Kennzeichnung von KI für notwendig. Eine ähnlich hohe Zustimmung (83 Prozent) findet die Forderung nach gemeinsamen Regeln gegen Fehlverhalten beim KI-Einsatz.

Fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) spricht sich zudem für Kooperationen zur Entwicklung eigener KI-Tools aus. «Damit könnten die Investitionskosten für die einzelnen Medienunternehmen reduziert, die Anforderungen von Schweizer Redaktionen besser berücksichtigt und das Ungleichgewicht zwischen grossen und kleineren Redaktionen verringert werden», erklärt Fürst die Vorteile solcher Kooperationen.

Medienschaffende überschätzen Publikumsvertrauen

Besonders brisant ist eine Erkenntnis der Studie, wonach Journalistinnen und Journalisten das Vertrauen ihres Publikums falsch einschätzen. Rund zwei Drittel gehen davon aus, dass das Publikum den Redaktionen vertraut, verantwortungsvoll mit KI umzugehen. Frühere Bevölkerungsbefragungen zeigen jedoch, dass nur eine Minderheit der Nutzer tatsächlich Vertrauen in den verantwortungsvollen KI-Einsatz von Nachrichtenmedien hat.

Diese Fehleinschätzung verdeutlicht die Dringlichkeit branchenweiter Standards. Die vorhandenen KI-Richtlinien sind jedoch wenig bekannt: Während die Hälfte der Befragten die Richtlinien des eigenen Medienhauses als hilfreich empfindet, kennt ein knappes Drittel sie nicht. Branchenweite Standards wie jene des Schweizer Presserats sind sogar 52 Prozent unbekannt. (pd/nil)


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen