30.04.2026

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Zum Bähnler geworden

Andreas Stuber ist kein klassischer Kommunikationsmanager. Der studierte Geograf und Volkswirtschaftler wurde Journalist, dann Pressesprecher – und lernte vieles unterwegs. Heute steuert er die Kommunikation der SBB.
HarbourClub: Zum Bähnler geworden

Er kommt gerade vom Joggen in der Mittagspause. Frisch geduscht und federnden Schrittes. Nur zu gern lässt er sich von der freundlichen Dame hinter dem Tresen der Kantine des SBB-Hauptsitzes in Bern Wankdorf zu einem kleinen Dessert verführen. Sie kennt Andreas Stuber, der Umgangston ist familiär. Der Kommunikationschef des schweizerischsten aller Schweizer Unternehmen, der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), ist ein unprätentiöser Typ. Seinem unverkennbaren Solothurner Dialekt haben die Jahre in Bern nicht wirklich etwas anhaben können. 

Und da haben sich einige angesammelt. Seit 2007 kommuniziert Stuber für die SBB, seit 2021 ist er der höchste unter den Kommunikationsverantwortlichen des Unternehmens. Davor war er in der Kommunikation der DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) und als Kommunikationschef des BAFU (Bundesamt für Umwelt) tätig. Für den in Biberist aufgewachsenen Sohn eines Bahnangestellten schliesst sich damit ein Kreis. «Ich habe meine ersten Lebensjahre auf dem Bahnhof verbracht.» Ist er im Herzen ein Bähnler geblieben? Er schüttelt den Kopf, sagt dann, nein, so sehe er das nicht. Sein Lebensweg verläuft nicht linear. 

Stuber, Jahrgang 1965, gehört noch zu jener Generation von Kommunikationsstrategen, die ohne Master in Strategic Communication Karriere machten. Der studierte Geograf und Volkswirtschafter plante seine Karriere nicht auf dem Reissbrett – manches ergab sich einfach. «Es war tatsächlich ein Learning by Doing», sagt er und kratzt vergnügt das letzte Löffelchen Crème aus dem Töpfchen.

Heute arbeiten in seinem Team Jüngere mit spezialisierten Abschlüssen im Kommunikationsbereich. Sein eigener Werdegang mutet im Jahr 2026 fast etwas exotisch an. «Rein von der Ausbildung her sind meine Mitarbeitenden besser aufgestellt als ich», sagt er nüchtern. Stuber musste sich vieles selbst beibringen, vom Auftritt vor der Kamera bis zur Leitung einer Medienkampagne. Kann einer, der noch in einer vordigitalen Welt gross wurde, heute Kampagnen in Social Media dirigieren? Wie hält er es mit Instagram, Facebook und TikTok? Stuber muss nicht lange überlegen. Soziale Medien seien heute wichtig. Aber: «Ich muss es ja nicht selbst umsetzen, TikTok ist definitiv nicht mein Ding, dafür gibt es Spezialistinnen, Spezialisten. Meine Aufgabe ist es, zu orchestrieren und sicherzustellen, dass die Inhalte zu unserem Unternehmen passen.» 

Seine berufliche Laufbahn verschafft ihm an anderer Stelle dennoch einen Vorsprung gegenüber der digitalen Generation. Denn bevor er in die Kommunikation wechselte, war Stuber Journalist, unter anderem für den Berner «Bund» im Bundeshaus. Einer, der es gewohnt ist, in journalistischen Kategorien zu denken. Der weiss: Meldungen müssen subito raus, Texte klar und verständlich geschrieben sein. Mit gemischten Gefühlen schaut er daher auch auf die kommenden Generationen in seinem Beruf. Was das Textverständnis betrifft – eine der wichtigsten Fähigkeiten der Kommunikation –, spürt er den Generationen-Gap am deutlichsten. «Ich bin oft erstaunt, wenn ich Texte oder Medienmitteilungen zum Gegenlesen erhalte. Gutes Schreiben ist selten geworden.»

Das schmerzt den ehemaligen Journalisten. Denn bei aller Social-Media-Präsenz, bei Videospots und Instagram-Beiträgen: Am Ende zählen noch immer die Texte. Medienmitteilungen, Kundeninformationen oder Stellungnahmen des Unternehmens müssen sorgfältig und klar formuliert sein. «Die SBB muss es schaffen, komplexe, mitunter technische Sachverhalte klar und verständlich rüberzubringen.» Kommunikation beginne mit der Fähigkeit, sich präzise auszudrücken. «Wenn ein Text nicht sitzt und nicht verständlich ist, ist er für die Katz.» Er hält inne, er müsse jetzt aufpassen, was er sage, aber ja: Ein wenig Aufklärungsarbeit gehöre zu seinem Job eben auch dazu.

Er ist ein guter Zuhörer, nimmt sein Gegenüber wahr, stellt Fragen. Lebhaft und mit vielen Anekdoten schildert er, warum es ihn zur SBB verschlagen hat. 2007, nach vier Jahren beim BAFU, einer Behörde, wollte er zu neuen Ufern aufbrechen. Ihn zog es ins Unternehmerische – und so landete er ausgerechnet bei der SBB. Einem Unternehmen, das beides ist: Staatsbetrieb und Konzern. Politisch gesteuert, wirtschaftlich geführt. Ein Dauerspagat. Denn die SBB ist weder ein reines Staats- noch ein reines Privatunternehmen. «Das reizte mich.» 

Sein erster Job war in der Kommunikation der Infrastruktur. Frohen Mutes trat er die Stelle an, mit genauen Vorstellungen, wie es bei der SBB werden würde. «Ich glaubte, die Komplexität bei der Arbeit im BAFU sei so hoch gewesen, dass mich nichts erschüttern könne.» Was soll denn an Bahnthemen schwierig sein? Ein Zug fährt von A nach B, es gibt Personen- und Güterzüge. So viel Naivität bringt ihn Jahre später zum Schmunzeln: «Die Realität hat mich eines Besseren belehrt. Es ist genau das Gegenteil.» Während beim BAFU alle Themen wie Landschaft, Gentechnik oder Wasser nebeneinanderliegen, ist bei der Bahn alles miteinander verknüpft. Egal ob Infrastruktur, ob Fahrpläne, Bahnhöfe, Immobilien oder Züge: Alles ist ein einziges, gigantisches Räderwerk, sobald an einer Stellschraube gedreht wird, hat das Auswirkungen auf die anderen Bereiche.

Ganz zu schweigen vom menschlichen Aspekt. Die SBB ist in der Schweiz eine heilige Kuh. Das letzte Urschweizer Unternehmen, mit dem sich alle identifizieren können. Es geht um Emotionen, um Nationalstolz. Was immer passiert, das Volk verfolgt das Geschehen mit Argusaugen, freut sich, kritisiert.

Kommunikationsarbeit richtet sich hier nicht primär an die Medien, sondern in hohem Masse an die Bahnkundinnen und -kunden. «Wir sind sehr präsent, jeder ist mit uns konfrontiert, das macht uns speziell.» Und genau das mache auch die Kommunikation speziell: Das Produkt wird täglich von 1,4 Millionen Menschen genutzt, jede Störung wird registriert, kommentiert, weiterverbreitet. Das führt zu mehreren tausend Medienanfragen pro Jahr. Und erklärt, warum in der Kommunikationsabteilung an die sechzig Fachleute, auch für interne Kommunikation oder Kommunikation der vielen Bauprojekte. 

Herausfordernd wird es besonders dann, wenn Veränderungen anstehen. Etwa bei einem Fahrplanwechsel. Vor zwei Jahren in der Westschweiz gab es deshalb eine Shitstorm. Neuer Umsteigebahnhof, Städte empört, Pendler aufgebracht. Die SBB stand im Gegenwind. Stuber lehnt sich zurück, auch dieser Sturm hat sich inzwischen gelegt, aber «in solchen Situationen ist die Kommunikation gefordert».

Nach bald zwanzig Jahren ist er vielleicht doch ein bisschen Bähnler geworden. Hat die komplexe Struktur der SBB durchdrungen. Er weiss: Bei der Bahn hängt alles mit allem zusammen – Technik, Politik, Emotionen. Vielleicht ist genau das sein Vorteil. 

Er denkt wie ein Journalist – und spricht wie ein Unternehmensvertreter. Bei der SBB braucht es beides.


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