Herr Gigerenzer, was dürfen die Besucherinnen und Besucher von Ihrer Keynote «Risikokompetenz: smarte Entscheidungen in komplexen Situationen» konkret erwarten?
Eine Anregung zum Nachdenken darüber, wie man in einer ungewissen Welt gute Entscheidungen trifft – und den Mut findet, sie auch umzusetzen. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Situationen, in denen sich Risiken berechnen lassen, und solchen, in denen Ungewissheit herrscht. Bei berechenbaren Risiken helfen Logik und Statistik; unter Ungewissheit braucht man mehr: Intuition und Heuristiken.
Was verstehen Sie unter «Risikokompetenz», und woran erkennen Sie, dass sie einer Person oder Organisation fehlt?
Risikokompetenz ist die Fähigkeit, Risiken realistisch einzuschätzen und mit ihnen umzugehen. Organisationen behindern sich dabei oft durch Absicherungskulturen und defensive Entscheidungen. Wenn ein Manager Option A für die beste Lösung hält, aber die zweitklassige Option B wählt, um sich für den Fall eines Misserfolgs abzusichern, nennt man das «defensives Entscheiden». Option B ist meist weniger riskant, aber auch weniger innovativ. Ich beobachte defensives Entscheiden besonders häufig in grossen DAX-Unternehmen und Behörden, weniger in Familienunternehmen. Ein Indikator für eine ausgeprägte Absicherungskultur ist die Zahl der Beratungsunternehmen, die ein- und ausgehen.
«Der Rest war gezielte Irreführung»
Mediale Berichterstattung neigt manchmal zu Zuspitzung und dramatischen Schlagzeilen. Wie stark prägt das unsere Fähigkeit, Risiken realistisch einzuschätzen?
Sehr stark. Warum fürchten wir Dinge, die uns mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht umbringen? Nehmen Sie Haie: Weltweit sterben jedes Jahr nur etwa zehn Menschen durch Haiangriffe.
Mit der «Unstatistik des Monats» kritisieren Sie seit Jahren Fehldeutungen von Zahlen in der Berichterstattung. Welches aktuelle Beispiel hat Sie zuletzt am meisten geärgert – und was lief da schief?
Elon Musk schrieb 2025 auf X: «Fast 80 Prozent der Asylbewerber machen Urlaub in ihren Heimatländern.» Empörung folgte: Diese Menschen machen also ausgerechnet dort Urlaub, woher sie geflüchtet sind! Verschwiegen wurde jedoch, dass sich die Zahl auf Menschen bezog, die überwiegend in den 1970er- bis 1990er-Jahren nach Schweden gekommen waren, etwa als Flüchtlinge vor Pinochet. Viele lebten seit 30 bis 50 Jahren in Schweden und alle sprachen fliessend Schwedisch. Die Fakten waren: Rund 80 Prozent von 183 Migranten, die vor langer Zeit nach Schweden gekommen waren, hatten ihr Herkunftsland besucht. Der Rest war gezielte Irreführung.
Kommunikationsverantwortliche setzen zunehmend KI-Tools für Texte, Analysen und Entscheidungen ein. Wo sehen Sie die grössten Risiken, wenn Fachleute algorithmischen Empfehlungen blind vertrauen?
Algorithmische Empfehlungen die Menschen betreffen, wie etwa bei Einstellungen von Führungskräften, sind fehlerbehaftet. Man braucht Experten, die solche Fehler erkennen und korrigieren können. Wenn Unternehmen jedoch aufhören, Mitarbeiter zu Experten auszubilden, werden algorithmische Fehlentscheidungen oft erst bemerkt, wenn der Schaden bereits entstanden ist. Um Urteilskraft zu erhalten, sollte man deshalb erfahrene Mitarbeiter im Unternehmen halten.
Sie sagen, die Gefahr der KI liege weniger in der Technologie selbst als in ihren Betreibern und Nutzern. Was heisst das konkret für eine Branche, die täglich mit Algorithmen für Targeting, Personalisierung und Content-Erstellung arbeitet?
KI eröffnet Möglichkeiten – wie sie genutzt werden, entscheiden die Menschen. Gefahren entstehen etwa dadurch, dass Cyberkriminalität erleichtert wird, dass Jugendliche und Erwachsene gezielt abhängig gemacht werden können oder dass Arbeitsplätze schneller und umfassender durch KI ersetzt werden als bei früheren technologischen Umbrüchen. Mögliche Folgen sind soziale Spannungen, Unruhen und Gewalt.
In Ihrer Forschung betonen Sie, dass Intuition und logisches Denken sich ergänzen statt widersprechen. Welchen Stellenwert sollte «Bauchgefühl» bei schnellen Kommunikationsentscheidungen unter Zeitdruck haben?
Intuition funktioniert gerade unter Zeitdruck. Studien mit erfahrenen Handballern und Golfspielern zeigen, dass Experten oft bessere Ergebnisse erzielen, wenn sie nicht lange nachdenken, sondern ihrem ersten Impuls folgen. Das gilt jedoch für Experten, nicht für Novizen: Diese hatten noch keine Gelegenheit, verlässliche Intuitionen auszubilden.
«Leider kann ich keine Verbesserung der gesellschaftlichen Risikokompetenz erkennen»
Nach Pandemie, Klimadebatte und KI-Hype: Hat sich die gesellschaftliche Risikokompetenz in den letzten Jahren eher verbessert oder verschlechtert?
Leider kann ich keine Verbesserung der gesellschaftlichen Risikokompetenz erkennen. Das Geschäftsmodell sozialer Medien fördert Polarisierung und Emotionalisierung stärker als das Verständnis der Ursachen von Risiken. Dieses Geschäftsmodell ist eine Bedrohung für eine aufgeklärte Gesellschaft.
Was können Journalistinnen und Journalisten konkret anders machen, damit Risiken, Studienergebnisse und Statistiken verstanden statt missverstanden werden?
Zum einen die «Unstatistik des Monats» auf unstatistik.de lesen. Sie richtet sich an Menschen, die Risiken und Evidenz besser verstehen wollen. Zum anderen sollte Risikokommunikation ein fester Bestandteil der Aus- und Fortbildung im Journalismus sein.
In «Smart Management» beschreiben Sie mit Co-Autoren, wie Führungskräfte unter Unsicherheit klug entscheiden. Was unterscheidet eine «smarte» von einer bloss schnellen Entscheidung im Kommunikations- oder Marketingalltag?
Entscheidungen unter Unsicherheit erfordern intelligente Heuristiken, weil sich in solchen Situationen die beste Option nicht zuverlässig vorhersagen lässt. In unserem Buch zeigen wir anhand konkreter Beispiele, wie solche heuristischen Entscheidungen funktionieren – von der Personalauswahl bis zur Unternehmensstrategie.
In Ihrem Buch «Klick» warnen Sie vor Kontrollverlust in der digitalen Welt. Wo sehen Sie diesen Kontrollverlust heute am stärksten – bei Konsumentinnen, bei Unternehmen oder bei der Gesellschaft insgesamt?
Jede wichtige Entscheidung, die man einem Algorithmus überlässt, bedeutet einen Verlust an Kontrolle – insbesondere dann, wenn der Algorithmus eine Blackbox ist. Dann lässt sich nicht nachvollziehen, wie er zu seiner Entscheidung kommt und wie zuverlässig diese ist.
«Jeder Dritte möchte vorzeitig in den Ruhestand gehen»
Sie sind in Deutschland verankert, waren zuletzt aber auch mehrfach in der Schweiz zu Gast, etwa in Luzern oder Uri. Nehmen Sie im Umgang mit Risiko und Unsicherheit Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland wahr?
Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana, dem Postautobrand in Kerzers und dem Absturz einer Gondel in Engelberg schrieb der Tages-Anzeiger am 21. März 2026: «Wir müssen uns vom Bild der Schweiz als Insel der Glückseligkeit verabschieden.» Das scheint mir Ausdruck einer Illusion von Sicherheit. Seilbahnunglücke gibt es in der Schweiz etwa alle fünf Jahre; das ist nichts Neues und kein Grund, weniger glückselig zu leben. Ein wenig Risikokompetenz hilft, ruhig zu bleiben und entspannt in die nächste Gondel zu steigen. In Deutschland habe ich gemeinsam mit dem Versicherer Ergo über mehrere Jahre die Risikokompetenz der Bevölkerung in den Bereichen Finanzen, Gesundheit, Arbeit und Digitales untersucht. Das Fazit: Finanzkompetenz ist wenig verbreitet, zugleich ist das Vertrauen in Robo-Advisors oft überhöht. Eigenverantwortung ist wenig beliebt, und jeder Dritte möchte vorzeitig in den Ruhestand gehen.
Nach Jahrzehnten der Erforschung menschlicher Entscheidungen: Gibt es eine eigene Überzeugung zum Thema Risiko, die Sie im Lauf Ihrer Karriere revidieren mussten?
Als ich vor 25 Jahren begann, Ärzte, Manager und amerikanische Bundesrichter im Verständnis und in der Kommunikation von Risiken zu schulen – und mit meinen Büchern auch die Öffentlichkeit –, war mir nicht klar, wie wenig erwünscht Risikokompetenz für manche einflussreiche Akteure ist. Die Medizinindustrie verliert Umsatz, wenn Ärzte und Patienten wirksame von unwirksamen Medikamenten oder Krebsfrüherkennungen unterscheiden können. Medien könnten mit Schlagzeilen wie «Hai-Angriffe um 100 Prozent gestiegen!» weniger leicht Angst und Aufmerksamkeit erzeugen, wenn Menschen wüssten, dass damit etwa ein Anstieg von sechs auf zwölf Fälle weltweit gemeint ist. Und auch mächtige Verführer wie Elon Musk hätten es schwerer, wenn mehr Menschen lernten, Zahlen kritisch zu hinterfragen.
Zur Person: Gerd Gigerenzer leitet das Harding-Zentrum für Risikokompetenz an der Universität Potsdam und ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Er berät Führungskräfte, Richter und Ärzte im Umgang mit Risiken und zählt laut dem Gottlieb Duttweiler Institut zu den 100 einflussreichsten Denkern der Welt.
Am 10. September hält Gigerenzer an der «Direct! by Swiss Post Advertising», der Fachkonferenz für Werbung, Daten und Werbewirkung im Kaufleuten Zürich, die Keynote «Risikokompetenz: smarte Entscheidungen in komplexen Situationen». Weitere Informationen finden Sie hier.

