13.06.2014

Xherdan Shaqiri

Der Hoffnungsträger

Der WM-Start in Brasilien ist geglückt. Auch wenn Xherdan Shaqiri am Sonntagabend kein Tor geschossen hat: Der 22-jährige FC-Bayern-Star und Champions-League-Sieger ist der Hoffnungsträger der Schweizer Fussballfans. Er soll die Nationalmannschaft in Brasilien in ungeahnte Höhen führen und Trainer Ottmar Hitzfeld einen grossartigen Abgang bescheren. "persönlich" hat ihn kurz vor seinem Abflug in Bern getroffen.
Xherdan Shaqiri: Der Hoffnungsträger

Herr Shaqiri, herzliche Gratulation zu Ihrem letzten Titel, dem deutschen Cupsieg. Wissen Sie eigentlich, wie viele Titel Sie in den letzten Jahren gewonnen haben?
Da muss ich echt überlegen. Ich glaube, es sind etwa zwölf. Beim FC Basel waren es in drei Jahren fünf, beim FC Bayern sieben. 2011 und 2012 war ich zudem "CS Player of the Year" und ein Jahr zuvor – 2010 – "Rookie of the Year". Eigentlich gar nicht so schlecht (lacht).

Wird es einem da nicht langweilig?
Nein, überhaupt nicht. Es gibt für einen Spieler nichts Schöneres als einen Titelgewinn. Man kämpft das ganze Jahr für diesen Moment. Wenn es so weit ist, lösen sich alle Dämme. Das ist die Krönung der ganzen Saison. Das Schöne dabei ist, dass jeder Titel seine eigene Geschichte hat.

"persönlich"-Interviewtermin mit Matthias Ackeret in Bern.

Freut man sich auch, wenn man – wie
 Sie beim deutschen Cupfinal – gar nicht zum
 Einsatz kommt?
Selbstverständlich ist man enttäuscht, wenn
man nicht spielen kann. Für mich geht es aber in Ordnung, weil ich längere Zeit verletzt war. Aber man feiert ja damit nicht nur ein einzelnes Spiel, sondern eine ganze Saison. Für mich war diese Saison äusserst zufriedenstellend. Wir haben nach dem Cupfinal in Berlin die ganze Nacht durchgefeiert. Und ich war ganz sicher nicht der Letzte, der nach Hause gegangen ist.

Wenn Sie jetzt den FC Bayern München
 mit Basel vergleichen, ist die Freude nach einem Titelgewinn eine andere?
Deutschland ist eine ganz andere Bühne als die Schweiz. Dies nicht nur von der sportlichen Seite her, sondern auch von der medialen. Allein in München gibt es ein halbes Dutzend Tageszeitungen, die einen im Fokus haben. Aber das ist nur eine Seite: Auch der Empfang auf dem Marienplatz nach einem Titelgewinn ist ein Wahnsinnserlebnis.

Gab es auch schon unangenehme Erfahrungen?
Bis jetzt hat es zum Glück noch keine gravierenden Ereignisse gegeben. Ich bin mir aber bewusst, dass nicht immer alles nach Plan ablaufen kann. Es hat sicherlich schon Situationen gegeben, in denen man in der Zeitung etwas las, das falsch war.

Was beispeilsweise?
(Lacht) Vieles. Da ich medial nicht so erfahren bin wie mein Bruder, kümmert er sich um die Medienarbeit. Er liest alle Presseberichte durch und interveniert, wenn es notwendig sein sollte.

Nimmt er dann Rücksprache mit Ihnen?
Ja.

Die vergangene Saison beim FC Bayern
 war doch aussergewöhnlich. Nach einem fulminanten Start kam das Ganze ein bisschen ins Stottern. Ex-Präsident Hoeness wurde zu einer dreijährigen Haftstrafe verdammt, das Spielsystem von Trainer
 Pep Guardiola kam nach dem Ausscheiden in der Champions League plötzlich unter Beschuss. Wie reagiert man eigentlich als Spieler auf solche Situationen?
Gar nicht, das liegt auch nicht in unserer Befugnis. Als Spieler konzentriert man sich nur auf das Wesentliche. Es ist für uns tabu, über die Taktik des Trainers oder den Präsidenten zu sprechen. Wir wollen uns nicht durch Ausseneinflüsse ablenken oder gar irritieren lassen.

Aber geht das so einfach, wie Sie jetzt sagen?
Nein, einfach ist das nicht immer. Wir lesen schliesslich auch Zeitungen. Aber wenn man beim FC Bayern angestellt ist, muss man mit solchen Drucksituationen umgehen können. Der Druck beim FC Bayern ist enorm, aber das wusste ich schon vorher. Wenn ein Spieler damit nicht umgehen kann, hat er bei den Bayern nichts zu suchen.

Wie viel Einfluss hat ein Trainer wirklich, oder wird seine Rolle manchmal überschätzt?

Überhaupt nicht. Der Trainer ist die oberste Autorität innerhalb einer Mannschaft. Er ist derjenige, der uns auf den Gegner einstellt und die Taktik bekannt gibt. Wie das Spiel gegen Madrid gezeigt hat, läuft es nicht immer optimal. So ist aber der Fussball. Des- wegen war für uns der Gewinn des Doubles so wichtig.

Was ist Pep Guardiola für ein Typ?
Ein sehr angenehmer Mensch. Ich arbeite auf dem Platz sehr gern mit ihm zusammen.

Was gefällt Ihnen beim Training am wenigsten?
Das Auslaufen kann schon sehr langweilig und auch monoton sein. Über dessen Sinn wurde schon viel diskutiert, höchstwahrscheinlich gibt es einen.

Nochmals zu den Trainern. Sie haben das ganze Jahr unter Guardiola gespielt, 
jetzt kommt Hitzfeld an die Reihe. Ist dies nicht ein grosser Sprung?
Auf jeden Fall. Auch der Unterschied zwischen einer Club- und einer Nationalmannschaft ist enorm. Jeder Trainer arbeitet vollkommen anders. Man muss sich jedes Mal wieder neu einstellen.

Was liegt Ihnen mehr, Bayern oder 
die Nationalmannschaft?

(Lacht.) Ich fühle mich in der Nationalmannschaft sehr wohl, weil ich hier meine Kollegen habe. Auch der Trainer hat – trotz Verletzungen – sehr grosses Vertrauen in mich.

Shaqiri gewinnt mit dem FC Bayern München die diesjährige Meisterschaft.

Wer war Ihr Lieblingstrainer?
Schwierige Frage. Ich habe in der Vergangenheit doch einige Trainer erlebt und konnte von jedem profitieren. Für mich sind aber Jupp Heynckes und Ottmar Hitzfeld die besten. Hitzfeld hat sich bei mir in den letzten Monaten immer wieder gemeldet und SMS geschickt. Es war sehr mutig von ihm, dass er uns jungen Spielern vor drei Jahren das Vertrauen geschenkt hat.

Was bedeutet Ihre Verletzung für die WM?
Ich bin sicher an der WM wieder fit. Letzte Woche habe ich voll trainiert. Ich brauche den Spielrhythmus. Zu viele freie Tage sind für mich nicht gut.

Haben Sie mit Ihren Mitfussballern privat eigentlich viel Kontakt?
Während der Saison ist dies sehr schwierig. Die meisten haben bereits ein eigenes Umfeld in München oder leben mit ihrer Familie zusammen. Zu Beginn der Saison ist es anders, da sehen wir uns sehr viel, weil die meisten auch alleine sind.

Wie muss man sich Ihren Tagesablauf vorstellen?

Ich stehe relativ früh auf, so um acht oder neun Uhr. Um elf Uhr beginnt das Training, während der Saison findet dies nur einmal statt. Am Nachmittag habe ich meist frei.

Die Familie spielt bei Ihnen eine Riesenrolle. Sind Sie mit Ihren Verwandten täglich in Kontakt?

Ja, ich muss jeden Tag mit ihnen Kontakt haben, sonst fehlt mir etwas. Die Familie ist das Wichtigste, was ich habe. Und dies noch vor dem Fussball. Das wird bei Ihnen nicht anders sein. Meine Familie fährt jeweils nach München zu jedem Spiel von mir.

Wie muss man sich konkret vorstellen?
Ohne die Liebe und die Stärke meiner Familie könnte ich meinen Job gar nicht ausführen. In Basel war ich innerhalb unserer Familie sehr gut aufgehoben. Meine Mutter sorgte für alles. In München war es anfänglich ein bisschen schwieriger. Deswegen bin ich sehr glücklich, dass mein Bruder Ari nach Deutschland mitgekommen ist. Wir leben ausserhalb der Stadt auf dem Land.

Jetzt beginnt dann die Fussball-Weltmeisterschaft. Können Sie sich nach dieser anstrengenden Saison überhaupt noch für ein weiteres Ziel motivieren?
Der Hunger ist bei einem jungen Spieler wie bei mir so gross, dass ich deswegen überhaupt keine Bedenken habe. Meine Leidenschaft ist das Sammeln von Titeln. Unsere Mannschaft verfügt über sehr grosses Potenzial, obwohl unsere Gruppe mit Ecuador, Frankreich und Honduras keine einfache ist.

Das heisst?
Ich möchte momentan keine Prognose abgeben, was drin liegt. Die Hitze ist sicher auch ein Faktor, den es zu berücksichtigen gilt. Aber wir wollen in Brasilien das Beste aus unseren Möglichkeiten machen und unsere Fans, die uns an die WM begleiten, glücklich machen. Unser primäres Ziel ist es, guten Fussball zu spielen und für Schlagzeilen zu sorgen. Ich möchte nach der WM mit einem guten Gefühl auf die Strasse gehen.

Wer wird Weltmeister?
(Lacht.) Ich bin Fussballer und nicht Mike Shiva. Deutschland, Brasilien und selbstverständlich Titelverteidiger Spanien gehören zu meinen Favoriten. Eine Überraschung traue ich aber auch den Belgiern zu, die in den letzten Monaten eine hervorragende Performance hinlegten.

Haben Sie in der Nationalmannschaft persönliche Freunde?

Ja, mein bester Freund ist Admir Mehmedi, der beim SC Freiburg spielt. Wir tauschen uns regelmässig aus, auch unter dem Jahr. Er ist mir seit der U-17-EM in der Türkei ans Herz gewachsen. In der Nationalmannschaft teilen wir uns auch das Zimmer. Wir haben einen sensationellen Teamspirit. Das zeigte sich daran, dass wir uns ohne eine einzige Niederlage für die WM qualifiziert haben.

Wer steht Ihnen beim FC Bayern am nächsten?
Vor allem die Jungen, es handelt sich dabei um die Brasilianer. Ich mag eigentlich alle. Es gibt sicherlich Situationen, in denen man diskutiert. Im Training beispielsweise, wenn jemand unfair gefoult wird. Aber das gehört zum Leben. Nur so kann man sich weiterentwickeln.

Wie sehen die Hierarchien innerhalb einer Fussballmannschaft aus?

Im Fussball zählt nur die Leistung. Alter, Grösse, Nationalität spielen keine Rolle. Es hat beim FC Bayern München niemand Anrecht auf einen Stammplatz.

Wo sehen Sie sich innerhalb der Mannschaft?

Unter den ersten 14 Spielern.

Heute sind Sie in Bern und verteilen bei der Credit Suisse Autogramme. Sie haben den Status eines Popstars. Was ist das Wahnsinnigste, das Sie diesbezüglich erlebt haben?
Ich mag mich erinnern, dass eine Frau mit Selbstmord gedroht hat, wenn sie mich nicht sähe. In einer solchen Situation ist man völlig überfordert. Zum Glück hat es sich am Ende positiv entwickelt. Das ist die negative Seite der Popularität.

Seit 1993 ist die CS Hauptsponsorin des Schweizerischen Fussballverbandes. Agentur: Havas Worldwide Zürich.

Sie wurden auch schon von Sportminister Ueli Maurer ins Bundeshaus eingeladen.
Ja, das war sehr amüsant. Mein ehemaliger Teamkollege Alex Frei hat damals Steuererleichterung gefordert, als sich Bundesrat Maurer nach einem letzten Wunsch erkundigte. Leider ohne Erfolg.

Wie viele Fanbriefe bekommen Sie täglich?
(Lacht.) Es ist nicht so, dass ich keine bekäme. Meine Fans schreiben mir überall hin, nach München, zur Fussballnati oder an meine Familie. Das ist doch ein sehr schönes Gefühl und spornt einen auch an. Man will seine Fans nicht enttäuschen.

Ihr Vorbild?
Ronaldo, aber der "dicke". Ich wollte früher so aussehen wie er und habe auch seine Frisur imitiert.

Zum Schluss eine indiskrete Frage. Wer ist eigentlich diese Frau auf ihrem T-Shirt? 
(Lacht.) Monica Bellucci. Kännsch die nid?

Ansonsten haben Sie immer die Nummer
 23 auf Ihrem T-Shirt?
Ja, seit meinem ersten Natispiel. Wie Michael Jordan, auch er trägt immer die Nummer 23.

 

Interview: Matthias Ackeret, Bilder: Keystone

Dieses Interview erschien erstmals in der aktuellen "persönlich"-Printausgabe.


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen
Neue Podcast-Folge: Jetzt reinhören