19.02.2018

Bernhard Russi

«Ich will immer die Grenzen ausloten»

Galionsfigur des Schweizer Sports, Skipisten-Star-Architekt und seit 41 Jahren «Blick»-Kolumnist: Bernhard Russi hat trotz seines Rücktritts als SRF-Kommentator nicht vor, in den Ruhestand zu gehen. «persönlich» hat ihn in Andermatt zum Interview getroffen.
Bernhard Russi: «Ich will immer die Grenzen ausloten»
Bernhard Russi im Hotel «The Chedi» in Andermatt. (Bild: Marc Wetli)
von Matthias Ackeret

Herr Russi, Sie haben 38 Jahre lang die Skirennen des Schweizer Fernsehens kommentiert. Seit dieser Saison ist es vorbei (persoenlich.com berichtete). Haben Sie keine Entzugserscheinungen?
Nein. Ich getraue es mich fast nicht zu sagen, aber ich bin überglücklich, dass ich während des ganzen Winters am Wochenende nicht mehr arbeiten muss.

Warum haben Sie dies dann so lange gemacht?
(Lacht.) Diese Frage drängt sich auf. Es war wirklich eine wunderschöne und auch intensive Zeit. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich diesen Job so lange ausüben konnte. Aber jetzt freue ich mich über die neue Freiheit. Ich war als Zuschauer bei zwei Rennen dabei, zuletzt in Wengen.

Ihre olympische Goldmedaille von Sapporo 1972 ist wohl die berühmteste der Schweiz. Wo haben Sie sie eigentlich aufgehängt?
Die Medaille liegt bei mir zu Hause in einer Schublade. Eigentlich müsste sie im Talmuseum Ursern in Andermatt hängen, doch ich habe sie mir kurzfristig ausgeborgt. Da ich aber schon mitbekommen habe, dass sich Gäste des Museums nach der Medaille erkundigt haben, bringe ich sie wieder zurück. Ich habe bei mir daheim bewusst weder Medaillen noch Pokale oder Fotos ausgestellt.

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Interessant ist doch, dass Sie nach Ihrem Rücktritt vom aktiven Spitzensport nicht in ein Loch gefallen sind und sich sofort wieder einer anderen beruflichen Aufgabe zugewendet haben. Beispielsweise als Pistenbauer. Ein Job, den es früher nicht gab.
Diesen Job gab es wirklich nicht. Doch es kamen mehrere Sachen zusammen, einerseits bin ich gelernter Hochbauzeichner, andererseits habe ich mich in meinen aktiven Zeiten über jene Skipisten aufgeregt, die wie Autobahnen konzipiert waren. Da ich zu wenig schwer bin, war dies nie mein Ding. Ich bevorzugte schwierige Pisten mit engen Kurven und Sprüngen. Dies habe ich dem FIS-Präsidenten auch kundgetan. 1981 hat mich Marc Hodler angefragt, was ich von der Abfahrtspiste halten würde. Ich sagte: «Der Berg ist gut, aber...» Dieses «aber» war für meine Karriere matchentscheidend. Die FIS wollte wissen, was ich darunter verstehen würde, und hat mich gebeten, einen eigenen Vorschlag zu machen.

Und jetzt werden Sie bei allen Olympischen Spielen angefragt, die Piste zu konzipieren? Oder gibt es jeweils eine Ausschreibung?
Ich war seit Calgary 1988 – mit einer Ausnahme – für alle Olympiapisten zuständig. Das hat sich so ergeben.

Wie ist die diesjährige Abfahrtspiste in Südkorea?
Sie ist abhängig von den Schneeverhältnissen und den Temperaturen. Sie kann sehr schwer sein und verfügt über sehr viele Sprünge, so wie ich es zu meiner aktiven Zeit gern gehabt hätte. Ich bin immer noch der Ansicht, dass für den Zuschauer die Sprünge bei einem Rennen das Wichtigste sind und dass diese das Rennen attraktiv machen.

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Glauben Sie, dass Olympische Spiele im Wallis eine Chance haben?
Vom technischen Gesichtspunkt aus bin ich überzeugt, dass die Schweiz imstande wäre, sehr gute Spiele ohne jeglichen Gigantismus durchzuführen. Ob aber ein politischer Wille besteht, Olympische Spiele durchzuführen, kann ich momentan nur sehr schwer abschätzen.

Es bräuchte eine Galionsfigur wie Sie.
Man spricht immer von Olympischen Spielen in der Schweiz. Doch dies ist falsch, da sie weder in Appenzell noch im Aargau, noch in Schaffhausen stattfinden, sondern in einer ganz bestimmten Region. Selbstverständlich benötigt man Satelliten, wie Bob in St. Moritz oder Curling in Lausanne. Doch eine Olympiade ist immer eine regionale Angelegenheit. Deswegen müsste ein Einheimischer wie Pirmin Zurbriggen die Spiele repräsentieren. Für einen Urner ist dies nicht möglich.

Trotzdem: Sie wären nach dem Wegfall der SRG der letzte gemeinsame Nenner der Schweiz
(Lacht.) Glauben Sie, dass die SRG wegfällt?

Nein.
Ich auch nicht. Darum erübrigt sich die Frage.

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Anders gefragt: Haben Sie manchmal unter der Last gelitten, die Identifikationsfigur eines Landes zu sein?
Ich selber habe dies nie so wahrgenommen. Da ich aber immer in der Öffentlichkeit stand, wusste auch jeder über mich Bescheid. Ich hatte das Glück, dass ich nach meiner aktiven Karriere praktisch nahtlos beim Fernsehen weiterarbeiten konnte. Zudem bin ich nun seit rekordmässigen 41 Jahren Kolumnist beim «Blick».

Wie viele Kolumnen müssen Sie schreiben?
Das haben wir vertraglich nicht vereinbart. Im Februar – während der Olympischen Spiele – werde ich wohl täglich aus Südkorea berichten.

Haben Sie einen Ghostwriter?
Nein, das habe ich bereits bei meinem Vertragsabschluss vereinbart. Dafür habe ich sofort Schreibmaschineschreiben gelernt. Für die erste Kolumne benötigte ich drei Tage, es war wirklich eine Qual. In der Schule habe ich überhaupt nicht gerne Aufsätze geschrieben; es liegt mir auch heute noch auf dem Magen, wenn ich weiss, dass ich in drei Wochen einen Artikel abliefern muss. Sobald das Thema aber vorgegeben ist, habe ich mit dem Schreiben kein Problem. Aber es geht nur mit einem Laptop, in den ich meine Kolumnen hineinhämmern kann. Kaum habe ich einen Kugelschreiber in der Hand, bin ich blockiert.

Und dann sind Sie seit vielen Jahrzehnten auch noch Markenbotschafter von Subaru.
Dieser Vertrag mit Walter Frey, den wir ständig stillschweigend verlängert haben, ist für uns beide ein absoluter Glücksfall. Es ist das, was man eine nachhaltige Werbepartnerschaft nennt, die beiden nützt. Subaru verfügt über sehr gute Marketingleute, die es auch nicht verspielen, indem sie mich zu allen möglichen und unmöglichen Handlungen drängen. Dazu hat mich noch die Optikerkette Visilab engagiert. Bei der Wahl solcher Mandate bin ich heikel. Waschmittelwerbung wäre für mich tabu.

Sie haben sich während Ihres Lebens immer wieder neu erfunden. Hatten Sie nie eine Lebenskrise?
Klar gab es Lebenskrisen. Das ist doch normal. Dass ich zwei Jahre nach meinem Rücktritt in ein schwarzes Loch fiel, war rückblickend sogar gut. Es brachte mich zurück auf den Boden, auf welchem ich mich wieder neu aufbauen konnte.

Sind Sie ein Glückskind?
Vielleicht. Manchmal aber auch ein Zocker.

In diesem Jahr feiern Sie einen runden Geburtstag. Wenn Sie zurückschauen,
gibt es eigentlich ein Russi-Erfolgsprinzip?
Ich will immer die Grenzen ausloten. Ob ich es schaffe, weiss ich im Voraus nicht, aber ich versuche es zumindest. Lädt mich jemand zu einer Vierpässefahrt mit dem Velo ein, winke ich nicht im Voraus ab. Im Gegenteil: Ich nehme die Rundfahrt in Angriff, scheitere dann vielleicht beim vierten Pass. Es ist klar: Je älter man wird, desto mehr verschieben sich die Grenzen nach unten. Was aber nicht bedeutet, dass man diese nicht austesten soll. Bis ins hohe Alter.

***

Bernhard Russi gehörte in den Siebzigerjahren zu den weltweit besten Abfahrern. Russi gewann 1972 eine olympische Goldmedaille und 1976 eine silberne. 1970 wurde er überraschend Weltmeister. Ausserdem entschied er zweimal eine Disziplinenwertung des Alpinen Skiweltcups für sich und siegte in zehn Weltcuprennen.

Nach seiner aktiven Karriere war Russi unter anderem als Werbebotschafter, als Co-Kommentator und Rennanalyst beim Schweizer Fernsehen sowie als technischer Berater des Weltskiverbandes FIS tätig. Als Planer zahlreicher neuer Abfahrtspisten trug er massgeblich zur Weiterentwicklung des alpinen Skisports bei.

Aufgrund seiner vielfältigen Aufgaben und zahlreichen Medien- und Werbeauftritte gehört er heute immer noch zu den prominentesten Schweizern. Er wird dieses Jahr siebzig und wohnt mit seiner Frau in seinem Heimatort Andermatt.

***

Das vollständige Interview mit Bernhard Russi erschien in der aktuellen Ausgabe des «persönlich»-Magazins.



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