22.07.2018

Ende von Le Matin

Abschied mit 64 Seiten und Todesanzeigen

«Le Matin» sei im Morgengrauen des 21. Juli 2018 im Alter von 125 Jahren ohne schmerzlindernde Massnahmen eingeschläfert worden, heisst es in der Todesanzeige. Anstelle von Blumen bittet die Trauerfamilie, doch bitte «für Informationen zu bezahlen».
Ende von Le Matin: Abschied mit 64 Seiten und Todesanzeigen
Auf der Titelseite der letzten Printausgabe vermeldet eine schlichte Todesanzeige mit den Namen sämtlicher Angestellten «zutiefst bekümmert» den Hinschied. (Bild: Keystone/Salvatore di Nolfi)

Mit einer 64-seitigen Spezialausgabe und schlicht gehaltener Todesanzeige auf der Titelseite nimmt die grösste Westschweizer Tageszeitung «Le Matin» Abschied von ihrer Leserschaft. Eine samstägliche Dernière voller Emotionen und Trauer.

Von der letzten Ausgabe seien 80'000 Exemplare gedruckt worden, das doppelte der üblichen Auflage, erklärte der scheidende Chefredaktor Grégoire Nappey gegenüber Keystone-SDA. Die Abschiedszeitung umfasst 64 Seiten und ist bis nächsten Dienstag zum normalen Preis an den Kiosken erhältlich.

Auf der Titelseite der letzten Printausgabe vermeldet eine schlichte, in schwarz-weiss gehaltene Todesanzeige mit den Namen sämtlicher Angestellten «zutiefst bekümmert» den Hinschied. Zudem erschien am Samstag auf Initiative der «kleinen Brüder und Schwestern, Cousins und Cousinen» aller anderen Tamedia-Zeitungen in der Westschweiz in sechs Titeln eine Todesanzeige zum Ende von «Le Matin».

«Le Matin» sei im Morgengrauen des 21. Juli 2018 im Alter von 125 Jahren ohne schmerzlindernde Massnahmen eingeschläfert worden, heisst es darin. Anstelle von Blumen bittet die Trauerfamilie darum, doch bitte «für Informationen zu bezahlen». «Le Matin» war aus der «Tribune de Lausanne» hervorgegangen, die 1893 gegründet wurde.

Die orange DNA

Wer die letzte Ausgabe des «Le Matin» durchblättert, die das Zeug zum Sammlerstück hat, trifft noch einmal auf sämtliche Bereiche, die für das Zustandekommen einer gedruckten Zeitung wichtig sind: Produktion, Titelsetzung, Fotodienst, Grafikabteilung, Auslieferer, Kioske und Journalisten.

Auf 64 Seiten bietet die Redaktion ihren Leserinnen und Lesern ihre letzten Primeurs, Enthüllungen und Artikel an. Die Redaktorinnen und Redaktoren schreiben über alltägliche und aussergewöhnliche Begebenheiten, erklären die orange DNA der bisher grössten Tageszeitung der Westschweiz, und berichten über unvergessliche Begegnungen.

Die Macher ziehen noch einmal den Hut vor ihrer Leserschaft. Auf acht Seiten gibt die Zeitung einigen Hundert Leserinnen und Lesern ein Gesicht in Form von aufgereihten passähnlichen Fotos mit einigen Testimonials. Es erscheinen auch noch einmal Gesichter aus Politik und Gesellschaft, die der Zeitung in den vergangenen Jahrzehnten die grossen Schlagzeilen geliefert haben.

Alten Geist auch digital bewahren

Obwohl es «Le Matin» künftig nur noch digital gibt, wollten die Mitarbeiter den alten Geist der Zeitung bewahren, wie der neue Chefredaktor Laurent Siebenmann schreibt. Der Verzicht auf die gedruckte Ausgabe geht auf einen Entscheid des Tamedia-Verlags zurück.

Dieser begründete den Schritt mit den 34 Millionen Franken Verlust, die man in den letzten zehn Jahren mit der gedruckten Ausgabe von «Le Matin» eingefahren habe. Der Zürcher Medienkonzern setzt deshalb künftig ausschliesslich auf eine «solide digitale Marke». Er hatte am Donnerstag zudem den Mediationsprozess mit den Sozialpartnern einseitig beendet und damit bei Kantonsregierungen und Gewerkschaften heftige Reaktionen ausgelöst (persoenlich.com berichtete). (sda/eh)



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