Was war rückblickend gesehen Ihr beruflicher Höhepunkt?
Kommerziell gesehen zweifelsohne "Yello", obwohl mein Partner Boris Blank und ich nicht auf Erfolg getrimmt waren. Mit einer Avantgarde-Band Erfolg zu haben, ist eigentlich unmöglich. Ganz am Anfang haben wir in der Roten Fabrik in Zürich Tonbandgeräte auf einen Küchentisch gestellt und damit Geräusche aufgenommen Dass wir hinterher als Stars gefeiert wurden, war eigentlich unvorstellbar. Den überraschendsten Erfolg hatten wir in Amerika, vor allem in der Black- und Latino-Community. Boris Blank ist bis auf den heutigen Tag als Klangerfinder sehr kreativ geblieben. Mit unserer letzten CD holten wir erstmals in der Schweiz Platin und in Russland Gold.
Welche Schlüsse haben Sie aus diesem Erfolg gezogen?
Es gibt zwei Wege zum Erfolg, einmal den total opportunistischen, für den man nur nach aussen lebt, und andrerseits den Weg des Findens und Erfindens seiner selbst, bei dem der Erfolg ein zufälliges Nebenprodukt ist. Für mich ergab sich der zweite Weg, wahrscheinlich auch weil mein Vater mir diesen Weg vorgelebt hatte und als Bankier eigentlich nicht final am Geld interessiert war, sondern wie ein Schachspieler an der richtigen strategischen Entscheidung.
Wie hat er reagiert, als Ihnen in den USA der musikalische Durchbruch gelang?
Diese Tatsache hat ihn sehr überrascht. Dass ich als Autor Erfolge hatte und auch mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, konnte er nachvollziehen, da ich schon in der Schule einigermassen vernünftige Aufsätze geschrieben hatte. Dass ich aber als musikalisches Anti-Talent ausgerechnet mit Musik Geld verdiente, hat in sehr überrascht.
Können Sie sich an ein bestimmtes Erlebnis erinnern?
Ich nahm während dreier Jahre Gitarrenunterricht, übte kaum und machte keinerlei Fortschritte. In der Primarschule war es ähnlich. Als ein Flötenkonzert auf dem Programm stand, steckte mir mein Lehrer ein Lineal in den Mund, damit ich keine falschen Töne spielen konnte. Als ich meinen ersten Vertrag bei Warner Brothers unterschrieb, sagte mein Vater: "Die Welt muss verrückt sein."
Wie hat die Schweizer Kulturszene Ihren Erfolg wahrgenommen?
Manche bezeichneten "Yello" als vorübergehenden Spuk, andere wiederum sprachen von einem originellen Duo. Als wir unsere erfolgreichste Platte mit dem Titel "Stella" auf den Markt brachten, schrieb der "Tages-Anzeiger" von einem sinkenden Stern. Während in der bildenden Kunst lediglich ein kleiner Kreis von Leuten über Erfolg oder Misserfolg eines Künstlers und dessen Heiligsprechung entscheidet, sind es bei der Musik Hunderttausende, die die Platten kaufen oder die Konzerte besuchen. Die Musikkritik ist zweitrangig, Musikerfolg ein demokratischer Prozess, bei dem viele Leute, indem sie ein paar Franken ausgeben, entscheiden.
Haben Groupies bei Ihnen auch eine Rolle gespielt?
Nein, da wir nur wenige Konzerte gegeben haben, spielten diese keine Rolle. Boris und ich waren immer glücklich liiert.
Sie sind von Haus aus vermögend. Welchen Stellenwert nimmt das Geld bei Ihnen ein?
Als meine älteste Tochter auf die Welt kam, war ich vierzig Jahre alt und lebte mit Monique in einer Zweizimmerwohnung. Wir hatten wenig Geld, und das war absolut okay, weil mir Äusserlichkeiten nichts bedeuten. Das Wichtigste ist die Freiheit im Kopf, und die kann man in einem Wohnwagen am Walensee vielleicht sogar eher haben als in einer grossen Bude.
Sie weichen aus. Geldsorgen hatten Sie nie ...
Ich hatte wenig Geld, aber Geldsorgen hatte ich keine.
Wo leben Sie heute?
Ich wohne in Argentinien, Los Angeles und manchmal in Zürich. Nächstes Jahr hoffe ich, in den USA ein Filmprojekt zu realisieren, und werde deshalb vor allem dort sein, aber mein Lebensmittelpunkt ist seit vielen Jahren Argentinien wegen der Landwirtschaft und dem Aufbau eines Betriebes für Fertigmahlzeiten. Das ist alles andere als einfach. Die argentinische Regierung wirft einem immer wieder Knebel zwischen die Füsse. Deshalb werde ich mich auch nach neuen Möglichkeiten in Uruguay umsehen, um meinen Export nachhaltig garantieren zu können.
Als ehemaliger Pokerspieler waren Sie nie auf Sicherheit bedacht.
(Lacht.) Diese Lebensphase war unmittelbar nach der Matura. Als Pokerspieler ist man von der Welt abgeschieden wie ein Boxer im Ring, busy surviving, vierzehn Stunden jeden Tag, alle paar Minuten neue Karten, neues Leben, neue Entscheidungen. Ich war ein süchtiger Spieler, auch weil ich meinem Ungenügen und mir selbst entfliehen wollte. Meine ersten kleinen Experimentalfilme waren fast wie eine Therapie, weil man beim Filmen eine Idee realisiert und nicht wie beim Schreiben oder Zeichnen unmittelbar mit dem Resultat konfrontiert ist, sondern erst ein paar Tage später den entwickelten Film aus dem Labor bekommt. Das war für mich immer wie Weihnachten.
Pokern Sie heute noch?
Hie und da zum Spass. Aber das hat nichts mehr mit Weltflucht und Sucht zu tun. Damals machte ich mir vor, zu spielen, um Geld zu verdienen und dann nach Marokko abzuhauen, um ein Buch zu schreiben. Die Schuhschachtel, in der ich die Noten aufbewahrte, war mehrmals voll, aber ein süchtiger Spieler will nur gewinnen, um anderntags wieder spielen zu können. Ist er einmal pleite, nimmt er Kredite zu Wucherzinsen auf oder wird sogar kriminell, um seine Sucht weiter zu bedienen.
Gibt es ein Lebensprinzip von Dieter Meier?
Jeder Tag ist ein neues Wunder, und ich hoffe, jeden Tag etwas zu lernen über das eigenartige Wesen, das für ein paar tausend Tage in der Hülle eines Herrn Meier auf diesem Planeten ein kurzes Gastspiel gibt.
Das ganze Interview von Matthias Ackeret lesen Sie in der Dezember-Ausgabe von "persoenlich"-Heft.

