13.09.2019

Beobachter Prix Courage

Carla Del Ponte erhält «Lifetime Award»

Die Strafverfolgerin und Diplomatin wird für den Kampf gegen Mafiafürsten und Kriegsverbrecher ausgezeichnet.
Beobachter Prix Courage: Carla Del Ponte erhält «Lifetime Award»
Erhält den «Beobachter Prix Courage Lifetime Award»: Carla Del Ponte. (Bild: Keystone/DPA/Andreas Arnold)

Zum dritten Mal vergibt der «Beobachter» den mit 10’000 Franken dotierten «Beobachter Prix Courage Lifetime Award». Er geht in diesem Jahr an Carla Del Ponte, wie es in einer Mitteilung heisst.

Die Schweizer Strafverfolgerin und Diplomatin Del Ponte habe ihr Leben lang dafür gekämpft, dass Untaten nicht ungesühnt bleiben. Ohne Rücksicht auf sich selbst habe sie Mafiafürsten und Kriegsverbrecher verfolgt, damit deren Opfer Gerechtigkeit widerfährt. 1999 wird sie zur Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien und Ruanda ernannt. Nach den Mafiosi hetzen nun nationalistische Fanatiker gegen sie, heisst es weiter. Del Ponte lebt unter Personenschutz, über 30 Jahre lang.

Insgesamt klagt sie im Rahmen des Kriegsverbrechertribunals für das frühere Jugoslawien 161 Personen an, die Hälfte der Angeklagten werden verurteilt. 2008 tritt sie zurück und ist bis zu ihrer Pensionierung Ende Februar 2011 Schweizer Botschafterin in Argentinien. Doch dann entbrennt der Konflikt in Syrien. Sie tritt der Unabhängigen Untersuchungskommission der Uno bei, das Gremium erhält jedoch keinen Auftrag für einen Strafverfolgungsprozess. Nach sechsjährigen Ermittlungen und der Präsentation einer Namensliste von Gräueltätern tritt Del Ponte wegen fehlender politischer Unterstützung für eine effektive Arbeit von ihrer Position als Uno-Sonderermittlerin in Syrien zurück.

Die Würdigung für Del Pontes Lebenswerk erfolgt an der Preisverleihung des Prix Courage am 1. November in Zürich. Am gleichen Abend wird die Aargauer Alt-Regierungsrätin und Jury-Präsidentin Susanne Hochuli auch bekannt geben, wer von den sechs nominierten Helden des Alltags mit dem 22. «Beobachter Prix Courage» ausgezeichnet wird:

Christian Marti aus Zürich

Christian Marti hat einen Belegarzt der Hirslanden-Klinik auffliegen lassen, der das Tarifsystem zu seinem Vorteil ausnutzte. Als Marti, selbst Arzt, routinemässig ein Patientendossier überprüfte, bemerkte er Spitalrechnungen, die im Vergleich zu den üblichen Hausarzttarifen mindestens doppelt so hoch waren: Der Hirslanden-Arzt hatte systematisch ein Mehrfaches der Konsultationszeit sowie unnütze Laborpositionen verrechnet. Marti machte den Vorgang in der «Schweizerischen Ärztezeitung» publik. Als nichts passierte, veröffentlichte er den Bericht auf infosperber.ch. Dieses Mal mit voller Namensnennung des fehlbaren Arztes. Daraufhin wurde gegen den Hirslanden-Arzt eine Untersuchung eingeleitet: Er musste eine hohe fünfstellige Summe an die Krankenkassen zurückzahlen.

Robin Justine Schönbeck aus Nottwil

Robin Justine Schönbeck kämpft seit fünf Jahren gegen ihre unbekannte Krankheit an. Kopfschmerzen, Übelkeit und Fieberschübe sind ständige Begleiter. An manchen Tagen kann sie sich kaum bewegen vor Schwäche und Schmerzen. Bis heute kennt niemand die Ursache für ihr Leiden. Den Kopf in den Sand stecken kommt für sie jedoch nicht in Frage. Über Social Media trägt sie ihre Geschichte aktiv nach aussen und hofft, dadurch eine medizinische Spur zu finden. Sie will aufrütteln und auf die Situation von chronisch Kranken hinweisen.

Josef Karber aus Zürich

Josef Karber gewährte einer Armenierin in Not Kirchenasyl. Die heute 54-jährige Frau, die sich damals illegal in der Schweiz befand, lebte von 2011 bis 2018 in einem Zimmer im Pfarrhaus der Liebfrauenkirche in Zürich. Im Herbst des vergangenen Jahres geriet sie in eine Polizeikontrolle und konnte sich nicht ausweisen. Weil sie keine Papiere besass, verurteilte ein Zürcher Gericht den 59-jährigen Pfarrer Karber zu einer Busse von 5250 Franken. Bei der Verkündung des Urteils bedankte sich der Richter sogar beim Pfarrer für dessen Engagement. Die Armenierin wohnt heute wieder in der Notwohnung – inzwischen aber mit einer Aufenthaltsbewilligung.

Iluska Grass aus Zürich

Iluska Grass beschützte einen orthodoxen Juden vor Neonazis. Die Skins hatten den Mann verfolgt, bespuckt und mit Hitler-Parolen verhöhnt. Der Haupttäter, ein mehrfach vorbestrafter Neonazi, kam dank der 28-Jährigen vor Gericht und wurde aufgrund ihrer Aussagen im März 2018 wegen Rassendiskriminierung und Tätlichkeiten zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Der Haupttäter focht das Urteil an. Ende Februar 2019, fast vier Jahre nach der Tat, spricht ihn auch das Zürcher Obergericht schuldig. Seine Gefängnisstrafe wird auf zwölf Monate reduziert, zudem muss er dem Opfer 3000 Franken Genugtuung zahlen.

Markus Ramser aus Müllheim

Markus Ramser beschäftigt vorläufig aufgenommene eritreische Flüchtlinge. Der 68-jährige Bio-Bauer ist überzeugt, dass Integration nur gelingen kann, wenn man sie lebt. Damit macht er sich in seinem ländlichen, deutlich konservativ geprägten Umfeld nicht nur Freunde. Sein erster Schützling war Tesfu Adhanom. Weder Sprachprobleme noch der schwierige Nachzug von dessen Frau konnten Ramser zum Aufgeben bewegen. Selbst als die Eritreerin Rava, die er später ebenfalls beschäftigte, unerwartet schwanger wurde, suchte er Lösungen und kämpfte für sie mit der Gemeinde. Mittlerweile hat Tesfu Adhanom die zweijährige Attestlehre an der Landwirtschaftsschule Arenenberg abgeschlossen und arbeitet immer noch bei Ramser auf dem Hof.

Gaby Igual aus Effretikon

Gaby Igual klagte erfolgreich gegen eine der grössten Krankenkassen. Die Assura hatte ihren Spitalpatienten über Jahre zu viel verrechnet. Auf den sogenannten Spitalbeitrag von 15 Franken pro Tag packte die Kasse einen Selbstbehalt von zehn Prozent. Da der Betrag vollständig von den Patienten bezahlt werden musste, haben diese so jeweils 1.50 Franken zu viel bezahlt. Mit ihrem Ehemann beschloss die pensionierte Hausärztin, gegen die Assura zu klagen – ohne Anwalt. Die Kasse wehrte sich bis vor Bundesgericht, wo sie im Mai definitiv verlor. Mit ihrer Klage stoppten die Iguals eine Millionenabzocke im Gesundheitswesen.

Der «Beobachter Prix Courage» ist mit 15’000 Franken dotiert. (pd/cbe)

 



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