Grosse Bekenntnisse im Spiegel

Jean-Remy von Matt - «Meine chronische Selbstverliebtheit ist echt», sagt der 72-jährige Schweizer in einem Spiegel-Interview. Dort spricht der Werbeguru über seine Eitelkeit, vier gescheiterte Ehen, das Altern und warum er den umstrittenen Ex-Spiegel-Reporter Claas Relotius einstellte.

Jean-Remy von Matt sagt, dass er gerne lügt: «Bis zu 15 Prozent dichte ich dazu», sagt der 72-jährige Mitgründer der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt in einem am Samstag publizierten Spiegel-Gespräch anlässlich seines neuen Buchs «Am Ende» (erscheint am 31. Juli).

Der in Brüssel geborene und in Zürich aufgewachsene Werber, der 2002 in die Hall of Fame der deutschen Werbung aufgenommen wurde, schuf legendäre Slogans wie «Geiz ist geil» für Saturn oder «Wer hat's erfunden?» für Ricola. 2017 entwickelte er die Wahlkampagne von Angela Merkel zur Bundestagswahl. Der Mann, der sich einst in Unterwäsche fotografieren liess und dessen Hausdach einer weiblichen Brust nachempfunden ist, spricht mit dem Spiegel über das Altern und die Vergänglichkeit.

Mit 66 Jahren zog sich von Matt aus dem Tagesgeschäft zurück – freiwillig, wie er betont. «Ich hatte keine Lust mehr und war auch nicht mehr gut.» Heute geniesst er seinen «Traumjob: keine Verantwortung, überall reinreden». In seinem 400-Quadratmeter-Loft in Berlin-Mitte steht ein Citroën-Lieferwagen als Heimkino.

Relotius-Debatte und Privatleben

Bei der Diskussion um Claas Relotius, den er nach dessen Enthüllung als Werbetexter anstellte, bezeichnet von Matt den Spiegel-Fälscher nicht als Betrüger: «Er ist halt übers Ziel hinausgeschossen.» Auf den Vorwurf der Verharmlosung antwortet er, es sei auch seine «Lust an der Provokation».

Über sein Privatleben spricht der vierfach geschiedene Werber. Seine vierte Ehe ging nach 25 Jahren zu Ende. «Nach vier Ehen muss ich mir schon Fragen gefallen lassen», räumt er ein. Doch eine Therapie lehnt er ab: «Ich möchte mein Gefühl nicht mit Wissen stören.»

Zum Thema Altern: Mit seiner selbst entwickelten «Lebenszeituhr» rechnet er sich noch elf Jahre aus – seine Prognose ist pessimistischer geworden: 2023 erzählte er in einem Interview mit dem Printmagazin persönlich, er rechne noch bis 85, nun nur noch bis 83. Seine Beerdigung hat er bereits geplant, inklusive Grabinschrift: «Danke für alles – man sieht sich.» Begraben werden will er laut Spiegel-Interview in Zürich: «Eigentlich wollte ich in Berlin begraben werden, doch die Stadt ist mir zu verwahrlost, deshalb lieber Zürich», so von Matt.

Über die heutige Werbung sagt er: «Das Gros ist zum Gähnen.» Ihm fehle der Fokus auf gute Ideen. Eine Agentur würde er heute nicht mehr gründen: «Ich würde schnell verarmen.» (cbe)