13.07.2018

Ottmar Hitzfeld

«Ich geniesse die WM jetzt als Pensionär»

Am Sonntag findet an der Fussball-WM der Final zwischen Frankreich und Kroatien statt. Der 69-jährige Erfolgstrainer, zweifache Champions-League-Sieger und ehemalige Schweizer Natitrainer verfolgte diese WM vor dem heimischen TV. «persönlich» traf ihn zu einem offenen Gespräch.
Ottmar Hitzfeld: «Ich geniesse die WM jetzt als Pensionär»
Ottmar Hitzfeld, ehemaliger Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft, nach der Ankunft auf dem Flughafen Zürich-Kloten vor vier Jahren. Nach der 1:0-Niederlage gegen Argentinien im Achtelfinale der Fussball-WM in Brasilien scheidet die Nati aus dem Turnier aus. (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)
von Matthias Ackeret

Herr Hitzfeld, Deutschland, als amtierender Weltmeister, ist bereits in der ersten Runde ausgeschieden. Worauf ist dies zurückzuführen?
Ehrlich gesagt, ist dies für mich ein Rätsel. Damit hätte ich im Vorfeld überhaupt nicht gerechnet; ich hatte die Deutschen sogar zu den Favoriten gezählt. Als sie in den Vorbereitungsspielen gegen Österreich verloren, sah man aber, dass der Wurm drin ist. Das darf einfach nicht passieren. 

Vor der Europameisterschaft 2012 haben Sie mit der Schweizer Nationalmannschaft Deutschland auch geschlagen.
Ja, das war in Basel. Dieser 5:3-Sieg war für mich als Deutscher ein sehr wichtiger Sieg, obwohl es nur ein Trainingsspiel war. Im Gegensatz zum Österreich-Spiel sind die Deutschen damals mit ihrer Topmannschaft angetreten. Das war die Sternstunde von Eren Derdiyok, der drei Tore beisteuerte. Deutschland oder Spanien zu schlagen, ist für jeden Trainer ein Highlight.

«Für Deutschland ist dieses Ausscheiden ein Schockerlebnis»

Was Ihnen mit der Schweizer Fussballnationalmannschaft 2010 gelungen ist. Aber nochmals, was könnten die Ursachen für das deutsche Versagen sein?
Für Deutschland ist dieses Ausscheiden ein Schockerlebnis, eine absolute Katstrophe, obwohl bereits bei den vergangenen Weltmeisterschaften auch Italien und Frankreich als amtierende Weltmeister in der Vorrunde ausgeschieden sind. Dieses Mal kam es völlig unerwartet. Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Spieler waren zu wenig in Form oder sind an den Erwartungen zerbrochen. Löw hatte beim Zusammenstellen des Teams keine glückliche Hand, indem er auf bewährte Spieler verzichtete.

Welchen Einfluss hatte die Özil-Gündoğan-Affäre auf das Ausscheiden der Deutschen?
Diese ganze Geschichte hat eine Dimension angenommen, die übertrieben war. Für das Innengefüge der Mannschaft war es keineswegs positiv, weil jeder Spieler von den Journalisten und der Öffentlichkeit permanent damit konfrontiert wurde.

In der Schweiz hatten wir mit dem Doppeladler eine ähnliche Geschichte (persoenlich.com berichtete).
Ja, auch diese war meiner Ansicht nach übertrieben. In unserer medialen Gesellschaft wird ein solches Ereignis plötzlich zu einer ganz lästigen Affäre. 

Aber der Balkankonflikt war ja auch zu Ihrer Zeit ein Thema.
Ja, aber der «Doppeladler» tauchte bislang in der Nationalmannschaft nicht auf, höchstens in den Vereinen. Ich habe die ganze Problematik als Trainer immer wieder angesprochen. Aber das Thema ist mit vielen Emotionen verbunden. Für den Trainer ist dies eine äusserst unangenehme Angelegenheit, weil die Spieler die Aussenwirkung ihres Verhaltens nicht richtig einschätzen können. Hoffentlich war die ganze Diskussion lehrreich.

«Der Stress, den ein Trainer hat, ist enorm»

Haben Sie es nie bereut, dass Sie nicht mehr am Spielfeldrand stehen?
(Lacht) Nein, beim besten Willen nicht. Der Stress, den ein Trainer während eines solchen Turniers hat, ist enorm. Ich geniesse die WM jetzt als Pensionär. Ausser dem Serbien-Spiel, bei dem ich live vor Ort war, habe ich alle Spiele in Lörrach oder Engelberg vor dem Fernseher verfolgt. 

Was waren Sie mehr: Extrainer, Fan oder einfach Zuschauer?
Mittlerweile habe ich mich an meinen neuen Status als Pensionär gewöhnt. Es dauerte nach meinem Rücktritt noch ganze zwei Jahre, bis der Druck nachgelassen hatte und ich mich nicht mehr als Trainer fühlte, wenn die Schweizer Nationalmannschaft spielte. Heute kann ich die Spiele wie ein normaler Fan vor dem Fernseher verfolgen.

Sie machten aus dem Stress, den ein Trainer hat, nie eine Mördergrube. Wie hat sich dieser geäussert?
Es geht um mehr als um ein einzelnes Spiel. Es geht ständig um den Ruf und die Existenz. Gerade als junger Trainer ist es wichtig, dass man Erfolg hat. Wenn man ein-, zweimal entlassen wird, steht man plötzlich auf der Strasse und findet keinen Job mehr. Diesen Druck muss man aushalten können. Als ich zu Dortmund wechselte, war ich bereits 42-jährig. Ich wusste, dass nach einer Entlassung das Abenteuer Bundesliga bereits wieder vorbei sein und ich in Deutschland keine Stelle mehr finden würde.

«Wichtig ist, dass man sein ganzes Leben auf den Trainerberuf ausrichtet»

Sie hatten vom ersten Moment an Erfolg. Was haben Sie besser gemacht als die anderen?
Wichtig ist, dass man sein ganzes Leben auf den Trainerberuf ausrichtet und auf das Privatleben verzichtet. Für einen Trainer haben der Fussball und die Mannschaft oberste Priorität. Wenn die Mannschaft am Samstag spielte, blieb ich am Freitag zu Hause und konzentrierte mich voll auf den kommenden Match. Wer diesen Beruf ausübt, muss zu 
100 Prozent dabei sein und sollte praktisch Tag und Nacht an nichts anderes als an Fussball denken.

Bei Ihrem letzten Spiel überhaupt vor vier Jahren schieden Sie mit der Schweizer Nationalmannschaft gegen Argentinien auch unglücklich aus.
Ja, es war sehr knapp. In der 118. Minute erzielte Ángel Di María den Siegtreffer für Argentinien. Wenig später traf Dzemaili nur den Pfosten, sodass wir aus dem Achtelfinal ausschieden. Argentinien nahm später am Final teil. Für mich war es auch hier wichtig, das Spiel abzuhaken und das Positive von der WM mitzunehmen. 

In einem Interview betonten Sie, dass der Druck für einen Schweizer Nationaltrainer genau gleich hoch ist wie für einen deutschen Nationaltrainer.
Er ist sicher anders. Als deutscher Nationaltrainer sollte man unter die letzten vier kommen. Darum ist das Ausscheiden aus der Vorrunde auch eine solche Katastrophe. Aber auch für einen Schweizer Nationaltrainer sind die Erwartungen hoch: Er sollte die Gruppenphase überleben und ins Achtelfinale vorstossen. Dies ist gelungen. Aber es ist längst keine Selbstverständlichkeit. Trotz unseres Siegs gegen den späteren Weltmeister Spanien haben wir 2010 in Südafrika die Gruppenphase nicht überlebt. Dass wir diesmal weitergekommen sind als Deutschland, kann man fast schon als historisch bezeichnen: Deutschland hat die besseren Spieler und auch eine grössere Auswahl als die Schweiz. Dies hängt mit der Grösse des Landes zusammen. Während des Turniers sind die Erwartungen aber genau gleich hoch.

«Der Fussball ist perfekter geworden»

Was hat sich in den vergangenen dreissig Jahren geändert?
Der Fussball ist perfekter geworden. Das Kombinationsspiel hat sich bereits bei den Junioren durchgesetzt. Früher hatte man längere Bälle, oder man hat auch nach aussen gespielt, heute wird sogar vor dem Tor der Ball noch hin und her geschoben. Die spanische Nationalmannschaft wurde 2010 mit dem Tiki-Taka-Fussball Weltmeister, mittlerweile spielen es alle.

Nur hört man das Wort nicht mehr.
Vielleicht weil es nichts Besonderes mehr ist. Die Spanier beherrschen dieses Prinzip immer noch am besten, im Vorbereitungsspiel gegen die Schweizer hatten sie 65 Prozent Ballbesitz. 

Trotzdem schlugen Sie Spanien.
Aber mit einem defensiven Konzept. Es ist praktisch unmöglich, die Spanier mit Tiki-Taka zu schlagen.

Da erkennt man die Handschrift des Trainers.
(Lacht) Ja, aber die beste Strategie nützt einem nichts, wenn man keine Spieler hat, die sie umsetzen können. Das Ausscheiden von Deutschland ist der beste Beweis, dass im Fussball nicht alles planbar ist. 



Das Interview mit Ottmar Hitzfeld wurde vor dem Ausscheiden der Schweiz gegen Schweden geführt. Das ausführliche Interview erscheint in der Juli-Ausgabe von «persönlich», die in diesen Tagen erscheint.



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