15.05.2023

Harald Naegeli

«Meine Figuren sind voller Rätsel»

Der Zürcher Harald Naegeli ist als «Sprayer von Zürich» weltberühmt geworden und gilt als einer der Väter der Street-Art. Im Interview spricht der 83-Jährige über sein Comeback und die Kunst seines Nachfolgers Banksy.
Harald Naegeli: «Meine Figuren sind voller Rätsel»
«Eine Utopie ist es, dass ich meine Kunst nicht vermarkte, sondern diese für Natur- und Tierschutzprojekte verwende», so Harald Naegeli, der «Sprayer von Zürich». (Bilder: Keystone)

Herr Naegeli*, momentan herrscht ein grosser Hype um den Graffiti-Star Banksy. Was denken Sie über seine Kunst?
Banksy gehört einer ganz anderen Generation von Sprayern an, als ich es war. Er ist zweifelsohne bedeutend, nicht zuletzt, weil er eine politische Botschaft hat. Ich finde seine Zeichnungen ein bisschen oberflächlich, gleichzeitig sind sie aber auch sehr humorvoll. Sein berühmtestes Graffito zeigt einen Rebellen, der statt einer Handgranate einen Blumenstrauss wirft, das ist sehr gut. Banksys Werke drifteten aber schon bald in die Kommerzialität ab, was eigentlich der Tod der Kunst ist.

Sie gelten als der Urvater der Sprayer. War das immer Ihre Bestimmung?
Ich war bereits ein «alter Mann», also 38-jährig, als ich mit Sprayen begonnen habe, bin aber einer der ersten Sprayer in der ganzen Kunstgeschichte. In den 1970er-Jahren waren Sprayaktionen eine Novität, gleichzeitig bedeutete es die Emanzipation von der Fläche in den Raum. Die griechischen Vasen haben mich immer fasziniert, weil es sich um Zeichnungen handelt, die auf einem Korpus angebracht sind und auch Rundungen haben. Herkömmliche Zeichnungen befinden sich auf einer Fläche. Meine Sprayereien befinden sich im Stadtraum und sind abhängig von den örtlichen Begebenheiten. Die traditionelle Kunst ist ausschliesslich im Gespräch mit sich selbst, mit einer leeren Leinwand, die keine Geschichte hat. Wenn Sie wollen, besteht die Atelierkunst im Bearbeiten eines Nichts. Meine Sprayaktionen standen immer im Dialog mit dem Geist einer Stadt, sei es in Zürich, Düsseldorf, Venedig oder Stuttgart. Jede Wand hat ihre eigene Geschichte, und ich versuche, diese in meinen Figuren zu integrieren.

Zum Handwerklichen: Was ist eigentlich die Kunst beim Sprayen? Sie haben einen originären Stil entwickelt.
Die heutigen Sprayer sind oftmals Kinder und Teenager. Sie würden es nicht machen, wenn sie Vorgaben hätten. Bei mir war es anders. Mein Impuls ging von den Dadaisten aus und der Meditation mit der Linie.

«Stimmten die Proportionen nicht, habe ich die Figur einfach verlängert»

Aber Sie durften ja keine Fehler machen …
Es gibt keine fehlerhaften Sprayereien von mir, es gibt nur bessere oder weniger gelungene. Stimmten die Proportionen nicht, habe ich die Figur einfach verlängert. Das musste ich jeweils in Sekundenschnelle entscheiden.

Aber gab es von Ihnen Figuren, die Sie nicht gelungen fanden?
Ja, die gab es.

Und wie haben Sie darauf reagiert?
(Lacht.) Ich hoffte, dass sie möglichst schnell entfernt würden. Was ich damals machte, war eine künstlerische Aktion, wobei mich die Provokation weniger faszinierte als die Gestaltung. Zu Beginn war es aber sicher ein revolutionärer Akt. Meine Brüder sagten immer: «Bevor du mit Sprayen begonnen hast, warst du ein missmutiger Mensch. Kaum hast du dich mit Sprayereien verwirklicht, bist du heiter und gelassen geworden.»

Wie lange benötigten Sie für eine Sprayfigur?
Die meisten sind in kürzester Zeit entstanden, etwa innert 30 Sekunden. Eine Bewegung ergab sich aus der anderen. Ich musste dabei gar nicht denken, meine Hand und mein Auge handelten im Einklang und gaben mir die Vorgaben. Reflexion vor Ort gab es nicht. Meine Figuren – und das ist vielleicht der Unterschied zur herkömmlichen Kunst – sind gegenstandslos und voller Rätsel.

Während des Lockdowns vor drei Jahren wurden Sie nochmals aktiv und haben in Zürich sehr viele Sprayereien angebracht.
Ja, das stimmt. Der Zeitpunkt war günstig, die Stadt menschenleer. Ich habe in dieser Zeit in Zürich rund fünfzig Gemälde gesprayt.

Sagte niemand: «Herr Naegeli, sind Sie wieder unterwegs?»
(Lacht.) Nein, das war nicht der Fall. Einerseits sprayte ich in der Nacht, andererseits waren während des Lockdowns die Menschen zu Hause.

«Meine Botschaften kommen aus dem Unterbewusstsein»

Bei Ihren ersten Sprayereien waren Sie geprägt durch die Unruhen der 1980er-Jahre …
Meine Botschaften kommen aus dem Unterbewusstsein. Beim Lockdown kam die Erkenntnis, dass das Leben endlich ist. Ich war der einzige Künstler, der auf diese Ausnahmesituation mit entsprechender Symbolik reagiert hatte. Die Museen waren geschlossen, und so sah ich mich gezwungen, die Kunstwerke ausserhalb anzubringen, so auch am Kunsthaus. Diese wurden dann nach fast zwei Monaten überraschend entfernt.

Inwiefern verletzte es Sie, dass ausgerechnet das Kunsthaus Ihre Sprayereien entfernte?
Ich weiss nicht, ob ich verletzt war, ich war einfach empört. Ich empfand dies als kleinkarierte Einstellung von Leuten, die bezahlt werden, damit sie den Gedanken der Kunst verbreiten.

Wofür setzen Sie sich heute politisch ein?
Für die Utopie, für das, was noch nicht ist. Utopia bedeutet Nichtsein. Meine Utopie ist es, dass ich meine Kunst nicht vermarkte, sondern diese für Natur- und Tierschutzprojekte verwende. Das ist sehr wichtig. Darum habe ich 2021 eine Stiftung gegründet, die sich auch nach meinem Tod für meine Utopie einsetzen wird.



* Der 83-jährige Zürcher Harald Naegeli wurde in den 1970er-Jahren wegen seiner illegalen Sprayereien weltberühmt und gilt als einer der Erfinder der Street-Art. 22 seiner Frühwerke sind in der renovierten ETH-Tiefgarage zu besichtigen und zählen heute zum Inventar des eidgenössischen Kunstbestandes. 2020 wurde er mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich ausgezeichnet.

Lesen Sie das ausführliche Interview in der aktuellen Printausgabe von persönlich.


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