16.11.2022

Max Frisch / Ingeborg Bachmann

«Ich weiss nicht, was sensationell ist»

In diesen Tagen veröffentlicht der Suhrkamp-Verlag den lang erwarteten Briefwechsel der Literaturstars Max Frisch und Ingeborg Bachmann, deren Liebe tragisch endete. Julian Schütt, Max-Frisch-Biograf und CH-Media-Feuilletonredaktor, über deren Bedeutung.
Max Frisch / Ingeborg Bachmann: «Ich weiss nicht, was sensationell ist»
«Die Veröffentlichung der Briefe kommt letztlich Bachmann wie Frisch zugute», so Julian Schütt, Max-Frisch-Biograf und CH-Media-Feuilletonredaktor. (Bild: zVg)
von Matthias Ackeret

Herr Schütt, wie muss man den Briefwechsel zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann beurteilen? Was macht ihn so aussergewöhnlich?
Ich behaupte, vor zwanzig Jahren wäre die Veröffentlichung dieses Briefwechsels noch ein kulturelles Grossereignis gewesen. Jetzt sprechen zwar alle von einer «Sensation», damit es der Briefwechsel aufs Cover der Zeit und der NZZ am Sonntag schafft. Aber sensationell ist höchstens, dass die Briefe nach allen Widerständen der Bachmann-Erben endlich zugänglich sind.  

Die Literaturgeschichte müsse neu geschrieben werden. Ist dies wirklich der Fall?
Ich wüsste nicht, weshalb. Allenfalls müssten die Bachmann-Groupies jetzt die eine oder andere Stellschraube neu einstellen. Der Briefwechsel zeigt, dass Frisch weder der Verräter noch der Mörder der Dichterin war, wie das in Teilen der Germanistik und Literaturkritik jahrzehntelang gepredigt wurde.

Waren Sie überrascht, als Sie den Briefwechsel gelesen haben?
Ja, immer wieder. Ich habe als Biograf zuerst nur Frischs Briefe lesen dürfen, der immer zweifelt, ob Bachmann ihn liebt. Als ich jetzt auch Ingeborg Bachmanns Briefe lesen konnte, habe ich erfahren, dass sie ebenfalls immer zweifelt, ob er sie wirklich liebt. Aber trotz oder gerade wegen all der Zweifel belegt der Briefwechsel, wie sehr sie einander doch geliebt haben. Das hat mich am meisten überrascht, dass Bachmann auch Frisch wirklich geliebt hat.

«Manche Briefe bestechen durch ihre literarische Brillanz»

Ingeborg Bachmann war gegen die spätere Publikation dieser Briefe, jetzt hat man es getan. Ist dies richtig so?
Ja, sicher. Die Veröffentlichung der Briefe kommt letztlich Bachmann wie Frisch zugute, weil nun viele falsche Mythen und Gerüchte korrigiert sind. Zudem bestechen manche Briefe durch ihre literarische Brillanz. Und ich kenne kein Buch, in dem die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der offenen Liebe eindringlicher und verzweifelter dargestellt sind.

Sie schreiben seit vielen Jahren am zweiten Band Ihrer Max-Frisch-Biografie. Kann man noch weitere Überraschungen erwarten oder sind nun alle Geheimnisse gelüftet?
Keine Angst, da wird noch einiges zum Vorschein kommen, denn Frisch hat auch mit anderen, weniger bekannten Frauen überraschende Briefe ausgetauscht. Und ich bin auf Dokumente gestossen, die einen neuen und sehr heutigen Max Frisch zeigen.



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