02.02.2026

Felix E. Müller

«Man hätte aus Luxor lernen können»

Der Gründer der NZZaS und Stiftungsratspräsident des MAZ hat bewegte Tage hinter sich. Er fordert in einer Streitschrift die Abschaffung des Rentenalters und sieht durch die geplante Schliessung des Corso-Kinos das ZFF, an dem er beteiligt ist, bedroht. Zudem erinnern die Geschehnisse in Crans-Montana an seine eigenen Erfahrungen in Luxor 1997.
Felix E. Müller: «Man hätte aus Luxor lernen können»
«Unerklärlich ist für uns, weshalb der Stadtrat derart respektlos mit einem Festival umgeht», so Felix E. Müller, der am Zurich Film Festival beteiligt ist. (Bild: Archiv)

Herr Müller, Sie sind einer der Miteigentümer des Zurich Film Festival (ZFF). Nun sollen die Corso-Kinos geschlossen werden. Was bedeutet dies für das Festival?
Das Corso ist die zentrale Spielstätte des ZFF, und dies seit 2005, dem Gründungsjahr des ZFF. Heute ist die Achse Festivalzentrum auf dem Sechseläutenplatz und Kino Corso mit dem grünen Teppich die Zentralachse des Festivals. Dass hinter dem Rücken des ZFF die Aufhebung aller Kinosäle geplant wurde und wir von der Stadt ohne jedes Mitspracherecht einfach vor vollendete Tatsachen gestellt werden, stellt einen schweren Vertrauensbruch dar. Ob das ZFF ohne Corso erfolgreich betrieben werden kann, wissen wir im Moment nicht. Unerklärlich ist für uns, weshalb der Stadtrat derart respektlos mit einem Festival umgeht, das mittlerweile zu den bedeutendsten Kulturinstitutionen der Stadt gehört und deren Namen weltweit verbreitet.

Jetzt startete bereits eine erfolgreiche Online-Petition von AL-Gemeinderat und Kinoexperte Mischa Schiwow. Glauben Sie, dass dies die Stadt zur Umkehr zwingen wird?
Ich hoffe es doch sehr! Ich hoffe vor allem, dass es dem Gemeinderat gelingt, für Transparenz zu sorgen. So wäre es etwa interessant zu erfahren, warum die jetzige Kinobetreiberin Blue Cinema das Handtuch geworfen hat. Man kann doch im Stadthaus nicht immer betonen, wie sehr man partizipativ plane, aber konkret dann solche Musterbeispiele undurchsichtiger Kabinettspolitik liefern.

«Das Buch ist nicht aus persönlichem Frust geschrieben worden, weil ich selbst eine untypische Pensionierung erlebt habe»

Werden Sie selbst auch noch aktiv werden und wenn ja, wie?
Sicher werde ich mich für die Interessen des ZFF einsetzen, zumal ich privat Geld riskiert habe, um das Festival in fachkundigen Zürcher Händen zu halten.

Themenwechsel: Sie haben Ende Jahr das Buch «Schafft die Pensionierung ab» (Voima Verlag) publiziert. Wie kamen Sie auf dieses Thema? Aus einem persönlichen Frust heraus?
Das Buch ist nicht aus persönlichem Frust geschrieben worden, weil ich selbst eine untypische Pensionierung erlebt habe: Ich arbeitete voll bis 67 und nachher noch einige Jahre zu 50 Prozent. Ich habe mich einfach in dieser Zeit vermehrt mit dem Thema Pensionierung beschäftigt und bin zunehmend zu dem Schluss gekommen, dass das heutige System schlicht unsinnig ist.

Was finden Sie daran unsinnig?
Zentraler Punkt ist die Tatsache, dass die Schweiz jedes Jahr Zehntausende von arbeitsfähigen und weiter arbeitswilligen Personen zwangsweise in den Ruhestand schickt. Gleichzeitig beklagt sich die Wirtschaft auf allen Kanälen über den Fachkräftemangel. Dieses Manko wird dann über die Zuwanderung gelöst. Dass eine hohe Zuwanderung zu innenpolitischen Problemen führt, ist offensichtlich. Eine zweite Erfahrung war, dass man als Pensionierter von der Gesellschaft vom ersten Tag an als alt gelesen wird. Interessant war etwa, dass sehr viele Leute davon ausgehen, Pensionierte würden oder müssten gratis arbeiten. Sie gelten mit der Pensionierung als Arbeitskräfte zweiter Klasse.

In Ihrem Buch schildern Sie eindrücklich, wie schwierig und auch unnatürlich es sei, von einem Moment auf den andern zur Untätigkeit verdammt zu werden. Wie waren die Reaktionen auf Ihr Buch?
Die Reaktionen waren mehrheitlich positiv. Ich erhielt viele Reaktionen von Leuten, die mir schilderten, sie hätten gerne noch weitergearbeitet. Aber ihr Arbeitgeber habe ihnen dies verweigert. Und nach 65 nochmals eine Stelle zu finden, ist bekanntlich praktisch unmöglich. Kritik kam vor allem aus dem linken Lager, wo man behauptete, die von mir vorgeschlagene Liberalisierung der Pensionierung wäre zum Nachteil von körperlich belastenden Berufen. Doch es gibt keinen logischen Zusammenhang zwischen diesen beiden Fragen. Konkret: Was nützt es einer Schuhverkäuferin, wenn ein Google-Mitarbeiter mit 65 zwangspensioniert wird und nicht weiterarbeiten kann? Man könnte doch die Schuhverkäuferin früher als 65 pensionieren und den Google-Mitarbeiter später.

Gibt es politische Vorstösse, um diesen Umstand zu verändern?
Leider herrscht in Bern in dieser Frage eine totale Blockade. Im linken Lager hält man dogmatisch am Rentenalter 65 fest. Diese geht übrigens auf die Zeit des Ersten Weltkriegs zurück. Damals senkte das deutsche Kaiserreich das von Bismarck eingeführte Rentenalter 70 um fünf Jahre. Seither gilt dieses, obwohl die Lebenserwartung um mehr als 20 Jahre zugenommen hat. Den bürgerlichen Parteien fällt etwas phantasielos bloss eine generelle Erhöhung des Rentenalters ein, also gleiches System, nur eine höhere Schwelle für das Eintreten der Pensionierung. So sehr sachliche Gründe dafürsprechen mögen: Dieser Plan wird in jeder Volksabstimmung scheitern.

«Das MAZ muss seine Strukturen verschlanken, um die Finanzen im Gleichgewicht zu halten»

Wie verbringen Sie persönlich als «Pensionierter» Ihren Alltag?
Ich arbeite fast jeden Tag, wenn auch nicht mehr acht Stunden. Zum Beispiel schreibe ich Bücher.

Sie sind auch noch Stiftungsratspräsident vom MAZ. Welche Herausforderungen stellen sich dort momentan für Sie?
Das MAZ kann sich den allgemeinen Trends in der Medienbranche nicht entziehen. Das ist die Erkenntnis, die jetzt in Luzern angekommen ist. Die Zahl der Berufseinsteiger nimmt ab, die Verlagshäuser sind weniger bereit, in Ausbildung zu investieren. Das MAZ muss seine Strukturen verschlanken, um die Finanzen im Gleichgewicht zu halten. Gleichzeitig streben wir den Status einer Höheren Fachschule an, damit der MAZ-Abschluss einen offiziellen Status erhält. Dies spielt eine wichtige Rolle, wenn man als Journalist beruflich weiterziehen und in eine andere Branche wechseln will. Der auffällige Trend der letzten Jahre ist doch, dass Journalismus immer weniger ein Beruf ist, den man lebenslang ausübt.

Das grosse Thema dieses Jahresbeginns ist die Brandkatastrophe von Crans-Montana. Sie waren 1997 selbst Direktbetroffener beim Attentat von Luxor. Hatten Sie einen Flashback?
Ja. Vieles, was in Crans-Montana ablief oder schlecht lief, erinnerte mich an die Erfahrungen, die meine Frau und ich 1997 gemacht haben.

Die Walliser aber auch die Schweizer Behörden stehen momentan unter starkem Druck, sie seien zu passiv und machten vieles falsch. Sehen Sie dies auch so?
Es sind vor allem die Walliser Behörden, die im Umgang mit den Opfern und ihren Angehörigen unbeholfen wirken. Es erinnert mich an das damalige Verhalten der Behörden, welche die Opfer und ihre Angehörigen anfänglich monatelang alleinliessen. Man hätte doch genug Zeit gehabt, um aus den Erfahrungen von Luxor zu lernen.


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KOMMENTARE

Peter Martin
02.02.2026 17:41 Uhr
Man muss das etwas nuanciert anschauen. Viele Handwerker und vor allem Bauarbeiter sind spätestens mit 65 körperlich kaputt. Von denen kann man nicht verlangen, dass sie einfach noch ein paar Jahre länger krüpeln gehen. Und für viele andere fängt die "Zwangspensionierung" bereits mit Anfang 50 an. Danach wird es praktisch unmöglich, noch einen Job zu finden. Dort muss man ansetzen.