14.10.2018

Regula Stämpfli

«Der ‹Selfism› grassiert gegenwärtig in voller Wucht»

Ein neues Phänomen erobert die Welt: «Trumpism». Die Autorin zeigt in ihrem neusten Buch, wie die Verletzung der menschlichen Würde via 140 Zeichen in den politischen Alltag eingreift. Ein Gespräch über Trump, Twitter und Tribute.
Regula Stämpfli: «Der ‹Selfism› grassiert gegenwärtig in voller Wucht»
«Zwischen Show und Person gibt es in Zeiten technischer Umbrüche keinen Unterschied», sagt Regula Stämpfli, Autorin des Buchs «Trumpism – ein Phänomen verändert die Welt». (Bilder: zVg.)
von Matthias Ackeret

Frau Stämpfli, Sie haben ein Buch mit dem Titel «Trumpism – ein Phänomen verändert die Welt» herausgegeben. Stammt der Ausdruck «Trumpism» von Ihnen?
Laut Wikipedia nein, obwohl ich im September 2017 sicherlich im Klein Report in der Schweiz die erste war, die «Trumpism»/«Trumpismus» als politische Kommunikationsform identifizierte. Dies tat ich nach einem Interview der WOZ mit der Regierungsrätin Jacqueline Fehr, die via Twitter den Intellektuellen Kacem El Ghazzali als «Muslim» runterputzte und der in der WOZ nur als «marokkanischer Blogger» betitelt wurde. Der Mediensturm, der sich daraufhin gegen mich erhob, weil ich es gewagt habe, «Trumpism» auch bei der Linken zu verorten, war bösartig, hinterhältig und vernetzt, konnte deshalb nur durch die Intervention einer Medienanwältin und durch die Unterstützung von Ursula Klein gestoppt werden. Daraus entstand aber die Idee, das mit dem Verlag vereinbarte Kolumnenbuch nach hinten zu schieben und ein Werk zum Phänomen «Trumpismus» zu verfassen.

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Sie beziehen sich auf die Twitterbotschaften des amerikanischen Präsidenten. Inwiefern verändern Sie diese die Welt? Oder anders gefragt: Hat sich bereits etwas verändert?
Es geht mir bei «Trumpism» nicht um die Wahl des 45. Präsidenten und auch nicht nur um Twitter als neues Herrschaftsinstrument in der Identität zwischen Regierenden und Regierten. Trumpismus handle ich in meinem Buch mittels längeren polit-philosophischen Essay ab. Es geht um sehr viel im Buch. Ich verknüpfe die Art und Weise, wie Politik gemacht wird mit der Analyse, warum dies so ist und wohin uns dieser Hype um Hashtags, Social Media, politische Polarisierung uns alle führt.

Erzählen Sie mehr…
Zwischen Show und Person gibt es in Zeiten technischer Umbrüche keinen Unterschied. Die Trennung zwischen öffentlich und privat ist völlig aufgehoben mit dem Resultat, dass nicht mehr um Institutionen gekämpft und im öffentlichen Raum nach gegebenen Regeln gestritten wird. Es werden Menschen aufgrund ihrer Ansichten oder biologischen Erscheinung der Vernichtung preisgegeben – siehe Hate-Speech. Und zwar von allen politischen Seiten. Dieser «Selfism», der Aufstieg des herrschsüchtigen, ungebundenen Selbst, das links und rechts vergoldet wird, grassiert gegenwärtig in voller Wucht. Dass vor lauter Trump auch die Gegnerinnen völlig totalitär werden, erkennen nur Wenige, wofür ich den Begriff «Blindspirale» entwickelt habe. Den Aufstieg des 45. Präsidenten setze ich auch in Zusammenhang mit dem 44.  – eines der schwierigsten Kapitel über die Mittäterschaft von Barack Obama am gewachsenen Zerfall westlicher Demokratien. Dies alles setze ich in Bezug zur Welttheorie von Hannah Arendt (lacht). Sie sehen, es geht wirklich um viel und kein Wunder habe ich viel länger gebraucht, das Buch zu Ende zu bringen als geplant.

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Ihr Buch hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Wie sind Sie beim Schreiben vorgegangen?
Jeder Tag schwemmte neues Material auf meinen Schreibtisch. Gleichzeitig hatte ich noch meinen Jüngsten zu versorgen, der für ein gutes Abitur büffeln, aber gleichzeitig vor allem Party machen wollte (lacht). Auch mein normaler Job – unter anderem als Dozentin und unabhängige Expertin – forderten ihren Tribut, von den Kolumnen, die auch geschrieben werden wollen, ganz zu schweigen. Dazu kam, dass ich «Trumpism» völlig neu dachte und beschrieb. Das Phänomen reicht weit über den «Mann für böse Überraschungen» hinweg zu Pussyhats, zum Banksprech, zur Demokratie für Zocker in der unseligen Umfragehysterie, zum Menschen als lebende Münze und zum unsagbaren Selfie. Von Ayn Rand über Zygmunt Bauman, leider auch Judith Butler musste ich alles lesen und in meiner ganz eigenen Art darüber nachdenken. Allein zur Geldtheorie habe ich 300 Seiten verfasst, die alle im Papierkorb gelandet sind. Die Kommunikationstheorie, die ich nicht mit Luhmann, sondern mit Hannah Arendt erarbeitete, um Fake/Wahrheit als Selfism/Welt in Beziehung zu bringen, war «no piece of cake». Aufgrund der Feindseligkeiten im Netz hatte ich aber oft grosse Lust, das ganze Projekt hinzuschmeissen. Doch, hey: Ich hab durchgehalten!

«Trumpism» verkörpert für Sie alles Böse der Welt, ist aber – wie Sie schreiben – auch der «Ton unserer Zeit». Das tönt sehr pessimistisch…
Einspruch! Trumpismus ist für mich eine Art paradoxer Intervention. Nur dank dem US-amerikanischen Präsidenten reden wir über die Grenzen des Freihandels, nur dank seiner Wahl erwachen die alltagspornografisch verseuchten Frauengenerationen wieder, nur wegen seines expliziten Rassismus – denken Sie an Charlottesville – gewinnt der Rechtsstaat wieder an Bedeutung und nur dank ihm, bewegen sich auch die Social Media wieder in Richtung Partizipation, weil selbst der hinterletzte Facebook-Nutzer gemerkt hat, wie manipuliert wird. Oder denken Sie, die EU hätte eine – zugegebenermassen nicht ideale, aber immerhin – Datenschutzverordnung und denkt endlich aktiv über das Urheberschutzrecht im Netz nach?

«Ich habe noch kein ähnlich gutes Format gefunden»

Sie twittern selber. Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen dabei?
Meine Liebesgeschichte mit den sozialen Medien ist spätestens seit Sommer 2017 vorbei. Ich habe in einem Artikel über die «Pogrome des Intellekts» gesprochen, die sich, links und rechts, den neuen Medien angenommen haben. Zudem vermisse ich den Podcast #NoRadioShow mit Stefan M. Seydel und Moritz zum Medienwechsel. Ich habe noch kein ähnlich gutes Format gefunden, um viel zu lernen und mir punkto technischer Revolutionen auch Gehör zu verschaffen. Glücklicherweise machen wir bei Swissfuture ein eigenes Projekt zur «Digitalen Demokratie».

Klingt ernüchternd…
Ja, aber doch trotz Ernüchterung punkto Twitter, Instagram und vor allem Facebook bin ich äusserst positiv was die Zukunft betrifft: Die Datentransfersteuer liegt nah, das bedingungslos garantierte Grundeinkommen, das Prinzip, das die eigenen Daten nicht irgendeiner Werbefirma in Kalifornien gehören, die Skepsis gegenüber dem Überwachungsstaat und, und, und. Wir haben schon so viele kluge Köpfe, was fehlt, ist die politische Umsetzung. Doch die kommt vielleicht schneller als erwartet und über parteipolitische Differenzen hinweg. Zudem mag ich es, wenn alte Autoritäten bröckeln. Oder hätten Sie jemals gedacht, dass es ein Jahr ohne Literaturnobelpreis gibt und der Friedensnobelpreis an zwei Menschen geht, die sich gegen sexuelle Gewalt engagieren?

Was würden Sie Donald Trump sagen, wenn Sie ihn persönlich treffen würden?
«Hello Mr. President, thank you for your invitation.» Das gehört sich so. Er verkörpert für mich eine demokratische Institution und ich bekämpfe nicht Personen, sondern deren Ansichten. Wer Antidemokratie mit Antidemokratie bekämpft, erntet nur Totalitarismus.



Regula Stämpfli ist Politikdozentin mit Schwerpunkt Hannah Arendt, political Design and Digital Transformation, Bestseller-Autorin und unabhängige wissenschaftliche Beraterin für die Europäische Union. Sie gilt als eine der anerkanntesten Experten für Demokratie, Medien und Digitalisierung.

Stämpfli ist in Brüssel, Zürich und Paris tätig, wohnt in München und ist Mitglied in zahlreichen internationalen Forschungsinstitutionen und Stiftungen. @laStaempfli – so ihr Twittername – fungiert immer wieder im «Who is Who» der Schweiz und wurde 2016 unter den 100 einflussreichsten Businessfrauen der Schweiz angeführt.



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Kommentare

  • Niklaus Herzog, 13.10.2018 18:54 Uhr
    Viel Wichtiges und Richtiges tut Regula Stämpfli in ihrem Interview der Leserschaft kund. Dies gilt insbesondere für die Verortung linker Reaktionsmechanismen auf das Phänomen "Trump" und dessen Metastasen. "Wer Antidemokratie mit Antidemokratie bekämpft, erntet nur Totalitarismus", so Stämpfli im O-Ton. Allerdings: Mit dem Satz "Zudem mag ich es, wenn alle (sic) Autoritäten bröckeln" konterkariert sie ihre luzide Analyse gleich selbst. Denn die Negation jeder Form von Autorität für unweigerlich ins Chaos. Ein Chaos, das wiederum nur mit totalitären Herrschaftsformen gebändigt werden kann. Wie brachte es doch der Philosoph Josef Pieper kongenial auf den Punkt: "Sandkörner kann nur die geballte Faust zusammenhalten."

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