Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Oder der Werbetexter. «Wer braucht da noch UKW oder DAB+?» Mit dieser Zeile macht Swisscom in den Tagen und Wochen vor dem Parlamentsentscheid über die Abschaltung von UKW auf die Radiofunktion in der Blue-TV-App aufmerksam.
Dieses Timing sei Zufall, teilt die Unternehmenskommunikation mit. Tatsächlich hatte Swisscom bereits im vergangenen Februar die neue Funktion freigegeben, allerdings nur mit einer Mitteilung an die Online-Community und ohne Kampagne, Kommunikation oder andere Marketingmassnahmen.
Viele Sender, bescheidene Vielfalt
Seit Februar können Kunden nicht nur via TV-Box den Raum mit Radio beschallen, sondern auch unterwegs auf der Blue-TV-App einen von über 360 Sendern auswählen. Was nach einem breiten Angebot aussieht, erweist sich bei einem zweiten Blick einigermassen eingeschränkt. Rund die Hälfte machen die aktuellen UKW- und DAB+-Sender aus der Schweiz aus. Das ausländische Angebot besteht neben öffentlich-rechtlichen Radios vor allem aus Nonstop-Musik-Programmen. Angebote von ausserhalb Europas fehlen hingegen komplett; kein KCRW, kein KEXP. Auf die Frage, wer nach welchen Kriterien das Senderangebot kuratiere, antwortet eine Swisscom-Sprecherin so: «Die Senderauswahl wird von Swisscom nach Verfügbarkeit, insbesondere bei ausländischen Sendern, und oft auf Wunsch der Betreiberinnen bei Schweizer Sendern zusammengestellt.»
Verglichen mit den 70 Radiosendern auf Bluewin TV, wie das heutige Blue TV beim Start 2006 hiess, sind die 363 eine gewaltige Menge. Auch mit Blick auf die Konkurrenz sind es viele. Sunrise TV bietet rund 240 Sender. Gemessen am Angebot von dedizierten Radio- und Audio-Apps wie TuneIn oder myTuner Radio nimmt sich die Swisscom-Senderliste aber äusserst bescheiden aus.
Seit Jahren stabile Nutzung
Wer sich aufgrund seines eigenen Nutzungsverhaltens nun fragen mag, wer um alles in der Welt denn Radio via TV hört, findet die Antwort in verschiedenen Studien. Auf diesen Vektor entfallen heute sechs Prozent der gesamten Radionutzung in der Schweiz. Die sogenannten DigiMig-Trendanalysen zur Radionutzung in der Schweiz, durchgeführt von GfK Switzerland im Auftrag des Bakom, weisen für diese Nutzungsform seit Jahren leicht steigende Werte aus. Es ist davon auszugehen, dass eine relativ kleine Nutzergruppe eine vergleichsweise hohe Nutzung generiert wegen des «Living Room»-Effekts. Sprich: Wer Radio am TV hört, tut dies oft lange und als Hintergrundbegleitung im Haushalt. Damit handelt es sich im Vergleich zur übrigen digitalen Radionutzung um eine stabile Nische. Mit der TV-App, die auch Radio kann, macht sich Swisscom daran, diese Nische zu verlassen. Auf die Frage, was das Unternehmen genau vorhat, erfährt man nur Folgendes: «Wir prüfen selbstverständlich laufend verschiedene Möglichkeiten, um unser Angebot im Bereich Radio und Audio zu verbessern und zu erweitern.» Im Vergleich mit dem grossen TV- und Videoangebot gibt es hier noch viel Spielraum.
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10.12.2025 11:35 Uhr

