15.09.2022

SwissMediaForum

«Bundeskanzler ist treffender als achter Bundesrat»

Am Branchenkongress in Luzern hat Bundeskanzler Walter Thurnherr über politische Kommunikation referiert. Ein Gespräch über Kritik der Medien am Bundesrat, ein kollegiales Untereinander in der Verwaltung und Quellen im Journalismus.
SwissMediaForum: «Bundeskanzler ist treffender als achter Bundesrat»
«In den letzten 20 bis 30 Jahren ist es verstärkt zum Trend geworden, dass Stabsmitarbeiter sich als Reputationsanwälte ihrer Chefs sehen», sagt Bundeskanzler Walter Thurnherr. (Bild: SwissMediaForum)
von Tim Frei

Herr Thurnherr, als Bundeskanzler werden Sie von den Medien oft als «achter Bundesrat» betitelt. Was missfällt Ihnen an dieser Zuschreibung?
Der Bundeskanzler ist etwas dazwischen: Einerseits ist er nicht mehr Beamter, wird er doch vom Parlament gewählt. Andererseits ist er nicht Mitglied des Bundesrats und darf nicht abstimmen. Die Bezeichnung «achter Bundesrat» ist zwar zum einen treffend, weil man damit zum Ausdruck bringt, dass es sich um einen Funktionsträger handelt, der den Bundesrat beratend und empfehlend unterstützt – und mitreden kann. Doch zum anderen stimmt diese Umschreibung nicht, weil er kein Bundesrat beziehungsweise keine Bundesrätin ist, die oder der Verantwortung übernehmen und über Geschäfte abstimmen muss. Ich finde es einen missglückten Ausdruck, Bundeskanzler ist treffender (lacht). 

Sie verfügen über einen «bemerkenswerten Ruf», wie die NZZ einst schriebWie erklären Sie es sich, dass Medienschaffende Sie kaum oder höchstens moderat kritisieren?
Das hängt wohl damit zusammen, dass ich bei den meisten Dossiers vor allem an der Innenfront tätig bin: Vor- und Nachbereitung von Bundesratssitzungen, rechtliche Fragen oder der Betrieb der Bundesverwaltung mit rund 39’000 Angestellten. Wäre ich für den Kauf der Flugzeuge oder für die Energiepolitik zuständig, würde ich wohl genauso kritisiert werden.

Apropos Kritik: Insbesondere während der Pandemie kritisierten die Medien den Bundesrat teilweise scharf. Fühlt sich die Regierung unfair behandelt?
Nein, jede Regierung muss mit Kritik leben können. Es wäre mir unheimlich, wenn die Regierung von den Medien überhaupt nicht mehr kritisiert würde. Dieses Wechselspiel von Medien und Regierung gehört einfach dazu. Letztlich hat der Bundesrat in der Coronakrise ziemlich positiv abgeschnitten: Kein Schweizer Spital musste einen Coronapatienten wegen Kapazitätsproblemen abweisen, die Schweiz kam wirtschaftlich gut durch die Krise, zudem hatten wir weniger einschneidende Massnahmen als andere Länder. Dieser positiven Punkte ist man sich im Moment der Umsetzung kaum bewusst geworden, sondern eher etwas später.

«Es ist wichtig, dass man sich nicht strikt abgrenzt von anderen Departementen»

In Ihrer Rede am SwissMediaForum haben Sie bemängelt, dass in der Kommunikation der Bundesverwaltung vermehrt Personen vertreten seien, die wenig Kenntnisse aus dem Innern der Verwaltung hätten – zum Beispiel Medienschaffende. Aber könnten Journalistinnen und Journalisten nicht auch wichtige Einsichten der anderen Seite einbringen?
Das ist wirklich ein grosser Vorteil. Man sollte sowieso nicht verallgemeinern, es gibt viele Personen von aussen, welche sich im neuen Umfeld schnell zurechtfinden. Eine Person von aussen bringt allerdings auch ein Netzwerk von aussen mit. Früher figurierten in den Stäben von Departementen vor allem Personen, welche ihr Netzwerk innerhalb der Verwaltung hatten. Sie lernten, dass sie ein Teil eines Apparats sind, der nach bestem Wissen und Gewissen die Grundlagen für politische Entscheidungen festlegt. In den letzten 20 bis 30 Jahren ist es aber verstärkt zum Trend geworden, dass Stabsmitarbeiter sich als Reputationsanwälte ihrer Chefs sehen. 

Inwiefern ist das gefährlich?
In einem Kollegialsystem, wie wir es in der Schweiz haben, das nicht hierarchisch organisiert ist, ist wichtig, dass man ein Verständnis für den Begriff Kollegialität hat. Will heissen: dass man sich nicht strikt abgrenzt von anderen Departementen und auch ein kollegiales Untereinander pflegt. 

Die Berichterstattung über Bundesratssitzungen entspreche oft nicht der Realität, monierten Sie am SwissMediaForum. «Mistrust your source», rieten Sie den Medienschaffenden. Haben Sie wirklich das Gefühl, dass heute weniger auf das Zwei-Quellen-Prinzip gesetzt wird als früher?
Die Medienschaffenden stehen unter Zeit- sowie Klickdruck und müssen verschiedene Dossiers abdecken. In diesem herausfordernden Umfeld dürften Journalistinnen und Journalisten oftmals froh sein, überhaupt eine Quelle zu haben. Das Problem ist: Oft hat eine Quelle ein Motiv. Unter Zeitdruck ist es zudem schwer, eine andere Quelle zu finden, die eine kompetente Aussage machen und die eine möglicherweise unvollständige Information ins rechte Licht rücken kann.

«Es geht mittlerweile so weit, dass man nicht einmal mehr die Sprache des Gegenübers versteht»

In Ihrer Rede haben Sie zudem betont, dass die politische Kommunikation zu verkümmern drohe: Sprechen, schreiben und senden werde mit kommunizieren verwechselt. Zeichnen Sie nicht ein zu düsteres Bild?
Meine Erfahrung ist, dass man vor allem spricht oder Inhalte verschickt – und nicht zuhört im Sinne einer echten Kommunikation. Dass man also nicht mehr versucht, das Gegenüber zu verstehen. Es geht mittlerweile so weit, dass man nicht einmal mehr die Sprache des Gegenübers versteht.

In der Politik?
Ja, in den Kommissionen des Parlaments oder sonst in Bundesbern gibt es unter anderem Personen, die kein Deutsch, Französisch oder Italienisch verstehen. Das ist ein Handicap.

Sie mussten in der Vergangenheit immer wieder betonen, dass Sie keine Bundesratsambitionen hegen. Ist es ermüdend, dass Medienschaffende Sie dennoch immer mal wieder danach fragen?
Nein, überhaupt nicht. Medienschaffende stellen mir diese Frage heute kaum noch. Die Mitte hat mit Viola Amherd eine sehr gute Bundesrätin.



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