05.06.2021

Vivienne Rohner

«Viele Mädchen sind daran zerbrochen»

Vivienne Rohner gehört international zu den gefragtesten Schweizer Models, erobert die internationalen Laufstege und posiert für bekannte Zeitschriften wie «Vogue». Der berufliche Einstieg in die Modewelt gestaltete sich jedoch schwierig, wie die 23-Jährige preisgibt.
Vivienne Rohner: «Viele Mädchen sind daran zerbrochen»
«Wenn ich ein Designer wäre, würde ich nur jemanden buchen wollen, der mich persönlich inspiriert», so Model Vivienne Rohner. (Bilder: Alberto Venzago)
von Matthias Ackeret

Frau Rohner, seit über einem Jahr befinden wir uns in einem Ausnahmezustand. Wie hat sich Ihre Tätigkeit als Model seit dem Ausbruch der Pandemie verändert?
Zuvor sass ich nahezu jeden zweiten Tag in einem Flugzeug. Im März vergangenen Jahres wurde ich für eine Max-Mara-Kampagne in Spanien gebucht. Danach ging alles Schlag auf Schlag, und es folgte der Lockdown. Niemand konnte sich vorstellen, in welchem Ausmass das Coronavirus unser Leben beeinträchtigen könnte. Zusammen mit meiner Crew gelang es mir, rechtzeitig nach New York zurückzufliegen, wo ich seit drei Jahren lebe. Danach fuhr ich mit meinem Freund nach Long Island. Damals hätten wir uns nicht vorstellen können, ein halbes Jahr dort zu verweilen. Schliesslich entwickelte sich New York rasch zum Corona-Epizentrum, und man konnte diesbezüglich gar von einer «Zombie-Stadt» sprechen. Die Strassen waren menschenleer, und die Mutter meines Freundes fürchtete sich zudem so sehr vor diesem Virus, dass sie uns nicht erlauben wollte, das Haus zu verlassen. Da ich mich gerne draussen aufhalte, fiel mir dieser Verzicht entsprechend schwer. Als ich im letzten Sommer für zwei Monate in die Schweiz reiste, fiel mir bereits bei der Passkontrolle auf, dass die Polizisten keine Masken trugen und die Situation weniger angespannt war als in den USA. Von Aufträgen konnte ich dennoch weiterhin nur träumen.

Das heisst, Ihr berufliches Leben stand vollständig still?
Aufgrund des finanziellen Verlustes geriet die Modeindustrie immer mehr unter Druck. In Europa erhielt ich keine Aufträge mehr und durfte lediglich in meiner Wahlheimat New York arbeiten. Mittlerweile hat sich das Blatt aber wieder gewendet, und ich kann mich über mangelnde Angebote nicht beklagen. Leider ist eine Rückkehr nach Amerika derzeit kein Thema. Kürzlich bin ich durch ganz Europa gereist und habe für die Vogue Fotos gemacht, und zudem arbeite ich für die Marke Chanel. Die Pandemie bringt die Menschen dazu, sich neu zu erfinden, was durchaus auch mit positiven Aspekten verbunden ist. Ich arbeite gerne in Europa, weil ich neue Kunden dazugewinnen kann, die ich sonst vielleicht nicht kennen-gelernt hätte. In den letzten Tagen war ich ständig unterwegs: zuletzt einige Tage in Athen, anschliessend in Paris und Nizza. Und dazwischen immer wieder in der Schweiz.

Haben Sie schon immer davon geträumt, Supermodel zu werden?
Nein, überhaupt nicht. Damals wusste ich noch nicht einmal, dass sich mit diesem Beruf Geld verdienen lässt.

«Ich fuhr als Einzige ein Mofa»

Waren Ihnen Ikonen wie Claudia Schiffer oder Cindy Crawford kein Begriff?
Eigentlich kaum. Auch habe ich als Teenager hauptsächlich Militärhosen und schwarze Hoodies getragen. Meine Haare wirkten zerzaust, und ich fuhr als Einzige ein Mofa. Als Sekundarschülerin stand ich schliesslich vor der Berufswahl und war überfordert, weil ich nicht wusste, welchen Weg ich einschlagen soll. So habe ich in sämtliche Berufssparten Einblick erhalten und arbeitete in einer Bäckerei, bei der Post, in einem Altersheim, in einer Tierarztpraxis und im Ringier-Pressehaus. Ich ging davon aus, positiv überrascht zu werden. Wenig später ermunterte mich meine Mutter, am Elite-Model-Look-Casting teilzunehmen.

Waren Sie sogleich von dieser Idee begeistert?
Ich hatte keinerlei Erwartungen, aber ich fand immer mehr Gefallen daran. Meine Mutter brachte mir bei, auf hohen Schuhen zu laufen. Ich musste weinen, als sie mich stundenlang in diesen Stilettos hin- und herlaufen liess. Doch diese «Schinderei» führte dazu, dass ich immer selbstsicherer auftrat. Als junges Mädchen traute ich mich nicht einmal, den Kellner im Restaurant zu rufen, was letztlich meine Schwester Melanie übernahm. Mein Umfeld zeigte sich sehr überrascht, als ich im Alter von 15 Jahren nach Paris reiste. Zwar habe ich den Elite Model Look nicht gewonnen, weil ich mit meinen damaligen 172 Zentimetern eher zu den kleinen Models gehörte. Die Agentur zeigte kaum Interesse an mir, weil sie der Meinung war, dass ich nicht mehr wachsen würde, was nicht stimmte. Heute bin ich 1 Meter 86 gross. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich meinen heutigen Beruf unbedingt ausüben wollte.

Sie sind einfach gewachsen …
(Lacht.) Ja, niemand in meinem Umfeld ist so gross. Warum, weiss ich nicht. Jedenfalls hat es mir geholfen.

«Meiner damaligen Agentur in Paris gefiel meine Kleidung gar nicht»

Wie kamen Sie zu Aufträgen?
Ich habe schon bald für Vivienne Westwood zu arbeiten begonnen und durfte auch während der Fashion Week ihre Goldlabel-Show eröffnen, was eine grosse Ehre für ein Model bedeutet. Danach durfte ich meine erste Chanel-Show laufen, als Karl Lagerfeld noch Chefdesigner war. Allerdings ist auch einiges falsch gelaufen. Wenn man sehr jung ist, versuchen die Leute, einen punkto Ernährung oder Laufstil zu beeinflussen. Viele Mädchen sind daran zerbrochen. Ich habe ein wenig Gegensteuer gegeben und nur noch Anzüge und Männerhemden getragen. Meiner damaligen Agentur in Paris gefiel meine Kleidung gar nicht.

Vivienne Rohner Vivienne Westwood Show Paris 2


Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich fragte mich, weshalb ich nicht die Person sein kann, die ich bin. Wenn ich ein Designer wäre, würde ich nur jemanden buchen wollen, der mich persönlich inspiriert. Im Alter von 18 Jahren habe ich mir einen Männerhaarschnitt verpassen lassen, und die Agentur hat mich daraufhin entlassen. Heute arbeite ich mit den für mich richtigen Leuten zusammen und bin zufriedener denn je.



Das ausführliche Interview mit Vivienne Rohner lesen Sie in der Mai-Ausgabe des Printmagazins persönlich.

Vivienne Rohner wurde 1998 als Tochter eines schweiz-argentinischen Vaters und einer russischen Mutter geboren und wuchs in Meilen auf. 2013 nahm sie am Elite Model Look Switzerland teil. Kurz danach lief sie in Paris für Karl Lagerfeld und an der New York Fashion Week für bekannte Marken wie Ralph Lauren oder Chanel. Daneben steht sie für bekannte Zeitschriften wie Vogue vor der Kamera. Das 1 Meter 86 grosse Topmodel spricht vier Sprachen und lebt in New York. Sie wurde nach der Designerin Vivienne Westwood benannt, die heute für sie – laut Blick – fast wie eine Mutter ist.



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