15.11.2012

Erfolgreiche Frauen

Vor 9 Jahren kaufte sie sich ihre eigene Firma. Seither hat Barbara Artmann (51), Inhaberin und CEO von Künzli Swiss Schuh, den Traditionsbetrieb wieder in Schwung gebracht. 2009 wurde sie für ihren Mut mit einem Swiss Award geehrt, Anfang dieses Jahres hat sie nach einem Markenstreit kurzer Hand ein neues Logo entworfen. Im 21. Teil unserer Serie spricht die umtriebige Münchnerin über Highheels, ihren Appenzeller Dickschädel und das "Vorurteil Karrierefrau". Das Interview:
Erfolgreiche Frauen

Frau Artmann, was beschäftigt Sie aktuell?

Eben gerade war es der Start der nächsten Classic Kollektion. Der Leiter Entwicklung und ich haben Leder gesichtet und Ideen zur Herbst-/Winterkollektion ausgetauscht. Es geht immer ein paar Wochen, bis eine neue Modekollektion fertig ist. Wir haben ja zwei Bereiche: Die Medizin und die Mode. Bei beiden ist das Design immens wichtig: Also Form bei der Mode, Funktion bei der Medizin.

Wie viel "Artmann" steckt im Design?

Das Strategische, die Struktur, Modelle und Farben gibt der Category Manager vor, für die Entwicklung sitze ich mit dem Entwickler zusammen: Er macht die Umsetzung und die Technik, ich die Gestaltungsideen. Dabei wollen wir Schuhe nach der Strategie designen, mir selbst müssen sie vielleicht nicht unbedingt gefallen. Beurteilt und selektiert wird die Kollektion dann vom Classic bzw. Ortho Team.

Sie selber tragen gerade auch Künzli-Schuhe.

Eigentlich immer, ich liebe diese Schuhe. Sie machen süchtig, das sagen auch die Kunden. Wir setzen auch im Modebereich auf hochwertige Leder, die ein sehr angenehmes Gefühl geben. Man fühlt sich einfach wohl drin – und natürlich gefallen sie mir auch.

Wie wichtig ist das für ein Unternehmen, dass die Chefin die eigenen Produkte auch selber trägt?

Gerade bei Modeschuhen ist das vermutlich ein wichtiges Zeichen. Es wäre ja schon komisch, wenn ich flache, hübsche und elegante Damenschuhe verkaufen wollte und gleichzeitig immer in High-heels herumrennen würde.

Aber Sie haben bestimmt auch High-Heels?

Nein. Warum denn? Sogar an Bälle gehe ich in flachen Schuhen. Mir tun manchmal die Damen leid - spätestens nach zwei Stunden mit schmerzenden Füssen. Mit mir tanzt man gerne, weil man mit mir wirklich tanzen kann.

Wie ist das eigentlich: Schauen Sie den Leuten immer auf die Schuhe?

Ja, das ist eine Berufskrankheit. Und das geht nicht nur mir so – alle Künzlis schauen dem Gegenüber zuerst auf die Schuhe. Diesen Reflex kann man nicht abstellen, aber er fällt einem kaum mehr auf. Ich schaute den Leuten schon auf die Schuhe, bevor ich mir auch nur im Entferntesten vorstellen konnte, dass ich einmal Schuhe produzieren werde. Mein Faible für Schuhe habe ich von meiner Mutter geerbt. Schon in meiner Jugend hatten Männer mit hässlichen, klobigen und unmodischen Schuhen einen schweren Stand. Mit dem Alter bin ich toleranter geworden (lacht).

Gelten in der Firma bestimmte Schuhregeln?

Viele Mitarbeiter tragen Künzli-Schuhe, das freut mich sehr. Es trägt sie aber keiner aus Zwang, sondern weil sie sie gerne tragen. Aber die Dame, die Sie vorhin gesehen haben, trägt heute zum Beispiel wunderschöne braune Stiefel, die nicht von uns sind. Das ist ebenfalls ok.

Sie sind Chefin von rund 30 Mitarbeitern. Nach welchem Prinzip führen Sie?

"Freude an der Arbeit" könnte eine Überschrift lauten. Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt. Ich habe versucht, eine Kultur zu schaffen, wie ich sie mir früher selber gewünscht habe – ich möchte morgens mit Freude zur Arbeit kommen und ich wünsche mir, dass alle auch gerne hier arbeiten. Man soll sich wohlfühlen. So kann man auch schwierige Situationen miteinander meistern.

Wir sitzen gerade in Ihrem Büro. Zuvor wollten Sie die Türe nicht schliessen, weil niemand denken soll, dass Sie Geheimnisse haben.

Es gibt auch keine – oder kaum welche. Schliesslich sitzen wir alle im gleichen Boot. Wer informiert ist und mitentschieden kann, mag auch mit Verantwortung tragen – das tun die Künzlis alle.

Wie ist es vor acht Jahren eigentlich dazu gekommen, dass Sie diese Firma kaufen konnten?

Ich hatte eine recht erfolgreiche Karriere hinter mir - vielleicht besonders als Frau. Trotzdem hatte ich meine Erfüllung noch nicht gefunden. Ich war auf der Suche, wusste aber nicht wonach. Irgendwann habe mich dann auf der Skipiste mit einem gestandenen Schweizer Unternehmer unterhalten, der mir riet, ich solle mich doch selbständig machen. Das hatten mir zuvor auch schon andere geraten, für mich war es aber bis dahin nie ein Thema.

Warum nicht?

Ich fand immer, eine Firma schränke meine Freiheit ein. Und meine Freiheit ist mir extrem wichtig.

Wie änderte dieser Unternehmer Ihre Meinung?

Er weckte die Missionarin in mir. Es war in der Zeit, als die Internetblase geplatzt ist, und sein Satz "und wenn du nur zehn Arbeitsplätze schaffst …" hat mich gepackt. Dann bin ich ganz systematisch auf Firmensuche gegangen und dabei auf Künzli gestossen. Künzli ist das Beste, was mir im Leben passiert ist. Ich liebe diese Firma und diesen Beruf von ganzem Herzen. Ich bin am Platz meines Lebens gelandet.

Haben Sie sich immer zugetraut, dass Sie die Firma wieder in Schwung bringen?

Ich hatte es gerechnet und analysiert. Aber ich bin auch ein positiver Mensch mit gesundem Selbstbewusstsein. Das bekommt man in die Wiege gelegt. Mein Vater sagte immer zu mir: "Du bist meine Tochter, du kannst das". Ich glaubte ihm meistens (lacht).

Vor zwei Jahren bekamen Sie für Ihren Erfolg sogar einen SwissAward.

Das war schon speziell, ich habe es erst im Nachhinein realisiert. Damals fand ich es fast skurril: Ist ja nicht gerade typisch, dass so ein kleines "Firmli" einen solchen Preis erhält. Ich glaube, den haben wir insbesondere deshalb gekriegt, weil wir den Kampf gegen die Grossen aufgenommen haben.

Sie sprechen den Markenzeichen-Streit gegen K-Swiss an. Im Februar haben Sie diesen nach mehreren Jahren verloren. Wie gehen Sie mit Niederlagen um?

Das war tatsächlich eine dramatische Niederlage – let’s face it. Ich habe sieben Jahre mit aller Kraft und allem Vermögen gekämpft und wir haben verloren. Ich habe geheult wie ein Schlosshund, weil ich es unfair fand und immer noch finde. In der Firma musste ich Stärke zeigen, auch wenn mir elend zumute war.

Haben Sie in dieser Zeit nie daran gedacht, die Firma wieder zu verkaufen?

Sicher nicht. Das wäre nicht schlau – aufzuhören, wenn es schlecht ist. Aber trotzdem, die Geschichte hat mich frustriert und traurig gemacht. Ich brauchte schon etwas Zeit, bis ich mich wieder aufgerappelt hatte.

Wie haben Sie das gemeistert?

In solchen Zeiten muss ich allein sein, in die Berge gehen. Ich bin ein Bergkind, bin ja auch in den Bergen aufgewachsen. Und ich habe einen Appenzeller Ururur-Grossvater. Von dem hab ich wohl auch meinen Dickschädel geerbt. (lacht)

Im Markenstreit mit K-Swiss wählten Sie die Flucht nach vorne und haben einfach ein neues Logo erfunden. Ist eine solche Reaktion typisch für Sie?

Ja, ich denke schon. Und lustig ist ja: Freiwillig hätten wir nie unser Markenzeichen aufgegeben, da die fünf Streifen schon ein sehr starkes Zeichen sind. Ich ärgere mich auch grad wieder, wenn ich daran denke. Aber schlussendlich ist unser neues Markenzeichen einzigartig. Es sind noch immer die magischen fünf, es ist quadratisch wie die Schweizer Flagge und es ist modischer. Zudem eröffnen uns die fünf Klötzli neue Chancen: Wir können zum Beispiel in die USA exportieren. Das wäre mit den Streifen nie möglich gewesen.

Das nennt man dann wohl "Glück im Unglück".

Vielleicht hat es einfach so kommen müssen. Und das ist oft so im Leben: Wenn man etwas verliert oder aufgeben muss, kommt meistens etwas nach. Es liegt dann an jedem selbst, das Bessere zu sehen, anzunehmen und das Beste daraus zu machen.

Waren Sie schon als Kind so optimistisch?

Ich war ein Sternenkind, es fiel mir leicht. Ich war aber auch immer jemand, der Ziele konsequent durchgezogen hat – manchmal auch mit dem Kopf durch die Wand.

Wie sind Sie aufgewachsen?

Mit meiner Schwester und meinen Eltern. Ich hatte wunderbare Eltern, die mir stets vertrauten und mir bedingungslose Liebe, die für ein Kind sehr wichtig ist, schenkten. Beide sind nicht mehr auf dieser Erde, aber irgendwie sind sie doch noch da und geben mir Antwort.

Woher haben Sie Ihre Zielstrebigkeit und Ihr Durchsetzungsvermögen?

Ein Stück weit bin ich einfach so. Aber ich war auch häufig als Mädchen oder Frau in der Minderheit, schon in der Schule, eine Klosterschule. Wir waren zwei Mädchen in der Klasse, da lernt man, sich zu behaupten.

Sind Sie religiös?

Nein, ich bin aus der Kirche ausgetreten. Religion hat mir vielleicht die Klosterschule abgewöhnt – nicht aber christlich-humanistische Werte. Und sie hat wohl auch dazu beigetragen, dass ich heute Wert auf das Sich-gegenseitig-zur-Seite-stehen lege.

Was glauben Sie denn?

Ich glaube an den freien Willen und die persönliche Freiheit. Ich glaube aber auch daran, dass jeder eine moralische Pflicht und Aufgabe hat. Was immer es noch geben mag, wir Menschen sind in der Verantwortung, wir haben die Wahl, ob recht oder unrecht. Das ist doch auch etwas Wunderbares, dass wir diese Freiheit haben.

Sie scheinen Ihre Freiheit wirklich zu lieben. Haben Sie einen Partner?

Hie und da.(lacht). Das ist manchmal etwas anstrengend.

Ihr Leben scheint generell ziemlich anstrengend. Sind Sie ein Workaholic? Haben Sie auch einmal frei?

Das ist Ansichtssache, ich find’s aufregend, nicht anstrengend. Ich habe mir das ja selber so eingerichtet. Seit ein paar Jahren versuche ich jedoch, mir die Wochenenden freizuhalten. Dann gehe ich rennen, Ski fahren oder ins Ballett.

Würden Sie sich als Karrierefrau bezeichnen?

Wahrscheinlich. Auch wenn es klingt wie ein Vorurteil, aber wie soll man das sonst nennen?

Wollten Sie nie eine Familie?

Ich wollte nicht nicht heiraten, sondern wollte einfach zuerst einmal mein eigenes Leben haben. Auch Kinder habe ich nie ausgeschlossen, aber es hat sich halt einfach nicht ergeben. Ich geniesse es dafür umso mehr, meine Schwester und ihre Kinder zu besuchen. Dort bin ich die coole Tante und nehme so eine Art "Ersatz"-Vater-Rolle wahr. Da kann ich auch mitentscheiden und das finde ich schön. Auch wenn die Kids um Rat fragen oder mir sagen, ich gehöre zur engsten Familie, das tut schon gut und hält die "alte Jungfer" jung (lacht).

Interview: Corinne Bauer



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