Eine alte Holzkiste befand sich seit einem Jahrhundert im Familienbesitz, wurde über Generationen hinweg vom Dachboden in die Scheune und von dort in die Garage verschoben. Niemand wusste, dass sie einen Schatz des französischen Kinos enthielt.
Bis der pensionierte Lehrer Bill McFarland, Urenkel eines Filmvorführers aus dem ländlichen Pennsylvania, alte Filmrollen entdeckte, die «zu wertvoll wirkten, um sie wegzuwerfen». Der Mann in den Siebzigern wusste jedoch nicht, was sie darstellten oder wie man sie abspielen konnte.
Zunächst versuchte er, die Rollen an einen Antiquitätenhändler zu verkaufen. Dieser lehnte ab, nachdem er erfahren hatte, dass es sich um hochentzündliches Nitratmaterial handelte, das explodieren kann.
Im vergangenen Sommer brachte McFarland die Filme von seinem Wohnort im US-Bundesstaat Michigan zum Nationalen Zentrum für audiovisuelle Konservierung der Library of Congress in Culpeper im Bundesstaat Virginia.
Unter den zehn Filmrollen befand sich ein verschollener 45-sekündiger Film des französischen Kino-Pioniers Georges Méliès mit dem Titel «Gugusse et l’automate».
Zeitlose Gags
Der Film entstand 1897, zwei Jahre nach der ersten öffentlichen Filmvorführung der Brüder Lumière in Paris, an der auch der Illusionist Méliès teilnahm. Später wurde er durch seine Experimente mit frühen Spezialeffekten bekannt.
1902 drehte Méliès «Die Reise zum Mond», einen der ersten Science-Fiction-Filme. Sein letzter Film erschien 1913, danach geriet er in Vergessenheit und arbeitete als Spielwarenverkäufer am Pariser Bahnhof Montparnasse, während sich das Zentrum des Kinos in die USA verlagerte.
Méliès sei einer der «ersten Filmregisseure» gewesen, sagt George Willeman von der Library of Congress. Bei der gefundenen Kopie handle es sich vermutlich um eine dritte Generation der Originalrolle.
Seine Filme wurden häufig kopiert, weshalb Méliès als einer der ersten Filmemacher mit Piraterie konfrontiert war. Zudem soll er rund hundert Negative zerstört haben, deren Material im Ersten Weltkrieg zur Herstellung von Stiefeln für Soldaten verwendet wurde.
Obwohl «Gugusse et l’automate» im Werkverzeichnis aufgeführt ist, war der Film nie gezeigt worden - bis McFarland die Rollen im vergangenen September abgab.
In dem Film spielt Méliès einen Zauberer, der eine Maschine bedient, die zunächst wächst und ihn dann mit einem Stock schlägt. Der Zauberer revanchiert sich mit Hammerschlägen, worauf die Maschine schrumpft und schliesslich verschwindet - ein früher Trickeffekt. «Die Einstellungen sind für einen so alten Film bemerkenswert präzise, und die Gags sind zeitlos», sagt Kurator Jason Evans Groth.
Wanderkino
McFarlands Urgrossvater William DeLyle Frisbee wurde 1860 in Pennsylvania geboren. In seiner Freizeit verliess er seine Kartoffelfelder und Bienenstöcke, um mit einer Kutsche und moderner Technik durchs Land zu reisen: zunächst mit einem Edison-Phonographen und einer Laterna magica, später mit Projektor und Filmen.
Ein Jahrhundert später haben die Filmrollen ihren Weg zu den Archivaren der Library of Congress gefunden. Die Filmrollen wurden in speziellen Kühlräumen gelagert, um Brände durch das Nitratmaterial zu verhindern. Dort befinden sich auch Zehntausende Filme aus dem goldenen Zeitalter Hollywoods.
Die Restaurierung und Digitalisierung der Rolle dauerte eine Woche. Obwohl das Material mit der Zeit geschrumpft und eingerissen war, befand es sich angesichts der jahrelangen Lagerung unter schwierigen Bedingungen in gutem Zustand. «Gugusse et l’automate» ist nun Teil der Filmgeschichte und auf der Website der Library of Congress zugänglich. (sda/afp/spo)
Matthew Pennington und Jeff Kowalsky (AFP)

