17.05.2013

Forbidden Voices

"Mir rannen Tränen übers Gesicht"

Regisseurin Barbara Miller über den Film und die eindrücklichsten Momente während den Dreharbeiten.
Forbidden Voices: "Mir rannen Tränen übers Gesicht"

Weil die bekannte kubanische Regimekritikerin Yoani Sánchez endlich reisen darf, konnte sie am Samstag nach Zürich kommen. Sie hatte an der Matinee im Kino Riff Raff teilgenommen, wo der Film "Forbidden Voices" gezeigt wurde. Die Bloggerin ist eine von drei Protagonistinnen im eindrücklichen Film von Barbara Miller. Die engagierte Schweizer Regisseurin begleitete drei moderne Rebellinnen, die mit Hilfe ihrer Blogs Missstände in ihren Ländern anprangern. Im Interview mit persoenlich.com spricht Miller über ihre Motivation und die eindrücklichsten Momente während den teilweise gefährlichen Dreharbeiten.

 

Frau Miller, der Film "Forbidden Voices" lief vor einem Jahr in den Schweizer Kinos. Seither lief er unter anderem bei SRF, CNN am Tag der Pressefreiheit und war für den Schweizer Filmpreis nominiert. Gibt es konkrete Verbesserungen, die der Film angestossen hat? 
"Forbidden Voices" lief bisher an über 35 Filmfestivals auf der ganzen Welt. Am Menschenrechtsfestival in San Sebastian gewann der Film im April den Amnesty International Award und wurde mit dem WACC-Signis Menschenrechtspreis aus Kanada und Belgien ausgezeichnet. Von Estland über Rumänien, Chile, Südafrika bis nach Sierra Leone interessierten sich die Menschen für das Schicksal der drei Protagonistinnen. Die Reaktionen waren sehr positiv und viele Zuschauer sagten mir, dass der Mut der Protagonistinnen sie inspiriert habe, selbst aktiv zu werden. Viele wollten auch wissen, wie sie den drei Bloggerinnen konkret helfen könnten. In der Schweiz fanden verschiedene Veranstaltungen mit Schulklassen statt. Im Gespräch mit den Schülern zeigte sich, dass vielen Jungen das erste Mal richtig bewusst wurde, dass der freie Zugang zum Internet und die freie Meinungsäusserung ein wirkliches Privileg sind. Solche Reaktionen lassen einem alle Schwierigkeiten und Strapazen der Dreharbeiten vergessen und geben einem das Gefühl, dass es sich gelohnt hat.

Welches Kompliment für den Film hat Sie persönlich am meisten berührt?
Überall auf der Welt haben Menschen nach dem Film ihre Anteilnahme, ihr Interesse am Schicksal der drei porträtierten Frauen und ihre Betroffenheit über die brutalen Repressionen ausgedrückt, denen die jungen Bloggerinnen aufgrund ihrer mutigen Äusserungen ausgesetzt sind. Welcher dieser emotionalen Momente der berührendste war, ist schwierig zu sagen. Aber wenn wie beispielsweise nach einer Filmvorführung eine UN-Menschenrechts-Delegierte auf mich zukam und mir unter Tränen sagte, dass der Film sie zutiefst berührt und erschüttert hat, dann sind das sehr kostbare Momente.

Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen, einen solchen Film zu drehen? Was wollten und wollen Sie damit erreichen?
Als ich vor bald sechs Jahren das erste Mal im Internet auf Blogs stiess, in denen Menschen aus ihrer ganz persönlichen Sicht über ihr Leben, ihre Träume aber auch ihre Schwierigkeiten in Ländern ohne Presse- und Meinungsfreiheit berichteten, war ich sehr fasziniert. Durch Blogs war es plötzlich möglich zu erfahren, was die Menschen in diesen Ländern wirklich bewegt, was sie denken und für welche Veränderungen sie kämpfen.
Vorher hatte ich zum Beispiel nicht gewusst, dass es eine so starke Frauenrechtsbewegung im Iran gibt und mit welchem Engagement die Frauen unter schwierigsten Umständen und grossem persönlichem Risiko für Gleichberechtigung kämpfen.

Wie sind Sie auf die drei porträtierten Frauen aufmerksam geworden?
Die Blogs der drei Protagonistinnen haben mich vor allem durch ihren Stil überzeugt. Es sind eine Art Tagebücher, in denen die Frauen von den Problemen in ihrem Land aus einer sehr persönlichen Sicht berichten. Ihre Blogs sind poetisch, emotional und durch ihre Offenheit und Ungeschminktheit sehr politisch. Wenn es in einem Land, in dem das Informationsmonopol seit Jahrzenten in den Händen des Staates liegt, und alle Zeitungen, Fernsehsender und die Radiostationen von der Regierung kontrolliert werden, und jemand dann wagt, darüber zu schreiben, was hinter der schönen Propaganda-Fassade wirklich geschieht, dann bringt dies das ganze System ins Wanken.
Die drei Protagonistinnen benutzen zudem eine sehr gepflegte, fast schon poetische Sprach. Trotz ihren politischen Forderungen finden sich keinerlei politische Parolen auf ihren Blogs, sondern sie setzten auf Dialog und gewaltlose Reformen.

Warum haben Sie nur Frauen porträtiert?
Während den Recherchen zu "Forbidden Voices" las ich hunderte von Blogs aus der ganzen Welt, sowohl von Männern, als auch von Frauen. Dabei wurde mir bewusst, dass die Möglichkeit des Bloggens für Frauen in Ländern, in denen sie in der Gesellschaft und der Öffentlichkeit nicht viel zu sagen haben, eine zusätzliche Dimension mit sich bringt. Durch Blogs bot sich ihnen das erste Mal die Gelegenheit, mit Männern auf der gleichen Ebene und im gleichen, wenn auch virtuellen, Raum zu diskutieren. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, drei weibliche Bloggerinnen ins Zentrum des Films zu stellen.

Die Kubanierin Yoani Sanchez hat im März nach über 20 Versuchen endlich einen Pass und ihre Ausreisebewilligung erhalten. Inwiefern ist dies auch für Sie ein Erfolg?
In Systemen die auf Kontrolle, Einschüchterungen und Repressionen basieren, geschehen Veränderungen meist nur auf Druck, sei es von innen oder aussen. In Yoani’s Fall kamen mehrere Faktoren zusammen. Sie hat jahrelang alle abgelehnten Reiseanträge auf ihrem Blog dokumentiert und damit in der Weltöffentlichkeit das Bewusstsein geschärft, dass es kubanischen Bürgern seit über 50 Jahren nur mit einer staatlichen Bewilligung erlaubt ist, die Insel zu verlassen. Dies hat den Druck von aussen auf Kuba, endlich Migrationsreformen einzuleiten, stark erhöht.

Auch wir haben letztes Jahr versucht, Yoani offiziell zur Premiere von "Forbidden Voices" in die Schweiz einzuladen. Die Reise wurde ihr aber auch in diesem Fall verweigert.

Im Januar 2013 erliess die kubanische Regierung nun ein neues Gesetz, das der Bevölkerung erlauben soll, frei zu reisen. Durch ihre Bekanntheit wurde Yoani zu einer Art Prüfstein für die Reformen. Die Regierung erlaubte ihr sicher auch deshalb Mitte Februar, endlich zu reisen. Yoani ist sicher, dass durch die Thematisierung dieses bisherigen Missstandes in "Forbidden Voices", auch der Film ein wichtiger Beitrag zum Erlangen ihrer Reisebewilligung geleistet hat.

Stehen Sie immer noch in Kontakt mit Zeng Jinyan und Farnaz Seifi? Wie geht es den beiden Frauen?
Mit Farnaz Seifi stehe ich im engen Kontakt. Da sie bisher die einzige der drei Protagonistinnen war, die reisen konnte, begleiteten wir "Forbidden Voices" gemeinsam an verschiedenen Festivals. Leider hat sich aber an ihrer persönlichen Situation bis heute nicht viel verändert. Im Juli stehen im Iran die Präsidentschaftswahlen an und im Vorfeld haben die Repressionen gegen unabhängige Journalistinnen und Blogger in den letzten Wochen und Monaten enorm zugenommen. Für Farnaz wird es weiterhin unmöglich sein, in ihre Heimat zurückzukehren.

Zeng Jinyans Situation hat sich zum Glück bemerkenswert verbessert. Nachdem sie über das Internet im Mai letzten Jahres einen Hilferuf aus dem Hausarrest veröffentlichte, nachdem ihre Tochter zusehen musste, wie ihr Vater von Sicherheitsagenten vor dem Haus zusammengeschlagen wurde, bekam Jinyan ein halbes Jahr später die Erlaubnis, an der Hongkong Universität ein Master Studies zu absolvieren. Die Familie bezahlt aber weiterhin einen sehr hohen Preis für ihr Engagement für Menschenrechte und Meinungsfreiheit in China. Jinyan musste sich offiziell von ihrem Mann Hu Jia trennen, der weiterhin unter strengem Hausarrest in Peking steht, um mit ihrer kleinen Tochter nach Honkong ausreisen zu dürfen. Jinyans kleine Tochter wächst deshalb weiterhin ohne ihren Vater auf.

Inwiefern identifizieren Sie sich mit den von Ihnen porträtierten Protagonistinnen? Was bewundern Sie an den Frauen und was für Charakterzüge erkennen Sie an sich selbst wieder?
Unser gemeinsames Anliegen ist sicher, mit unserer Arbeit etwas zur Verbesserung der Lebensumstände in den drei Ländern beizutragen und das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die vorhandenen Missstände zu schärfen.

Die drei Frauen setzen sich mit ihrem Engagement aber einem hohen Risiko aus und bezahlen einen enorm hohen persönlichen Preis. Ihr Mut und ihr Durchhaltewillen haben mich tief beeindruckt. Auch für uns als Filmcrew erforderte es einigen Mut und persönlichen Einsatz, um "Forbidden Voices" zu realisieren. Wir wussten aber immer, dass wir früher oder später wieder zurück in die "sichere" Schweiz reisen konnten. Die drei Frauen und ihre Familien leben weiterhin in ständiger Angst vor Repressionen und in Sorge um ihre Familien. Als mein Kameramann Peter Indergand im Iran aber in vier Tagen zweimal verhaftet wurde, waren das aber auch für uns unglaublich schwierige und bange Momente.

Was für einen Zugang haben Sie selbst zu den sozialen Medien? Bloggen Sie ebenfalls?
Während den Dreharbeiten hätte ich gerne über die Erlebnisse und Schwierigkeiten, mit denen wir konfrontiert waren, gebloggt. Dies hätte aber das ganze Projekt in Gefahr gebracht. Über soziale Medien wie Facebook, Twitter und Blogs informierte ich mich aber täglich über die Probleme meiner Protagonistinnen, stehe mit ihnen über diese Medien auch im Kontakt. Zudem nutze ich täglich Twitter und Facebook, um aus unterschiedlichen Quellen News zu erfahren und mich über die Ereignisse aus der ganzen Welt zu informieren.

Auch im arabischen Frühling spielten Twitter, Facebook und Blogs eine wichtige Rolle. Haben Sie erwogen, auch diese Länder im Film zu integrieren?
Ja, das war ein schwieriger Entscheid, da der Arabische Frühling mitten in unseren Dreharbeiten begann. Da es aber eine sehr komplexe Situation ist, die monatelange Recherchen erfordert, um den Ereignissen auch nur ansatzweise gerecht zu werden, habe ich mich entschieden, mich weiterhin auf die drei Protagonistinnen des Films zu konzentrieren und anhand ihrer Geschichten die Gemeinsamkeiten und Auswirkungen der neuen Medien zu reflektieren.

Sind Sie seit Abschluss der Dreharbeiten wieder in China, Kuba und dem Iran gewesen? Was verbindet Sie mit diesen Ländern? Könnten Sie sich vorstellen, in einem solchen Land zu leben?
Seit der Veröffentlichungen des Films, habe ich nicht versucht, wieder in eines dieser Länder einzureisen, das Risiko einer Verhaftung wäre im Moment sicher zu gross. In Kuba habe ich während der letzten 20 Jahre über ein Jahr gelebt, was sicher auch ein Grund dafür war, diesen Film in Einbezug einer kubanischen Bloggerin zu realisieren.
Ich hatte das Glück schon bei meiner ersten Reise nach Kuba bei kubanischen Freunden zu wohnen und erfuhr so relativ schnell und ungeschminkt, wie es hinter der Fassade des Ferienparadieses und den romantischen Revolutionsträumen, die ich damals durchaus auch hatte, wirklich aussieht.
Trotzdem ist es immer anders, als Ausländerin in einem solchen Land zu leben. Man kann jederzeit ins nächste Flugzeug Richtung Schweiz steigen.

Wie sind die teils schockierenden Bilder entstanden?
Da wir als Touristen in die drei Länder einreisen mussten - wir hätten nie ein Drehbewilligung erhalten, um mit "Dissidentinnen" zu drehen - halfen uns zum Beispiel in Kuba bei der Prozession der "Weissen Frauen" verschiedene Freunde mit Handys und kleinen Kameras, Bilder für den Film einzufangen. Wir als Filmcrew wären sofort verhaftet worden, hätten wir Yoani an diesen Anlass begleitet.
Im Iran wurde das meiste Material von Iranern mit ihren Handys, oft unter Lebensgefahr, selbst gedreht und anonym auf YouTube gestellt. Dieses Material ermöglichte uns, die Ereignisse zu reflektieren und darüber zu berichten.


Die kubanische Bloggerin Yoani Sanchez

Man kann sich fast nicht vorstellen, was diese und viele andere Frauen tagtäglich erleben. Konnten Sie sich gut abgrenzen? Wie konnten Sie selbst von den schrecklichen Geschichten Abstand nehmen?
Manchmal war es schwierig, mit den Ereignissen umzugehen. Wenn Farnaz von ihren schlimmen Erlebnissen im Teheraner Evin Gefängnis erzählte oder wenn wieder neue Bilder der brutalen Polizeigewalt an den Demonstrationen aus dem Iran auf YouTube an die Öffentlichkeit gelangten, mischten sich bei mir oft Wut und Trauer. Doch diese drei mutigen Frauen, ihr unerschütterlicher Wille und ihr Glaube daran, dass sich etwas verändern lässt, gaben uns immer wieder den Mut und die Kraft weiter zu machen.

Welches Erlebnis im Zusammenhang mit dem Film werden Sie nie vergessen?
Eine Moment, der sich mir tief in die Erinnerung eingebrannt hat, ist sicher, als mir Yoani an ihrem Küchentisch das erste Mal das Tondokument vorspielte, auf dem ihre Schmerzensschreie zu hören sind, als sie von Zivilpolizisten brutal zusammengeschlagen wurde. Ich sah diese feingliedrige junge Frau von mir und hörte ihre verzweifelten Schreie und mir rannen Tränen übers Gesicht.

Derzeit drehen Sie in Indien. Um was für ein Projekt handelt es sich? 
Ich begleite eine Schweizer NGO nach Indien, die sich für die arme, landlose Bevölkerung einsetzt, die am untersten Rand der Gesellschaft lebt. Zudem habe ich für mein nächstes grösseres Filmprojekt recherchiert, bei dem es um die Situation der Frauen in verschiedenen Gesellschaftsstrukturen gehen wird.

Sie leben in der Schweiz, einem "perfekten" Land. Gibt es trotzdem Missstände, gegen die Sie ankämpfen?
Für mich ist der grösste Missstand, wenn wir uns in der Schweiz nicht für die schwierigen Lebensumstände der Menschen in anderen Ländern interessieren und uns nicht für eine Veränderung einsetzen. Wir können von den Bloggerinnen lernen, dass jeder und jede Einzelne einen Unterschied machen kann und dass es sich lohnt zu kämpfen. 

Interview: Corinne Bauer, Bild: Keystone


Die Matinee der Vereinigung "Reporter ohne Grenzen" fand am Samstag, 18. Mai im Kino Riffraff in Zürich statt. 


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