24.09.2026

Zurich Film Festival

C-Films mit drei Premieren am ZFF

Mit «111 – Echoes from Halifax», «Eurotrash» und «A Happy Family» ist die Zürcher Produktionsfirma C-Films AG am 22. Zurich Film Festival prominent vertreten. Die drei Gala-Premieren zeigen, wie breit das Unternehmen von Anne Walser und Peter Reichenbach aufgestellt ist: vom historischen Drama über eine bissige Literaturverfilmung bis zum sozialrealistischen Familienfilm.
Zurich Film Festival: C-Films mit drei Premieren am ZFF
C-Films Mehrheitsaktionärin und Produzentin Anne Walser begleitet ihre Filme während der Produktion sehr eng; hier im Untergrund während des Drehs von «111 – Echos from Halifax». (Bilder: C-Films)

Für C-Films ist das ZFF 2026 weit mehr als ein einzelner Premierenabend: Drei Produktionen treffen innerhalb weniger Tage auf ihr erstes grosses Zürcher Publikum. Den Auftakt macht «111 – Echoes from Halifax» von Regisseur Mauro Mueller. Das 97-minütige schweizerisch-kanadische Drama erinnert an den Absturz von Swissair-Flug 111 am 2. September 1998 vor der Küste von Nova Scotia, bei dem 229 Menschen ums Leben kamen. Doch statt die Katastrophe als spektakuläres Ereignis nachzustellen, richtet der Film den Blick auf ihre Nachwirkungen. Angehörige warten auf Gewissheit, Helfende suchen nach den richtigen Worten, und Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks müssen lernen, mit einem Verlust zu leben, der sich nicht abschliessen lässt.

Mueller und Co-Autorin Jennie Allen erzählen diese Erfahrung aus mehreren Perspektiven und in mehreren Sprachen. Gerade darin liegt die besondere Spannung des Films: «111» handelt nicht nur von einem Schweizer Trauma, sondern von einem Ereignis, das Kanada und die Schweiz bis heute verbindet. Zum Ensemble gehören unter anderem Ursina Lardi, Anatole Taubman, Djebril Zonga, Rabea Egg, Regula Grauwiller und Gian Rupf. Gedreht wurde mit einem internationalen Team; die Bildgestaltung verantwortet die kanadische Kamerafrau Claudine Sauvé. Die Weltpremiere findet am 29. September im Corso statt, kurz vor dem Schweizer Kinostart am 1. Oktober.

Für C-Films schliesst sich mit dem Projekt zugleich ein Kreis. Mit «Grounding – Die letzten Tage der Swissair» widmete sich die Firma bereits 2006 einem prägenden Kapitel der Schweizer Luftfahrtgeschichte. «111» wählt jedoch einen deutlich intimeren Zugang. Nicht Institutionen und Verantwortlichkeiten stehen im Vordergrund, sondern einzelne Biografien. Damit zeigt der Film exemplarisch, wie C-Films historische Stoffe in persönliche Kinogeschichten übersetzt.

Ein Film mit Gegensätzen

Mit «Eurotrash» wechselt das Register radikal. Frauke Finsterwalder verfilmt den gleichnamigen Bestseller von Christian Kracht als deutsch-schweizerische Koproduktion – eine literarische Versuchsanordnung zwischen Familiengeschichte, Roadmovie und bissiger Gesellschaftsbeobachtung. Ein Sohn begleitet seine schwer kranke, alkoholabhängige Mutter auf einer Reise durch die Schweiz. Im Gepäck liegen alte Verletzungen, widersprüchliche Erinnerungen und die Frage, was von einer Familie bleibt, wenn ihre Erzählungen brüchig werden.

Der Stoff lebt von Gegensätzen: von Luxus und Verfall, Zärtlichkeit und Grausamkeit, kultivierter Oberfläche und familiärem Kontrollverlust. Die Reise führt durch reale Landschaften, zugleich aber tief in eine gemeinsame Vergangenheit, über die Mutter und Sohn höchst unterschiedliche Versionen besitzen. Finsterwalder interessiert sich dabei weniger für eine klassische Läuterung als für die Reibung zwischen zwei Menschen, die einander fast unerträglich gut kennen. Aus peinlichen, grotesken und schmerzhaften Momenten entsteht ein Film, dessen Humor nie weit von der Trauer entfernt ist.

Für C-Films ist «Eurotrash» zugleich ein Beispiel dafür, wie Schweizer Produzenten in grösseren europäischen Konstellationen sichtbar bleiben können: nicht als reine Dienstleister, sondern als Partner bei Entwicklung, Finanzierung und Umsetzung. Die Weltpremiere am 30. September im Kino Le Paris bringt den Stoff nun dorthin zurück, wo seine Reise geografisch und kulturell verankert ist.

Zwischen Zürich und dem Wallis

Am unmittelbarsten im heutigen Alltag verankert ist «A Happy Family» von Jan-Eric Mack. Im Zentrum steht Niki, eine Mutter, die zwei Jobs gleichzeitig bewältigt und dennoch kaum genug Geld und Zeit für ihre Familie hat. Ein Brand verschärft die prekäre Situation. Ihre Kinder werden vorübergehend in einer Pflegefamilie untergebracht, der Kontakt wird ihr untersagt. Niki akzeptiert diese Trennung nicht. Mit neuer Identität versucht sie, den Kindern nahe zu bleiben – ein riskanter Entschluss, der Fürsorge, Verzweiflung und Grenzüberschreitung unauflösbar miteinander verbindet.

Der zwischen Zürich und dem Wallis angesiedelte Film erzählt von Armut, ohne seine Hauptfigur auf Zahlen oder soziale Kategorien zu reduzieren. Niki ist weder reine Heldin noch blosses Opfer. Ihr Kampf um die Kinder ist nachvollziehbar, ihre Methoden werden zunehmend problematisch. Genau aus dieser Ambivalenz bezieht das Drama seine Spannung. Mack richtet den Blick ausserdem auf ein System, dessen Beteiligte häufig unter Zeitdruck entscheiden müssen: auf Behörden, Pflegefamilien und Eltern, die jeweils überzeugt sind, im Interesse der Kinder zu handeln. Getragen wird die Geschichte von einem Ensemble um Anna Schinz, Julia Jentsch, Michael Neuenschwander und Bettina Stucky. Die bekannten Gesichter verleihen einem gesellschaftlich relevanten Thema Nähe, ohne es zum Thesenfilm zu machen. «A Happy Family» interessiert sich vor allem für die leisen Verschiebungen: für das Misstrauen in Gesprächen, für kleine Gesten der Loyalität und für die Frage, wann der Wunsch nach Zusammenhalt in Besitzanspruch kippt. Die ZFF-Vorführung findet am 27. September im Kino Le Paris statt.

Drei Filme, drei Tonlagen – und doch eine gemeinsame Handschrift. «111 – Echoes from Halifax» nähert sich einem historischen Trauma über Erinnerung und Verbundenheit. «Eurotrash» zerlegt Familienmythen mit schwarzem Humor und literarischer Schärfe. «A Happy Family» holt die sozialen Bruchlinien der Gegenwart in ein konzentriertes Familiendrama. Zusammen bilden die Filme ein Panorama dessen, was C-Films heute unter publikumsnahem Autorenkino versteht: klar erzählte Geschichten, die emotional zugänglich bleiben und trotzdem Widersprüche aushalten.

Dass das ZFF gleich drei neue Arbeiten der Zürcher Firma zeigt, ist deshalb mehr als eine erfreuliche Häufung im Festivalprogramm. Es macht sichtbar, welche Rolle unabhängige Produktionshäuser im Schweizer Film übernehmen: Sie entwickeln Stoffe über Jahre, führen kreative und finanzielle Partner zusammen und begleiten Projekte vom ersten Drehbuch bis zur Begegnung mit dem Publikum. Für C-Films werden die Tage am ZFF damit zur konzentrierten Standortbestimmung – und für das Publikum zur Gelegenheit, drei sehr unterschiedliche Schweizer Kinogeschichten unmittelbar miteinander zu vergleichen.



Dieser Text ist zuerst in der aktuellen persönlich-Printausgabe vom September erschienen.

Manfred Klemann ist Unternehmer. Er ist an C-Films beteiligt. Zudem ist er Miteigentümer des persönlich-Verlags.


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