07.10.2015

Schlafstörungen

"Beim Radio müssen wir 7 Tage 24 Stunden erreichbar sein"

Nachts findet er keine Ruhe. Immer wieder schreckt er auf oder liegt lange wach. Jürgen Sahli, Chefredaktor von Radio Argovia – dem zweitgrössten Privatradio der Schweiz –, leidet unter Schlafstörungen. Dabei geht es ihm wie vielen: Smartphones und Stress am Arbeitsplatz machen die Nacht zum Albtraum. Noch bevor heute Donnerstagabend SRF einen Dok-Film zum Thema zeigt, hat persoenlich.com mit Sahli gesprochen. Im Interview gibt der 62-Jährige unter anderem Präventionstipps – diese sind jedoch nicht sehr ermutigend.
Schlafstörungen: "Beim Radio müssen wir 7 Tage  24 Stunden erreichbar sein"

Herr Sahli, Sie sind gerade zwei Wochen auf Santorini. Schlafen Sie ruhiger?
Klar, in den Ferien schlafe ich eindeutig besser. Zuhause wache ich immer etwa um drei oder vier Uhr auf, während ich hier in Griechenland immer erst um acht Uhr wach werde. Zudem träume ich – was ich zuhause nie tue.

Normalerweise sind Sie an sieben Tagen pro Woche 24 Stunden erreichbar. Ein "Must" für einen Chefredaktor?
Alle unsere rund 20 Programmschaffenden von Radio Argovia müssen sieben Tagen pro Woche 24 Stunden erreichbar sein, das betrifft nicht nur mich. Wer Radio machen will, weiss ja was auf ihn zukommt. Das Smartphone auch in der Nacht laut eingestellt zu haben, gehört zum Job.

Könnten Sie diesen Piket-Dienst nicht auf mehrere Schultern verteilen?
Das geht nicht, denn wenn tatsächlich etwas Unerwartetes vorfällt, muss ja einer entscheiden. Solche Entscheidungen sind oftmals Chefsache, denn es geht darum, zu bestimmen, wie gross wir eine bestimmte Geschichte auf dem Sender bringen.

Bei Argovia sind Sie seit 24 Jahren Chefredaktor und stellvertretender Geschäftsleiter. Seit zwei Jahren sind Sie auch noch Programmleiter. Diese zusätzlichen Aufgaben sind sicherlich ein wesentlicher Grund dafür, dass Sie schlecht schlafen.
Seit ich auch noch Programmleiter bin, trage ich die Verantwortung für zusätzlich eine gesamte Abteilung. Früher war eine Person 100 Prozent dafür angestellt. Man hob dann aber seinen Job auf und übergab mir die ganzen Aufgaben.

Radio Argovia kooperiert ja in Sachen Moderation und Programm immer enger mit Radio 24. Eigentlich sollten Sie nun weniger zu tun haben.
Ja, Sie haben Recht: So sollte es eigentlich sein. Doch diese Synergie-Nutzung ist eine andere Geschichte, die mit diesem Interview nichts zu tun hat. Aber wenn einem Mitarbeiter immer mehr Aufgaben übertragen werden, muss man nur Eins und Eins zusammenzählen und sich nicht wundern, wenn es zu Schlafstörungen kommt.

Glauben Sie, dass viele Berufskollegen ähnliche Probleme haben wie Sie?
Ja, viele geben jedoch nicht zu, dass sie Probleme mit dem Schlaf haben. Dabei sind Schlafstörungen eine Vorstufe zu einer ernsthaften Erkrankung wie Depressionen oder Burn-out. In der heutigen Gesellschaft sagt jeder lieber, er schlafe nur drei bis vier Stunden – so gilt man als harter Siech.

Und Sie? Haben Sie keine Angst, dass Sie als krank und nicht mehr leistungsfähig angesehen werden?
Nein, denn als Journalist schätze ich es, wenn Klartext geredet wird. Ich mache daher keine Show und erkläre einfach so wie es ist.

Warum entschieden Sie sich, beim Dok-Film mitzumachen?
Hanspeter Bäni kenne ich, weil er früher als Moderator bei uns arbeitete. Auf seinen Facebook-Post schrieb ich ihm – eher aus Witz – ich sei auch einer von denen, die froh sind, wären sie abends so müde wie am Morgen. Daraufhin fragte Hanspeter mich an. Dass es sich um einen so grossen Dok-Film handelt, habe ich anfangs gar nicht realisiert.

Thematisieren Sie Ihre Schlafstörungen auch auf der Redaktion so offen?
Nein. Meine Mitarbeiter wissen, dass ich bei diesem Dok mitmache, denn das Team filmte ja auch auf der Redaktion. Ich werde zwar jetzt ab und zu auf der Redaktion gefragt, ob ich nun besser schlafe, doch so richtig thematisiert habe ich meine Schlafprobleme nicht.

Das könnte aber wichtig sein, denn wahrscheinlich leiden auch einige Ihrer Mitarbeiter unter Schlafstörungen, gerade weil ja viele im Schichtbetrieb arbeiten.
Es kommt durchaus vor, dass gewisse Mitarbeiter ab und zu schlecht schlafen – das teilen sie mir auch mit. Doch es ist noch keiner zu mir gekommen, um zu sagen, er habe seit längerer Zeit Schlafstörungen.

Bei Radio Argovia gibt es wahrscheinlich auch keinen Ruhe- oder Schlafraum, im Gegensatz etwa zur Credit Suisse oder IBM.
(lacht). Nein, einen solchen Raum gibt es bei uns nicht. Das können wir uns nicht leisten.

Als Chefredaktor sind Sie Vorbild für Ihre Mitarbeiter. Eigentlich müssten Sie verhindern, dass es punkto "Abschalten können" den anderen Redaktoren nicht genau so geht wie Ihnen.
Ja, Sie haben Recht, Vorbild zu sein, wäre eine Aufgabe von mir. Solche Dinge lernt man in Führungsschulungen. Ob das jedoch heute noch so ist, das bezweifle ich. Meiner Meinung nach kann ich ja von einem Mitarbeiter nicht Dinge verlangen, die ich selber nicht vorlebe.

Haben Sie sich überlegt, den Job an den Nagel zu hängen?
Ich bin jetzt 62 Jahre alt und mache mich daran, meine Pensionierung vorzubereiten. Zudem hoffe ich weiter, dass diese Schlafstörungen irgendwann vorbei sein werden. Ich realisierte lange gar nicht, wie sehr mich diese Störungen negativ beeinflussen und dachte eher daran, auf Medikamente zurückzugreifen als den Job zu wechseln.

Schlafstörungen gehören quasi selbstverständlich zum Beruf dazu.
Newsjournalismus ist natürlich ein 24-Stunden-Job. Wenn wir Journalisten nicht abschalten können und sogar noch in der Nacht an Storys rumdenken, sind wir selber Schuld. Wir könnten ja unser Verhalten ändern, wenn wir wollten. Ich selber bin halt einfach nicht der Typ, der sich Ruhe nimmt. Ich will 24 Stunden erreichbar sein.

Wie merkt man Ihnen an, dass Sie zu wenig geschlafen haben?
Wenn ich wenig schlafe, bin ich unleidig – das versuche ich wenn immer möglich zu vermeiden. Ich glaube nicht, dass meine Mitarbeiter gross darunter leiden.

Wann realisierten Sie das Problem?
Der Prozess war schleichend. Wann genau diese Schlafstörungen angefangen haben, kann ich darum nicht sagen. Bewusst wurde mir das Problem, als ich auch in den Ferien auf Santorini – wo ich seit 20 Jahren regelmässig hinkomme – nicht mehr gut schlafen konnte.

Und wie versuchen Sie das Problem zu beheben?
Wichtig ist ein Schlafmanagement: 22.30 Uhr ins Bett gehen und um 6.30 Uhr aufstehen. Sobald ich mich nicht an diese Zeiten halte, funktioniert es nicht mehr. Daher behalte ich diesen Rhythmus auch am Wochenende bei, auch wenn es sehr viel Disziplin erfordert.

Welchen Tipp geben Sie jüngeren Berufskollegen, z.B. solchen aus Ihrer Redaktion: Wie kann man Schlafstörungen verhindern?
(lacht.) Am besten suchen sich junge Journalisten einen anderen Job.

Tatsächlich? Ist das der einzige Ausweg?
Ja, das ist durchaus ernst gemeint. Oder sonst reicht es vielleicht auch, weniger zu arbeiten: Teilzeit zum Beispiel. Und die Übernahme von Führungsaufgaben sollte man sich gut überlegen.

Interview: Edith Hollenstein; Bild: Screenshot "Dok"-Film "Wenn der Schlaf ausbleibt"

 


Der Dok-Film "Wenn der Schlaf ausbleibt - Szenen einer unruhigen Gesellschaft" von Hanspeter Bäni wird am Donnerstag, 8. Oktober um 20.02 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt. Im Artikel "Der Traum vom gesunden Schlaf" schildert der Autor die Dreharbeiten und beschreibt, wie er selber unter Problemem beim Schlafen leidet. (eh)

 

 

 

 


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