23.09.2022

Femina

«1962 spielten Frauen in den Medien keine Rolle»

Die Westschweizer Frauenzeitschrift feiert am Sonntag mit einer Sonderausgabe das 60-jährige Bestehen. Begleitet wird das Jubiläum von einer Kampagne, die am Freitag startet. Femina-Chefredaktorin Géraldine Savary über den gesellschaftlichen Wandel und männliche Leser.
Femina: «1962 spielten Frauen in den Medien keine Rolle»
«Wir wollen eine Zeitschrift, die einen dabei unterstützt, die Person zu sein, die man sein will, und keine Zeitschrift, die einem vorschreibt, wie man sein soll», so Géraldine Savary, Chefredaktorin von Femina. (Bild: Anoush Abrar)
von Christian Beck

Frau Savary, was heisst es für Sie, feminin zu sein?
Feminin sein bedeutet, den eigenen Körper, das Alter und die eigene Identität so zu akzeptieren, wie sie sind, und dafür zu sorgen, dass dies von der Gesellschaft ebenfalls akzeptiert wird.

Die Zeitschrift Femina feiert am Sonntag das 60-jährige Bestehen. Gibt es eine Party?
Das sechzigste Jubiläum gibt allen Grund zu feiern. Vor allem für die einzige Frauenzeitschrift in der französischen Schweiz. Wir veröffentlichen am 25. September eine spezielle Jubiläumsausgabe und organisieren zwei Feiern. Eine für die Kundinnen und Kunden, Organisationen und politischen Behörden, die zu unserer Langlebigkeit beitragen, und eine für etwa 60 Leserinnen und Leser, die sich bereit erklärt haben, Botschafterinnen und Botschafter von Femina zu werden.

Die Leserinnen und Leser erhalten eine Sonderausgabe. Wie sieht diese aus?
In der Sonderausgabe diskutieren wir mit unseren Leserinnen und Lesern und blicken auf die vergangenen sechzig Jahre zurück. Wir veröffentlichen ein Interview mit dem Bundespräsidenten und fragen uns, wozu die Frauenpresse heute gut ist. Zudem bieten wir zukunftsorientierte Modeseiten an.

«Viele Dinge blieben in den letzten Jahren gleich»

In der Sonderausgabe zeigen Sie Titelseiten, die den Weg bis heute zeigen. Was hat sich in den 60 Jahren prinzipiell verändert?
Viele Dinge blieben in den letzten Jahren gleich. Rubriken wie Mode, Schönheit, Rezepte, das Horoskop, die Sexkolumne und die Ratschläge der Redaktion haben sich bewährt und wurden somit die Jahre über beibehalten. Als ich bei Femina angefangen habe zu arbeiten, habe ich mir jedoch gewünscht, dass die Mehrheit der Themen, vor allem bei den gesellschaftlichen Themen, Persönlichkeiten und Debatten aus der Westschweiz stammen. Wir wollen eine Zeitschrift, die einen dabei unterstützt, die Person zu sein, die man sein will, und keine Zeitschrift, die einem vorschreibt, wie man sein soll.

Die Gesellschaft hat sich in den letzten 60 Jahren gewandelt. Was hat die Frauenzeitschrift Femina beigetragen?
Im Jahr 1962 spielten Frauen in den Medien keine Rolle. Es gab nichts und niemanden, der sich an sie wandte. Sie hatten kein Bankkonto, kein Wahlrecht, kaum eine Arbeit oder einen Beruf, geschweige denn eine Ausbildung. Frauen existierten in der Gesellschaft nicht, man sprach nicht über sie und man sprach nicht mit ihnen. Dass es eine Zeitschrift für Frauen gab, war bereits ein grosser Schritt. In der Geschichte hat Femina die gesellschaftlichen Veränderungen begleitet, ohne sie zu initiieren. Heute versuchen wir, Themen zu beleuchten, die nicht auf der politischen und sozialen Agenda stehen und die die Gesellschaft und die Politik dazu bringen, sich damit zu befassen.

«Die Kampagne soll zeigen, wie wichtig Femina im Leben der Romands ist»

Das Jubiläum wird begleitet von einer Kampagne, die am Freitag lanciert wird. Es gibt Inserate, Plakate, TV- und Social-Spots. Was war die Idee dahinter?
Die Kampagne soll zeigen, wie wichtig Femina im Leben der Romands ist. Sie stützt sich auf unsere Leserinnen und Leser, die sich bereit erklärt haben, als Botschafterinnen und Botschafter von Femina aufzutreten.

Nach welchen Kriterien haben Sie diese 60 Frauen und Männer ausgewählt?
Eine gute Frage. Es war sehr schwierig. 600 Personen antworteten auf unseren Aufruf und schickten uns ihre Unterlagen. Wir haben versucht, Menschen aus allen Kantonen, allen Altersgruppen, allen Hautfarben und Hintergründen zu gewinnen.

Wie war die Zusammenarbeit mit der Agentur Cayenne und Freestudios?
Die beiden Agenturen haben hervorragend gearbeitet. Sie haben den Geist von Femina verstanden und es geschafft, der Kampagne eine Seele und Energie zu verleihen. Sie schlugen eine willensstarke und gleichzeitig positive Kampagne vor, die dem Geist von Femina entspricht.


Was ist das Ziel der Kampagne? Mehr Leserinnen zu gewinnen?
Das Ziel der Kampagne besteht in erster Linie darin, den Westschweizerinnen und Westschweizern für ihre Treue, ihre Unterstützung und ihre Zuneigung zu Femina zu danken. Wir wollen unseren Partnerinnen und Partnern sowie Interessentinnen und Interessenten, die uns in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ihr Vertrauen schenken, zeigen, dass wir weiterhin an qualitativ hochwertige Medienprodukte glauben und wir die Menschen, die uns lesen, respektieren.

«Männer lesen uns, weil sie dann endlich verstehen, was die Frauen um sie herum denken, die sie lieben»

Apropos Leserinnen: Wie hoch ist der Anteil männlicher Leser?
Der Anteil an männlicher Leserschaft liegt bei circa 30 Prozent.

Warum sollten auch Männer Frauenzeitschriften lesen?
Männer lesen uns, weil sie dann endlich verstehen, was die Frauen um sie herum denken, die sie lieben. Unsere Zeitschrift soll der männlichen Leserschaft dabei behilflich sein, die Dinge aus einer anderen Sicht betrachten zu können. Sie soll einen Einblick in Themen verschaffen, die die Frauen um sie herum beschäftigen.

In der Deutschschweiz dominiert die Frauenzeitschrift Annabelle. Was unterscheidet Femina von Annabelle – ausser der Sprache?
Ich bewundere die Arbeit von Annabelle sehr, die auch in Zeiten, in denen die Frauenpresse leidet, standhaft bleibt. Sowohl Annabelle als auch Femina haben eine starke Botschaft an die Frauen. Ich würde sagen, dass der Titel eher auf den Luxusmarkt ausgerichtet ist.

Wie geht es weiter? Was will Femina noch erreichen?
Ich würde mir wünschen, noch mehr Leserinnen und Leser zu haben, die in sozialen und politischen Debatten mitreden können, damit die Probleme der Frauen nicht mehr ignoriert werden. Ausserdem möchten wir unser Augenmerk auch auf digitale Plattformen wie TikTok oder Instagram richten, um so die Generationen jüngerer und älterer Frauen vereinen zu können. So können wir uns digital weiterentwickeln, damit wir unseren Leserinnen und Lesern noch mehr Ratschläge geben können. Und schliesslich wollen wir den Inserentinnen und Inserenten spezielle Bereiche anbieten, die Partnerschaften und gemeinsame Werte ermöglichen.

Gleichberechtigung von Mann und Frau ist ein immerwährendes Thema. Wann sind wir hier am Ziel?
Hoffentlich bald. Aber die Rechte der Frauen werden manchmal vorangetrieben. Man denkt dann, dass man die Gleichberechtigung erreicht hat, und plötzlich werden sie wieder um 50 Jahre zurückgeworfen, wie man am Beispiel des Rechts auf Abtreibung in den USA sehen kann. Zeitschriften wie Femina sind wichtig, damit man immer auf dem neuesten Stand bleibt und die aktuellen Geschehnisse mitverfolgt.



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Kommentare

  • Rudolf Bolli, 23.09.2022 14:34 Uhr
    1962 muss der gesellschaftliche Röstigraben (gibt es das?) zwischen der Deutschschweiz und der Romandie unermesslich gewesen sein. Frau Savary schreibt über die damalige Stellung der Frau: "Im Jahr 1962 spielten Frauen in den Medien keine Rolle. Es gab nichts und niemanden, der sich an sie wandte. Sie hatten kein Bankkonto, kein Wahlrecht, kaum eine Arbeit oder einen Beruf, geschweige denn eine Ausbildung. Frauen existierten in der Gesellschaft nicht, man sprach nicht über sie und man sprach nicht mit ihnen." - Derweil hatte in Zürich 1958 die SAFFA (die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit) mit grossem Erfolg stattgefunden, organisiert vom Bund Schweizerischer Frauenvereine und gebaut von Architektinnen; es gab schon damals namhafte Schriftstellerinnen und Künstlerinnen; Frauen übten auch Berufe aus wie Lehrerin (mit Ausbildung) oder Wirtin (mit Patent). Was die Medien betrifft: Die Popularität von Fernsehstars wie Heidi Abel blieb wohl vom Röstigraben begrenzt, und die Zeitschriften "Sie und Er" (1929 bis 1971) und "Annabelle" (1938 gegründet) waren auch nur Deutschschweizer Produkte und kein Trost für die Frauen in der Wüste der Romandie. Aber vielleicht hat Frau Savary einfach nur eine schwache Ahnung davon, wie das Leben 1962 wirklich war. In einem hat sie recht: Die Schweizer Frauen hatten damals noch keine umfassenden politischen Rechte. Nur in den Kantonen Waadt, Neuenburg und Genf verfügten sie über das kantonale und das kommunale Stimm- und Wahlrecht.

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