18.11.2021

Beltracchi unverfälscht

«Wolfgang ist ein sehr guter Geschichtenerzähler»

Wie Helene und Wolfgang Beltracchi die Kunstwelt narrten: Diese «kriminell schöne Liebesgeschichte» erzählen Stefan Gubser und Regula Grauwiller. Am Samstag findet in der Tonhalle Zürich die erste szenische Lesung statt.
Beltracchi unverfälscht: «Wolfgang ist ein sehr guter Geschichtenerzähler»
Laden zur szenischen Lesung «Beltracchi unverfälscht» ein (v.l.): Stefan Gubser und Regula Grauwiller. (Bild: Alberto Venzago)
von Matthias Ackeret

Herr Gubser, Sie haben zusammen mit Regula Grauwiller die szenische Lesung «Beltracchi unverfälscht» kreiert. Was ist schwieriger zu spielen, Tatort-Kommissar Flückiger oder Meisterfälscher Beltracchi?
Wir spielen die beiden ja nicht, sondern erzählen ihr Leben … Generell ist es aber immer die grössere Herausforderung, eine real existierende Person zu verkörpern.

Nun stehen Sie auf der Seite des «Bösen». War dies schwierig …
Wolfgang Beltracchi ist ein sehr charmanter ehemaliger Fälscher. Für mich ist das weit entfernt von jemandem wirklich Bösem. Dass man aber auch Bösewichte spielen darf in meinem Beruf, macht ja gerade den Reiz aus.

Was muss man sich unter einer szenischen Lesung verstehen?
Wir haben zwar den Text dabei, lesen aber kaum noch ab, sondern erzählen die Geschichte weitgehend frei. Ausserdem spielen wir kleine Szenen, zeigen Bilder und schaffen einfach einen sehr unterhaltsamen spannenden Abend.

«Helene und Wolfgang waren sofort begeistert von dieser Idee»

Wie ist die Idee entstanden, daraus ein Theaterstück zu machen?
Wie gesagt, es ist kein Theaterstück – ich ziehe mir nicht Wolfgangs Hawaii-Hemden und seinen Hut an, und auch Regula färbt ihr Haar nicht blond. Wir lesen aus ihren Briefen, die sie sich in ihrer 14-monatigen Untersuchungshaft geschrieben haben und erzählen ihre Geschichte. Die Idee entstand bei einem Talk im Efficiency Club im kleinen Kreis, bei dem die Beltracchis aus ihrem Leben erzählten. Nach wenigen Minuten war mir klar, dass ich diese spannende Geschichte auf die Bühne bringen möchte. Helene und Wolfgang waren sofort begeistert von dieser Idee und haben uns dabei tatkräftig unterstützt. Toll fand ich auch, dass – obwohl den beiden verschiedentlich Geldgier vorgeworfen wurde – der monetäre Aspekt dabei nie eine Rolle spielte, im Gegenteil verzichteten sie sogar noch auf ihre Tantiemen.

Wie ist der Inhalt dieser Briefe?
Durch die Briefe erfährt man nicht nur von der grossen Liebe, die die beiden verbindet, sondern erhält auch einen Einblick in den Alltag deutscher Gefängnisse.

Wie eng haben Sie damit mit dem Ehepaar Beltracchi zusammengearbeitet, das nach ihrer Haftentlassung in der Schweiz lebt?
Wir haben sie mehrmals getroffen und sehr spannende, humorvolle Abende verbracht. Wolfgang ist ein sehr guter Geschichtenerzähler. Die Arbeit für unsere szenische Lesung haben wir aber ohne ihre Hilfe gemacht. Beziehungsweise: Sie haben die Arbeit geleistet, indem sie die beiden Bücher «Einschluss mit Engeln» und «Selbstporträt» geschrieben haben, aus denen ja alle unsere Texte sind.

Wie sind die Beltracchis?
Faszinierend, intelligent, gebildet und äusserst  humorvoll.

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Wird das Ehepaar Beltracchi an der Weltpremiere in der Tonhalle anwesend sein?
Ja. Die beiden sind gespannt, was wir aus ihrer Geschichte gemacht haben. Ausserdem zeigen die beiden Wolfgangs neueste Bilder in einer Ausstellung im kleinen Saal der Tonhalle.

Wo kann man «Beltracchi unverfälscht» überall sehen?
Die Aufführung am 20. November ist der Auftakt zu vielen weiteren Orten. Die stehen aber alle noch nicht fest. Auf unserer Webseite wortspektakel.ch kann man die Termine jederzeit abrufen oder sich beim Newsletter anmelden, um nichts zu verpassen.

«Ich habe den Reto Flückiger sehr gerne gespielt»

Sie wurden europaweit als Kommissar Flückiger bekannt. Vermissen Sie diese Zeit, oder ist es gar eine Befreiung, nicht mehr in eine Rolle gezwängt zu werden?
Ich habe den Reto Flückiger sehr gerne gespielt und hätte es auch noch länger getan. Als es zu Ende ging, war ich anfangs zwar enttäuscht, aber wie sagt Heine in seinem berühmten Gedicht «Stufen» so schön: «Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.» Aus der Enttäuschung über das Aus des Luzerner Tatorts entstand die Firma Wortspektakel, mit der wir während des Lockdowns fleissig Projekte entwickelt haben. So wurde aus der anfänglichen Enttäuschung etwas Neues geboren, was mir unglaublich viel Freude macht. Was will man mehr?

Sie sind einer der bekanntesten Schweizer Schauspieler. Gibt es neben «Beltracchi unverfälscht» noch weitere Projekte?
Wir sind bereits mit unserer anderen Eigenproduktion «Weiber sind auch Menschen» zu 50 Jahre Frauenstimmrecht unterwegs in der Schweiz. In Deutschland spielen wir im Moment an den Hamburger Kammerspielen in Koproduktion «Die Deutschlehrerin» nach dem Roman von Judith W. Taschler. Ab Februar gehen wir damit auf Tournee auch in der Schweiz. Mit dem CasalQuartett gibt es die beiden Konzertlesungen «Beethoven – das einsame Genie» und «Genie und Glück auf Zeit – das kurze Leben von Fanny und Felix Mendelssohn». Wir bieten ein Lesedinner an, wo wir aus der sehr amüsanten Komödie von Eric Assous «Glück» lesen, und man kann uns auch für individuelle Anlässe unter dem Titel «Heimkultur» oder «Firmenevents» buchen.



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