Herr Lyssy, jüngst wurden Ihre wichtigsten Filme in einer DVD-Box veröffentlicht. Zeit, um kurz Rückblick zu halten: Würden Sie an den Filmen in der Box heute irgendwas ändern?
Im Nachhinein findet man immer einen Grund, etwas zu ändern. Das müsste dann aber nicht unbedingt heissen, zu verbessern. So wie die Filme auch heute noch zu sehen sind, kann ich voll dahinter stehen.
1961 waren Sie als Kameraassistent beim Schweizer Spielfilm "Demokrat Läppli" beteiligt, Ihr Einstieg ins Filmgeschäft. Wie viele Hände braucht man, um die guten Schweizer Filme abzuzählen, die seither erschienen sind?
Ich denke, zwei Hände, also zehn Finger genügen, wenn man die Filme an der Qualität, aber auch am Erfolg in den Kinos messen würde. "Die Schweizermacher" gehört sicher dazu. Dann fallen mir ein: "Dällebach Kari" von Kurt Früh, "Charles mort ou vife" von Alain Tanner, "Linvitation" von Claude Coretta, "Das Boot ist voll" von Markus Imhoof, "Les petites fugues" von Yves Yersin, "Reise der Hoffnung" von Xavier Koller, "Höhenfeuer" von Fredi Murer.

Was ist eigentlich der Ausgangspunkt? Wann sagt Lyssy: Okay, wir haben hier eine Filmidee, die es zu verfolgen gilt?
Das sage ich, wenn mir eine Idee erst mal gekommen ist. Das kann aufgrund der Lektüre eines Buches, eines Zeitungsartikels oder einer Geschichte, die mir erzählt wird, passieren.
Zuletzt haben Sie vor allem Dokumentarfilme gedreht. Haben Sie mit den Spielfilmen abgeschlossen?
Ich hatte an sich, nach meiner überstandener Depressionserkrankung 1998, beschlossen, kein Spielfilmdrehbuch mehr zu schreiben. Vor sieben Jahren lernte ich den Schriftsteller und Drehbuchautor Dominik Bernet kennen. Daraus entwickelte sich eine sehr erfreuliche, kreative, intensive Zusammenarbeit, die bis heute andauert. Wenn es uns endlich gelingt, die unsäglich harzige Finanzierung des neuen Filmprojektes, einer schwarzen Komödie, sicher zu stellen, dann hoffen wir, im nächsten Herbst mit den Dreharbeiten beginnen zu können.

Ihr erfolgreichster und bekanntester Film ist nach wie vor "Die Schweizermacher" von 1978. Wie präsent sind Ihnen die Dreharbeiten noch?
Einiges ist mir gut in Erinnerung geblieben, anderes ist in die grauen Zonen des Stammhirns abgesunken. Das gilt für alle meine Filmarbeiten.
Was ist Ihnen denn zum Beispiel gut in Erinnerung geblieben?
Es gibt die Szene, in der Moritz gespielt von Emil im Bett liegt und sich dann blitzschnell verstecken muss, weil sein Kollege Bodmer vor der Tür steht. Nachdem dieser wieder gegangen ist, sucht Milena nach Moritz, schaut im Bett und im Kleiderschrank nach, bevor sie ins Bad geht und ihn dort in der Badewanne entdeckt. Nun probten wir die Szene und um ein wenige Abwechslung in den Drehalltag zu bringen, bat ich Emil sich für die Probe im Kleiderschrank zu verstecken, ohne das Béatrice (Milena) darüber informiert wurde. Es ging los, Probe, Ruhe, Action, Béatrice kommt ins Schlafzimmer geeilt, zieht die Bettdecke weg, kein Emil, dann öffnet sie die Kastentüre und entdeckt unerwartet Emil, der ihr entgegen faucht. Natürlich schrie sie auf und fiel beinahe um vor Schreck und wir schüttelten uns vor Lachen. Zum Glück bekam sie keinen Herzinfarkt! Von Zeit zu Zeit ein kleiner Spass, das hält die Crew bei Laune!
Der Film ist eine feinsinnige Satire auf Einbürgerungswesen und Bünzlitum. Wussten Sie vor 34 Jahren schon, dass sie da etwas für die nächsten Jahrzehnte kreierten?
In diesem Ausmass wusste ich es nicht, konnte es nicht wissen, denn der Erfolg eines Films lässt sich nicht programmieren. Mir war zwar beim Verfassen des Drehbuches schon bewusst, dass es eine gute Geschichte ist und danach der fertige Film die Qualität hatte, die ich mir gewünscht hatte, dass es aber so ein Erfolg für Jahrzehnte werden würde, das hatten weder ich noch alle, die am Film beteiligt waren erwartet.
In Emil Steinberger und Walo Lüönd haben Sie damals die idealen Hauptdarsteller gefunden. Gibt es heute noch Schauspieler von diesem Schlag?
Jeder Schauspieler ist zuerst mal eine eigenständige, unverwechselbare Persönlichkeit, die mit ihrer Begabung, ihrem Können entscheidend dazu beiträgt, ob eine Geschichte auf der Leinwand glaubwürdig rüberkommt. Matthias Gnädinger und Christian Kohlund, die beiden Hauptdarsteller in meinem Film "Leo Sonnyboy"(1989) gehören dazu, aber auch die grossartige, leider verstorbene Hilde Ziegler, die in vier meiner Spielfilme mitwirkte, oder Renate Schroeter, meine Filmfreundin in der Komödie "Teddy Bär" (1983). Heute sind es Namen wie Hanspeter Müller-Drossaart, Andrea Zogg, Mike Müller, Nils Althaus oder Carla Juri, die sich zu Publikumslieblingen entwickelt haben.
Hat es Sie nie gejuckt nochmals mit Emil zu drehen?
Doch, das hatte es. 1981 in meiner Spielfilmkomödie "Kassettenliebe" spielte Emil neben Hilde Ziegler, Franziska Oehme, Wolfram Berger, Christina Amun und Buddy Elias eine Hauptrolle. Der Film wurde zwar von den Kritikern verrissen, war aber trotzdem in der Saison 1981/82 mit gegen 200'000 Besuchern der erfolgreichste Schweizerfilm in der Kinos.
Der Film zeigt auch Zürich vor gut 30 Jahren. Wieso ist die Stadt so selten in Filmen zu sehen? Wieso macht niemand mal einen Zürich-Film? Diese Stadt hat doch Charakter!
Zweifellos hat Zürich als Stadt Charakter. So gesehen sind neben "Die Schweizermacher", auch meine Filme "Kassettenliebe", "Teddy Bär" und "Leo Sonnyboy" ausgesprochene Zürifilme. Dazu gehört z.B. auch der Film "Strähl" und demnächst kommt ein weiterer ausgesprochener "Stadtzürifilm" in die Kinos: "Dead Fucking Last". Es gibt sie schon, die urbanen Filmgeschichten, aber in der Tat, neben der Schwemme von Alpenfilmen könnte man den Eindruck bekommen, unser Land bestünde nur aus Bergen, Tälern, Sennen, Hirten und Jodlern.
Sie haben in der Vergangenheit mehrfach darüber gesprochen, wie zermürbend es ist Geld für einen Film zusammenzutrommeln. Woran liegt das? Als Laie hat man das Gefühl, es gelange viel öffentliches Geld ins heimische Filmschaffen.
Ein Tatbestand vorweg: Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sind bei uns die staatlichen Förderungsgelder vergleichsweise bescheiden. Vor vierzig Jahren, als das Filmgesetz ins Leben gerufen wurde, betrug der Filmkredit 1 Million. Das war damals schon zuwenig. Mittlerweile stehen etwas über 20 Millionen zur Verfügung und da ist immer noch zu wenig. Der Grund liegt darin, dass einerseits die Subventionen zwar kontinuierlich anstiegen, anderseits die Filmemacher d.h. Produzenten, Autoren und Regisseure sich im Laufe der Jahrzehnte wie Sand am Meer vermehrten. Daran sind die unzähligen Filmschulen, die in den letzten Jahren landesweit wie Pilze aus dem Boden schossen massgeblich beteiligt. So ist das in unserem kleinen Filmland und so wird es wohl bleiben.
Eine letzte Frage: Wissen Sie, was mit dem wunderschönen alten, schwarzen Volvo passiert ist, den Walo Lüönd in «Die Schweizermacher» herumkutschieren darf?
Leider nicht. Wie so vieles andere, verschwinden auch Requisiten auf Nimmerwiedersehen nach den Dreharbeiten.
Und allerletzte Frage: Haben Sie das Gefühl, dass Ihre anderen Filme wegen der enormen Strahlkraft von "Die Schweizermacher" oft etwas zu kurz kommen?
Manchmal denke ich, dass dem so ist, aber mit den Jahren habe ich mich daran gewöhnt.
Interview: Adrian Schräder

