12.06.2026

ADC Switzerland

Wenn der Pfarrer den Kreativen predigt

Grossmünster-Pfarrer Christian Walti hat am Donnerstag die Keynotes des ADC-Kreativfestivals im Kraftwerk Zürich eröffnet. Er zog dabei überraschende Parallelen zwischen 2000 Jahre alter Kirchengeschichte und dem Alltag der Kreativbranche.
ADC Switzerland: Wenn der Pfarrer den Kreativen predigt
Pfarrer Christian Walti, tätig am Grossmünster Zürich und in der Bahnhofkirche, sprach am ADC-Kreativfestival 2026 über Kreativität, Spiritualität und die Grenzen künstlicher Intelligenz. (Bilder: Tobias Stahel)

Was hat eine 500 Jahre alte Reformationskirche mit der Kreativbranche zu tun? Einiges, findet Christian Walti, Pfarrer am Grossmünster und Seelsorger in der Bahnhofkirche Zürich. Er arbeite in einer Organisation, die rund 40-mal so alt sei wie der ADC – und kenne die Herausforderung, dieselbe Botschaft immer wieder neu zu vermitteln, bestens. Mit seiner Keynote «Same same, but different – Kreativität und Spiritualität im Zeitalter von KI» sprach er am Donnerstagmorgen – dem ersten von zwei Keynote-Tagen des Festivals – vor mehr als dreissig Personen. Das Echo nach dem Vortrag war ausgesprochen positiv.

Das Festivalprogramm hatte es angekündigt: Seit beinahe 2000 Jahren vermitteln Theologinnen und Theologen dieselbe Botschaft immer wieder neu – und tun das, ohne zu wissen, was ihr eigentlicher Inhalt ist. In der lockeren, lebhaften Atmosphäre des Kraftwerks, wo parallel weitere Vorträge und Workshops liefen, legte Walti dar, wie das funktioniert.

Er erklärte zunächst, was seinen Beruf ausmacht: Als Pfarrer in der reformierten Tradition habe er eigentlich nur eine Aufgabe – das Evangelium verkündigen. Wobei er sogleich einräumte: «Ich kann Ihnen nicht sagen, was das genau ist.» Das Wort «Evangelium» sei im römischen Reich ursprünglich ein Euphemismus für die Botschaft eines unterdrückenden Kaisers gewesen – und genau das mache es zum subversiven Akt, wenn es auf einen hingerichteten Aussenseiter wie Jesus umgemünzt werde. «Evangelium verkündigen ist nicht ein Content, ein Was, sondern ein Wie», sagte er.

Standbein und Spielbein

Kreativität, so Walti, brauche immer einen Ankerpunkt im Bestehenden. Sein Bild dafür: «Damit ich kreativ arbeiten kann, brauche ich ein Standbein und ein Spielbein. Zwei Spielbeine gehen nicht, zwei Standbeine auch nicht.» Als Pfarrer sei sein Standbein der Urtext der Bibel, das Spielbein die Gegenwart seiner Zuhörerinnen und Zuhörer.

Er verwies auf die Zürcher Reformation vor 500 Jahren: Ulrich Zwingli und seine Mitstreiter hatten mit der «Prophezei» eine Art kreativen Workshop etabliert, bei dem morgens Bibeltexte im Original übersetzt und danach in einer Stehgreifpredigt auf die damalige Lebenswelt bezogen wurden. Das Ergebnis: die erste vollständige deutschsprachige Bibelübersetzung. «Mit uralten Texten wurden neue, heute verständliche Texte geschaffen», sagte Walti. «Aber das war nicht genug – sie wurden auch direkt mit der Gegenwart der Menschen verbunden.»

KI kann keine Pause machen

Den entscheidenden Unterschied zwischen menschlicher Kreativität und künstlicher Intelligenz machte Walti an einem einzigen Punkt fest: der Pause. «Das Large Language Model (LLM) kann keine Pause machen. Es kann höchstens eine Pause berechnen, aber in der Zwischenzeit muss es zählen. Ich muss nicht zählen.» Das Wort Inspiration leite sich vom lateinischen «inspirare» ab – einatmen. «Das LLM atmet nicht.»

Auf die Frage eines Zuschauers, ob KI also zur Inspiration fähig sei, antwortete Walti: «Ich gebe dem LLM eine Chance. Wenn wir Texte und kreative Erzeugnisse aus der KI wahrnehmen, sind wir immer noch Menschen. Und als Menschen haben wir einen Sinn für die Dinge zwischen den Informationen. Dort ist Luftraum für Inspiration.»

Walti berichtete auch, wie er die Botschaft des reformierten Abendmahls ins Heute übersetzt hat: mit einem Holztisch, der auf öffentliche Plätze in Zürich getragen wurde und beim Begegnen mit Sans-Papiers, einem Assistenzrabbiner oder einem Imam zum Einsatz kam. Und er erzählte, wie er mit einem KI-generierten Bild – Zwingli vertreibt Ronald McDonald, das Maskottchen des Fast-Food-Konzerns – Stellung zur geplanten Filiale am Zürcher Limmatquai bezog. Er sei nicht gegen Hamburger, sondern gegen das, was der Konzern für ihn symbolisiere: den Imperialismus globaler Marken im gewachsenen Stadtquartier.

Zum Schluss liess Walti es sich nicht nehmen, das Publikum mit einem Augenzwinkern herauszufordern: Die reformierte Kirche habe 500 Jahre überlebt. «Der ADC muss sich das noch überlegen: Mit welchem Motto wollt ihr 500 Jahre überleben?»

Die Keynote war Teil des Programms zum 50-jährigen Bestehen des ADC Switzerland – gefeiert im Kraftwerk Zürich, das für die Festivaltage zum «Craftwerk» wurde. Das Kreativfestival dauert noch bis Samstag.


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