28.11.2022

SRF

«Man spürt, dass hier etwas Grosses entsteht»

Seit wenigen Tagen dreht das Schweizer Fernsehen die historische Spionageserie «Davos». persoenlich.com hat mit dem Filmproduzenten Ivan Madeo gesprochen. Im Interview erzählt er, warum es die teuerste Produktion in der Geschichte der Schweiz ist. Und er sagt, was er sich von der Serie erhofft.
SRF: «Man spürt, dass hier etwas Grosses entsteht»
«Eine solche Serie ist ein Novum», so Filmproduzent Ivan Madeo über die SRF-Koproduktion «Davos». (Bild: Ayse Yavas)
von Maya Janik

Herr Madeo*, welches Bild haben Sie im Kopf, wenn Sie an Davos denken?
Das erste Bild, das ich mit Davos verbinde, ist die atemberaubende Kulisse einer verschneiten Berglandschaft. Sonst kannte ich Davos vor unserer Serie für das weltbekannte World Economic Forum und für Thomas Manns «Zauberberg». Nach der langen Drehvorbereitung weiss ich inzwischen, dass Davos noch viel mehr zu bieten hat als das: das legendäre Hotel Schatzalp, das Kirchner Museum mit seinen hochkarätigen Wechselausstellungen und auch tolle Musik-Events und Partys. 

Und eine geheimnisvolle Geschichte. Waren Sie überrascht, als Sie erfuhren, dass sich vor 100 Jahren in der Winteroase zentrale Akteure trafen, die im Hintergrund die Fäden der Weltpolitik zogen?
Absolut, das war uns auch nicht bekannt. Unser Autorenteam bestehend aus Adrian Illien, Thomas Hess, Julia Penner und Michael Sauter hat sich in die Archive vertieft, sich mit Historikern ausgetauscht und dabei überraschende und faszinierende Fakten ausgegraben.

Die Hauptprotagonistin der Serie ist eine Krankenschwester. Was hat sie mit dem Agentenkrieg der Weltmächte zu tun?
Die fiktionale Figur der Krankenschwester Johanna Gabathuler ist die Tochter des Besitzers eines Sanatoriums, in dem sich 1917 die Reichen und Mächtigen der Welt treffen. Um ihre uneheliche Tochter zurückzubekommen, lässt sie sich auf ein Spiel mit dem deutschen Geheimdienst ein. Sie gerät dabei zwischen die Fronten der Agenten und wird plötzlich bei einem Plan, der über Krieg und Frieden entscheidet, zum Zünglein an der Waage. Mehr darf ich nicht verraten.


Was macht die Serie anders als bisherige Schweizer Filmproduktionen?
Eine historische Serie, die während des Ersten Weltkriegs in der scheinbar neutralen Schweiz spielt, wo verdeckt die Fäden der europäischen Kriegspolitik gezogen werden, ist ein Novum. Es ist ausserdem die bislang grösste internationale Produktion in der Geschichte der Schweiz. 

… und die teuerste. Zuletzt war von 15 Millionen die Rede.
Ja, das Budget beträgt mehr als 15 Millionen Franken. Es ist aber noch nicht final, da wir weiterhin an der Finanzierung arbeiten. Mehr als die Hälfte des Geldes dieser Schweizer Serie konnten wir bisher im Ausland akquirieren. 

Was macht das Projekt so teuer?
Das liegt zum einen daran, dass es eine sehr ambitionierte und internationale Produktion ist. Wir drehen in der Schweiz sowie in mehreren Regionen in Deutschland. Ein weiterer Kostenfaktor ist, dass sehr viele Menschen aus mehreren Ländern beteiligt sind – von den Regisseurinnen über die Schauspieler bis hin zu den Maskenbildnerinnen und Technikern. Und drittens sind historische Spielfilme immer teuer – jene, die im Ersten Weltkrieg spielen, noch teurer als die im Zweiten Weltkrieg, was man bisher häufiger gesehen hat.

Woran liegt das?
Es existiert heute nur noch sehr wenig aus jener Zeit. Vieles muss man von Grund auf neu bauen – Gebäude, Räume, Einrichtungsgegenstände, Requisiten und Kostüme. Man findet auch fast keine Autos aus dem Ersten Weltkrieg mehr, die fahrbar sind. Das alles zu reproduzieren ist zeitaufwendig und kostspielig.

Wie ist es Ihnen gelungen, die Finanzierer an Bord zu holen?
Davos ist eine bekannte Marke, und der geschichtliche Bogen oder anders gesagt der Bezug zu heute ist wirklich bestechend. Schon 100 Jahre vor dem WEF wurden am selben Ort die Weichen der globalen Zukunft gestellt. Diese Relevanz und unsere spannende Geschichte haben unsere ausländischen Partner überzeugt, eine bisher nie dagewesene Summe in eine Schweizer Serie zu investieren.

«Die Aufregung ist im ganzen Team spürbar»

Sie befinden sich im Moment in Deutschland, in der Nähe von Köln, wo Sie die ersten Szenen drehen, bevor sie nach Davos drehen kommen. Wie aufgeregt sind Sie?
Die Aufregung ist im ganzen Team spürbar. Wenn man durch das Set läuft, sieht man, dass überall mehrere Teams gleichzeitig am Arbeiten sind und alle wirklich alles geben. Man spürt förmlich, dass hier etwas Grosses am Entstehen ist.

Was bedeutet es in technischer Hinsicht, eine so grosse Produktion zu realisieren?
Die ganze Logistik ist hochkomplex. Die Mitwirkenden kommen aus unterschiedlichen Ländern, haben ungleiche Arbeitsmethoden und arbeitsrechtliche Hintergründe und bringen ganz verschiedene Erfahrungen und teils auch Sprachen mit aufs Set. Das macht die Dreharbeiten zwar sehr spannend, aber auch herausfordernd. Denn damit steigt automatisch das Risiko, dass irgendwo Probleme entstehen.

Gab es schon die ersten Probleme oder Pannen?
Grosse Pannen hatten wir zum Glück noch keine. Aber kleine Probleme gehören zu unserem ganz normalen Drehalltag.

Wie kam es dazu, dass Sie den Film produzieren?
Vor vier Jahren hat uns das Schweizer Radio und Fernsehen SRF zu einem Produktions-Pitch für «Davos» eingeladen. Die Grundidee bestand aus einer historischen Serie, die im Ersten Weltkrieg auf dem Zauberberg spielt. Mein Team und ich haben diese SRF-Idee in mehreren Schritten ausgebaut. Für uns stand von Beginn an fest, dass wir daraus eine Serie machen werden, die für ein internationales Publikum bestimmt ist.

Ihre Produktionsfirma Contrast Film hat sich schon mehrmals gegen andere Mitbewerber bei begehrten Produktionen durchgesetzt; zuletzt haben Sie den Zürcher Tatort produziert. Was machen Sie besser als andere Produzenten?
Ob wir etwas besser machen, kann nur das Publikum entscheiden, das unsere Filme schaut. Für meine Geschäftspartner Stefan Eichenberger, Urs Frey und mich war von Beginn an klar, welche Art von Film wir machen wollen – und welche nicht. Wir haben stets eine klare Ausrichtung verfolgt. Daraus hat sich mit der Zeit eine Art Marke entwickelt. Die Rigorosität der Marke, die wir uns gesetzt haben, zieht sich seit zehn Jahren durch. Heute weiss jeder in der Branche, dass Contrast Film für intelligente Unterhaltung steht.

Das müssen Sie erklären.
Contrast Film steht für Filme, die eine Relevanz für das Hier und Jetzt haben und damit einen Anker im Realen. Das können grosse Serien wie «Davos» sein oder kleine Dokumentarfilme wie «Caveman». Aber wir entscheiden uns erst dann, in ein Filmprojekt einzusteigen, wenn zwei Dinge für uns feststehen: Erstens muss klar sein, worin die mediale Kraft einer Filmstory liegt, und zweitens, wer unser Publikum ist. Das ist unser Credo.

Sie wissen sich zu vermarkten. Ist Ihre Erfahrung aus Ihrer Werbezeit nützlich?
Meine Zeit als Werber hat bestimmt einen Einfluss darauf, wie ich heute als Produzent vorgehe. Die Erfahrung hilft mir, die Dinge auf den Punkt zu bringen und komplexe Aufgaben in ein simples Konzept umzusetzen. So wie in der Werbung ist auch bei der Filmproduktion entscheidend zu wissen, welche Botschaft man vermitteln will und wie man sie verständlich und ansprechend kommuniziert. Als Werber muss man auch die teils widersprüchlichen Wünsche der Auftraggeber auf deren Schlüsselelemente herunterbrechen. Dies muss man auch als Produzent können.

«Für die Filmbranche ist es eine sehr spannende Zeit»

Was macht die Arbeit an einem Spielfilm spannender als an einem Werbefilm?
In der Werbung habe ich das professionelle Handwerk auf allen Ebenen der Strategie, Planung, Konzeption und «Execution» gelernt. Das würde ich nicht missen wollen. Aber für mich wurde das mit den Jahren zu flüchtig. Mir hat das Nachhaltige gefehlt. Filme sind da langlebiger. Inzwischen wäre ich aber dankbar für das eine oder andere Filmprojekt, das kurzfristig machbar ist.

Die Filmbranche stehe vor grossen Herausforderungen, beklagen die einen; die Zeiten waren nie besser, freuen sich die anderen. Zu welcher Gruppe gehören Sie?
Für die Filmbranche ist es eine sehr spannende Zeit. Die goldenen Zeiten, von denen immer wieder die Rede ist, gab es aber schon immer und noch nie. Es kommt darauf an, was man aus dem Moment macht. Das entscheidet darüber, ob eine Produktionsfirma weiterlebt, also überlebt oder nicht. Jeder Moment ist herausfordernd. Durch das Streamen ist die Finanzierungslogik von Filmen heute eine ganz andere geworden. Die Zeiten sind in einer gewissen Weise unsicherer und die Aussichten weniger vorhersehbar geworden. Das kann Angst machen oder aber beflügeln. 

Die Frage wird sein, wie schnell sich die Filmförderstrukturen dieser neuen Realität anpassen können.
Absolut. Mit dem neuen Filmgesetz, der «Lex Netflix», ist ein erster Schritt getan. Aber selbst damit hinkt das Schweizer Fördersystem auf nationaler und regionaler Ebene dem effektiven Bedürfnis der heutigen Filmindustrie hinterher. International zeigen wichtige Studien deutlich, worin das Potenzial der Filmförderstellen für die Zukunft liegt. Und national entstehen gerade spannende, visionäre Ideen, darunter zum Beispiel jene des Centre National de l’Audiovisuel, bei dem ein Teil des Bundesamts für Kultur in eine Art Filminstitut ausgelagert werden könnte, wie es in den meisten Ländern Europas der Fall ist. Dies, um den Herausforderungen der Filmbranche agiler nachkommen und die Chancen für die Zukunft schneller begünstigen zu können als über ein Amt.

Als Produzent von «Davos» tragen Sie die Gesamtverantwortung rechtlich, juristisch, finanziell und inhaltlich für die grösste Serienproduktion in der Geschichte der Schweiz. Macht Ihnen das keine Angst?
Angst ist ein kreativer Killer. Damit können meine Geschäftspartner und ich weder uns noch unser Team noch die über hundert Mitwirkenden auf dieser Riesenserie leiten. Ich glaube daran, dass «Davos» ein Erfolg wird. Die Serie trifft den Nerv der Zeit. Obwohl sie im Jahr 1917 spielt, ist die Hauptfigur Johanna eine moderne Frau mit Fragen, die uns heute beschäftigen. Viele Zuschauerinnen dürften sich angesprochen fühlen von dem, wie Johanna ist und was sie erlebt. Wir hoffen auch, dass die Geschichte von damals uns die Augen dafür öffnet, was derzeit in Europa passiert. Und dass sie uns zeigt, wie wichtig der Zusammenhalt ist bei den vielen internationalen Krisen, die wir im Moment gleichzeitig erleben. Schaffen wir es die globalen Herausforderungen gemeinsam zu meistern oder verlieren wir uns in der nationalen Zwietracht? 

Und was erhoffen Sie sich persönlich von der TV-Serie?
Ich hoffe, dass «Davos» zeigen wird, dass die Schweiz in der Lage ist, grosse Filme auf internationalem Niveau zu produzieren und auch im Ausland ein Interesse für unsere Geschichten auszulösen, wie man es bisher nicht gesehen hat. Die Schweiz also auf die Karte der internationalen High-end-Serien zu bringen. Insofern wünsche ich mir, dass diese Serie der Schweiz die Türen öffnet für weitere international gedachte Schweizer Produktionen und Geschichten.


*Ivan Madeo ist Filmproduzent und Mitinhaber der Produktionsfirma Contrast Film in Zürich und Bern. Nach seinem Abschluss in Filmjournalistik und Psychologie an der Universität Fribourg war er in einigen der grössten Werbeagenturen in Italien und der Schweiz tätig, darunter bei Publicis Zürich, Havas und bei Lowe/Draft FCB (später FCB Zürich). 2015 erhielt er den Schweizer Filmpreis, Bester Spielfilm und Bestes Drehbuch für Der Kreis von Stefan Haupt.



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