23.01.2020

WEF Davos

«Wir konnten den Smalltalk beobachten»

Ein Dokfilm gewährt erstmals einen intimen Blick hinter die Kulissen des World Economic Forum. Regisseur Marcus Vetter sagt, wo Türen verschlossen blieben und welche Vorurteile er über Bord werfen musste. Er glaubt, Klaus Schwab habe sich von Greenpeace beeinflussen lassen.
WEF Davos: «Wir konnten den Smalltalk beobachten»
WEF-Gründer Klaus Schwab im Dokfilm «Das Forum – Rettet Davos die Welt?» und der Regisseur Markus Vetter. (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Herr Vetter, Sie befinden sich derzeit am WEF in Davos. Welche Rückmeldungen erhalten Sie vor Ort auf Ihren Dokumentarfilm?
Die Feedbacks sind sehr gut, sowohl von WEF-Vertretern selbst sowie von CEOs. Der Film sei fair und baue Vorteile ab, heisst es. Ich persönlich hatte sehr viele Vorurteile gegenüber dem Anlass. 

Was für Vorurteile hatten Sie?
Das Bild, das jeder hat: Die Elite trifft sich, redet und es kommt wenig dabei raus. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Professor Schwab das WEF selbst aufgebaut hat.

Wie kam es zu diesem Film?
Produzent Christian Beetz hat mich für das Filmprojekt angefragt. Er dachte damals schon seit Jahren über ein Filmprojekt über das WEF nach und konnte Professor Schwab nach langen Gesprächen von der Idee überzeugen. Seine Bedingung war allerdings, dass der Fokus nicht auf ihm, sondern auf der Institution WEF liegen muss. Also hat Beetzs Team versucht, das WEF über seine Peripherie, seine Angestellten also, zu verstehen. Das Vorhaben ist schliesslich gescheitert, weil Mitarbeitende natürlich nur ungern über die eigene Institution urteilen. 

In Ihrem Film liegt der Fokus auf Schwab und seiner Vision. Wie haben Sie ihn überzeugt?
Ich habe ihn getroffen und das Vorhaben mit ihm besprochen. Er hatte vor 50 Jahren die Vision, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem er die Mächtigen an einem Ort versammelt. Was ist aus dieser Vision geworden? Heute zeigt sich: Das war ein fast schon kindlicher Gedanke. Die Gäste kommen zwar, aber es ist fraglich, ob sie seine Vision ernst nehmen oder doch nur an ihre Geschäfte denken.

«Ich habe Professor Schwab eine Stimme gegeben»

Wie lange waren Sie für den Dokumentarfilm an der Arbeit?
Der Aufwand war sehr gross. Wir haben während zwei Jahren mit drei Teams gedreht und fast ein Jahr lang geschnitten. Wir haben uns bewusst viel Zeit gelassen und sind nach Indonesien und Ghana gereist.

Nach diesen intensiven Arbeiten am Film, was denken Sie: Kann das WEF wirklich helfen, Probleme wie etwa Klima, soziale Ungleichheit oder Vierte Industrielle Revolution zu lösen?
Ich glaube es kann dazu beitragen, Probleme zu lösen, wenn sich die Gäste vielleicht mehr an Schwabs Vision halten. Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan stellt am Schluss des Films die Gretchenfrage und rät Professor Schwab, seine ihm so lieb gewordenen Freundschaften auch einmal etwas zu strapazieren. Es stellt sich die Frage: Muss Schwab, der gern ein guter Gastgeber ist, seine Gäste dazu zwingen, sich für Verbesserungen einzusetzen oder reicht es schon, dass sich die Elite überhaupt trifft?

Sie meinen also Partei ergreifen und unbequem sein, wäre fast schon zu viel verlangt?
Ich denke gar nichts, als Filmemacher stelle ich dar. Meine Aufgabe war es, die Herzen zu öffnen. Ich habe Professor Schwab teilweise mit Bedenken der Zuschauer konfrontiert und ihm eine Stimme gegeben. Oft wird ja nur draufgehauen, aber durch unseren Dok-Film hatten sie alle einmal die Möglichkeit, den Zuschauern zu sagen, was sie da überhaupt machen. Wie jeder einzelne dazu steht, das überlasse ich dem Publikum.

Viele Schweizer Medien fokussieren in ihrer Berichterstattung über das WEF vor allem auf Trump, respektive interessiert es sie, welche Persönlichkeiten am Forum teilnehmen und welche nicht. Ist das Ihrer Ansicht nach der richtige Fokus? Oder gäbe es einen besseren?
Die Medien könnten sich aufteilen und auf unterschiedliche Projekte konzentrieren. Natürlich gilt es herauszufinden, welche Projekte Feigenblätter sind und welche wirklich etwas verändern.  

Im Film thematisieren Sie das Drohen-Projekt Zipline in Afrika. Warum haben Sie ausgerechnet dieses ausgewählt?
Zipline steht Pars pro toto für viele dieser Projekte und es ist sehr bildstark. Zufälligerweise ist es ein Projekt, das gross ist und immer grösser wird. 

«Klaus Schwab hat sich von der Aussage von Jennifer Morgan beeinflussen lassen»

Wo stiessen Sie beim Filmen auf Grenzen? Wo wurde Ihnen der Zugang verwehrt?
Natürlich durften wir nicht alles filmen. Bei Apple-Chef Tim Cook zum Beispiel durften wir mit den Kameras nicht rein. Aber generell durften wir sehr viel. Wir waren in Bereichen, da hat noch nie jemand gefilmt. Dort, wo sie alle herumstanden und Al Gore auf Jair Bolsonaro zugeht – und später auf Jennifer Morgan. Wir konnten diesen Smalltalk beobachten, und auch die Ausgrenzung von Bolsonaro. Wir durften sehr intime Situationen miterleben. Und darum geht es: Die Zuschauer sollen ein Gespür für die Menschen hinter dem WEF erhalten, es soll nicht immer alles so weit weg von uns allen sein.

Klaus Schwab sagt, das WEF sei «neutral und nicht politisch». Was sagen Sie dazu?
Ich kann nicht beurteilen, ob das WEF politisch unabhängig ist. Das war nicht mein Fokus.

Mit Blick auf das aktuelle WEF: Inwiefern unterscheidet sich die 50. Ausgabe im Vergleich mit den letzten Jahren?
Ich glaube, Klaus Schwab hat sich von der Aussage von Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan, dass er zu wenig für den Klimawandel tut, beeinflussen lassen. Das Thema ist in diesem Jahr viel grösser als zuvor. 


Dokumentarfilmregisseur Marcus Vetter erhielt für seine früheren Arbeiten zahlreiche Auszeichnungen, darunter den deutschen Filmpreis und mehrfach den Grimme Preis.

«Das Forum» wurde am 20.1 auf SRF ausgestrahlt. Der von Dschoint Ventschr co-produzierte Film ist noch kurze Zeit auf srf.ch abrufbar. Auf dvfilm.ch ist der Film auch als Download erhältlich.

 



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