Die chinesische Regierung hat anscheinend genug von den zunehmend frecher werdenden Kommentaren in den nationalen sozialen Netzwerken. Ab dem 16. März sind deshalb keine anonymen Accounts mehr möglich. Online-Profile mit grosser Gefolgschaft müssen künftig zudem von den Betreibern der Medien inhaltlich geprüft werden. Die automatische Löschung von Postings bleibt ebenfalls in Kraft. Trotzdem finden kreative Chinesen immer wieder Wege, der Online-Zensur ein Schnippchen zu schlagen, berichtet die New York Times. Vor allem das Ersetzen gefährlicher Begriffe durch ähnlich klingende Wörter ist sehr beliebt.
Jedes sechste Posting zensuriert
Das Verstecken von Kritik wird künftig wieder grössere Bedeutung erlangen. Kurzzeitig hat es zwar so ausgesehen, als ob die sozialen Medien eine neue Ära der freien Meinungsäusserung einleiten, inzwischen hat die Regierung aber Gegenmassnahmen gestartet. Laut einer Studie der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, für die 70 Millionen Postings analysiert wurden, werden inzwischen mehr als 16 Prozent der Mitteilungen in Chinas Social Media gelöscht. Beinahe 300 verschiedene Begriffe triggern der Untersuchung zufolge den automatischen Content Filter der Regierung.
Durch die Einführung des Klarnamenzwangs und die Verpflichtung der Internet Service Provider als weitere Zensurinstanz wird die Redefreiheit im Internet zusätzlich eingeschränkt. Eine kürzlich beschlossene Strafrechtsreform gibt dem Staat zusätzlich neue Möglichkeiten, Regimekritiker zum Schweigen zu bringen. So dürfen Abweichler künftig bis zu sechs Monate lang an unbekannten Orten festgehalten werden.
Fa Kè Yóu
Schon jetzt bilden sich im Netz laufend neue Begriffe, die an der Zensur vorbei Kritik ermöglichen. Ein beliebtes Beispiel ist das "Gras Schlamm Pferd" (Cao Ni Ma). Der Begriff klingt in Standard-Chinesisch sehr ähnlich wie eine derbe Beschimpfung und wird deshalb synonym verwendet. Für Europäer eher verständlich ist die Phrase Fa Kè Yóu. Wörtlich übersetzt handelt es sich dabei um einen französisch-kroatischen Tintenfisch. Verwendet wird der Begriff aber wie die aus dem Englischen bekannte Beschimpfung, die ähnlich klingt und aussieht. Insgesamt hat sich der Grad der erlaubten Meinungsäusserung in der Volksrepublik durch die Einführung des Internets vergrössert, auch wenn aktuelle Rückschläge Zweifel aufkommen lassen. (pte)

