06.01.2018

Buchbesprechung

«Wie konnte es überhaupt soweit kommen?»

Roger Schawinskis neustes Werk ist der handfeste Beweis, dass auch ein Sachbuch sehr viel über seinen Autoren aussagen kann.
von Matthias Ackeret

Wenn ausgerechnet zwei pointierte SRG-Kritiker zur Verteidigung des «Staatssenders» laden, sagt es viel über den momentanen Zustand der SRG aus. Auslöser ist das neuste Buch von Medienpionier Roger Schawinski mit dem unmissverständlichen Titel «No Billag? Die Gründe und die Folgen», das ab nächster Woche in den Läden sein wird. Befragt wird Schawinski am Sonntagmorgen, um 11 Uhr, vom Zürcher Stadtrat und ehemaligen «Arena»-Star Filippo Leutenegger, der sich in seiner langen Karriere auch einmal als SRG-Boss beworben hatte. Vergeblich, wie wir heute wissen. Darum will er jetzt möglicherweise Stadtpräsident werden. Als ausgleichende Gerechtigkeit.

Vorgestellt wird Schawinskis Buch im Zürcher Restaurant Metropol. Pikanterweise wenige Meter vom Zürcher Bürkliplatz entfernt, wo der Autor vor bald vierzig Jahren einen seiner grössten beruflichen Triumphe erlebte, als er von fünftausend Fans für seinen damaligen Piratensender Radio 24 euphorisch gefeiert wurde. Wohl auch ein Grund für den Vorwurf, Schawinski habe sich vom vehementesten SRG-Kritiker zum SRG-Propagandisten mit eigener Sendung gewandelt, der momentan in den sozialen Medien Hochkonjunktur hat. Nimmt man dieses Buch zum Massstab, ist dies falsch: Schawinski geht sehr kritisch mit seinem Objekt der Begierde um. Seine vermeintliche «Verteidungsschrift» für die SRG ist vieles, bestimmt aber keine Liebeserklärung, die am Leutschenbach Freudentänze auslösen wird. Für den Autoren ist die heutige SRG – und damit gibt er sogar deren Gegnern recht – zu gross, zu dominant und wohl auch zu teuer; eine Abschaffung kommt für ihn aber trotzdem nicht in Frage, weil er durch einen drohenden Tabula-Rasa-Schlag nicht nur den Untergang des ganzen Mediensystems sondern auch den Zusammenhalt des Landes gefährdet sieht. Schawinskis Vorschlag für das längerfristige Überleben der SRG: Senkung der Gebühren auf 300 Franken bei der zu erwartenden 200-Franken-Initiative der SVP und Zusammenlegen der Radiosender SRF 1 und SRF 3 sowie die Streichung des Newssenders SRF 4.

Ackeret

Ausgehend von der Grundfrage «Wie konnte es überhaupt soweit kommen?» schildert der Medienpionier im 176-seitigen Taschenbuch detailliert den Vertrauensverlustes der SRG in all ihren Facetten. Sein Fazit: Der Urknall für den heutigen Zustand sei die knapp gewonnene RTVG-Abstimmung vor bald drei Jahren, als im hart geführten Abstimmungskampf das latente Unbehagen gegenüber dem Vorzeigeunternehmen SRG erstmals aufbrach und sich nach dem knappen Sieg in blanken Hass verwandelte. Wobei sich – und dies ist zwischen den Zeilen gut spürbar – sogar ein Experte wie Schawinski auch heute noch über die Impulsivität dieses Vorganges wundert. Dem Autor kommt aber zweifelsohne entgegen, dass er als Medienunternehmer und Gründer von Radio 24, TeleZüri und Tele 24 sowie ehemaliger Sat.1-Boss über die notwendige Erfahrung und das Insiderwissen verfügt, die die Kompetenz eines solchen Werkes ausmachen. Zudem hat Schawinski mit den meisten der aufgeführten Protagonisten seine Sträusse ausgefochten, namentlich erwähnt seien dabei Leon Schürmann, Roger de Weck, Moritz Leuenberger, Ueli Maurer und – selbstverständlich – sein «Urgegner» Armin Walpen. Warm anziehen muss sich bei der Lektüre Christoph Gebel, der abtretende Unterhaltungschef des Schweizer Fernsehens. Aber dies dürfte bei diesen winterlichen Temperaturen kein Problem sein.  

Schawinskis neustes Werk ist der handfeste Beweis, dass auch ein Sachbuch sehr viel über seinen Autoren aussagen kann. Hier ist es sicher nur von Vorteil: Fast noch mehr als in den vorangegangenen Büchern spürt man das Bedauern des Schreibers, dass es ihm vor 16 Jahren schliesslich nicht gelungen ist, mit Tele24, eine zweite, landesweite Konkurrenz zum Schweizer Fernsehen aufzubauen. Doch seither hat sich die Medienwelt – und die Abstimmung vom 4. März ist der beste Beweis dafür – grundlegend verändert. Viele der Befürworter der No-Billag-Initiative würden nach einer - nach meiner Meinung - doch sehr unwahrscheinlichen Annahme höchstwahrscheinlich gar nicht realisieren, dass es die SRG nicht mehr gibt. Weil sie zu der heranwachsenden Zielgruppe gehören, die das SRG-Angebot gar nicht mehr nutzen. «Hoi, hoi, Teleboy!» ist lange her. Heute heisst es für viele «Tschau, tschau SRG!». Der Schreiber dieser Besprechung, womit das auch einmal gesagt sei, gehört nicht dazu. 

Doch zurück zum Buch. Fazit: «No Billag?» liest sich schnell und spannend, und ist vor allem – was für deutschsprachige Bücher ungewöhnlich – topaktuell. Hier setzt Schawinskis SRG-Krimi, den er innerhalb eines Monats verfasst hat, Massstäbe. Dass es fast zeitgleich mit der Trump-Insiderstory «Fire und Fury» erscheint, ist ein witziger Zufall. Zur Entwarnung: So dekadent, überbordend und chaotisch wie im Weissen Haus geht es im Leutschenbach in keiner Sekunde zu. Auch wenn es in der Schweiz - wie wir nach der Lektüre wissen - zu lange hiess «SRG first».

Selbstverständlich reibt sich Schawinski auch in diesem Buch mit seinem «Lieblingsfeind», der SVP und ihren Exponenten. Auch das gehört dazu. Möglicherweise ist es aber gerade die Schlusspointe der No-Billag-Vorlage, dass am Ende jene Kreise die SRG retten werden, die nicht zu den Lieblingen ihrer Macher gehören: nämlich die Älteren und die Nicht–Urbanen. Von denen – und das hört man im Leutschenbach sicher nicht so gerne – wählen viele SVP. Diese Dialektik arbeitet  Schawinski gut heraus: Schliesslich habe er, so bekennt er in seinem Buch, die heute bekannten SVP-Exponenten Roger Köppel oder Christoph Mörgeli regelmässig – und dies auch aus Quotengründen – in seinen damaligen Sender TeleZüri eingeladen und sie damit zu Politstars gemacht. Womit – mit einem Augenzwinkern – endlich die Frage beantwortet sei, wer die Beiden erfunden habe.

 

No-Billag

Roger Schawinski, «No Billag? Die Gründe und die die Folgen», Wörterseh-Verlag, 12 Franken. 



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