Goldbach Media und Super RTL haben am 12. Juni bereits zum vierten Mal die Kinderwelten Fachtagung in der Schweiz durchgeführt. Die Eventreihe wurde vor 15 Jahren durch den Kinder- und Familiensender Super RTL und Vermarkter IP Deutschland ins Leben gerufen. Rund 60 Personen, vornehmlich von Werbeagenturen, fanden am 12. Juni den Weg nach Küsnacht an die Fachtagung Schweiz und lauschten im Seminar den Referentinnen von Super RTL. Auch persoenlich.com war mit dabei und hat sich mit Birgit Guth, Leiterin Medienforschung bei Super RTL, über die Entwicklung der Mediennutzung von Kindern unterhalten.
Frau Guth, wie hat sich die Mediennutzung der Kinder in den letzten zehn Jahren entwickelt?
Der Fernsehkonsum bei Kindern ist konstant geblieben. Er wird stark von den Eltern reglementiert und hat einen festen Platz im Alltag von Kindern. Hinzugekommen sind in den letzten Jahren die elektronischen Medien wie Computer und Gameboy, aber auch Tablets und Smartphones. Aber auch für diese Medien gelten klare Zeitgrenzen. Sie verdrängen aber ein wenig das klassische Spiel, vor allen Dingen das draussen spielen.
Was verstehen Sie unter "Early Adopter"?
Damit bezeichnet man generell Menschen, die die neuesten technischen Errungenschaften nutzen und diese somit in die Zielgruppe einführen. Im Falle von Tablets sehen wir einen Trend, dass gerade Kleinkinder diese mehr nutzen als die älteren Kinder und dass auch Eltern von Kleinkindern offenbar eine höhere Affinität zu neuester Technik aufweisen.
In Ihrer Präsentation vertreten Sie das Statement, dass Tablets noch nicht bei den Kindern angekommen sind. Simmt das so? Kinder sind zuhause doch nur noch an solchen Geräten anzutreffen.
Zunächst einmal ist anzumerken, dass die Verbreitung von Tablets gar nicht so gross ist, wie allgemein in unserer Medienbranche immer angenommen. In Deutschland besitzen gerade 20 Prozent aller Haushalte mit Kindern ein solches Gerät. Der vor ein oder zwei Jahren angenommene Run auf diese Geräte ist nicht eingetreten. Zum anderen stellen wir fest, dass das Tablet in den Haushalten, in denen es vorhanden ist, noch keinen festen Platz gefunden hat. Es ist oft ein Gerät, das der ganzen Familie gehört und somit nicht individuell konfigurierbar. Damit fehlt auch die emotionale Bindung an das Tablet. Kinder nutzen es sehr pragmatisch, um Langweile zu überbrücken oder auch, um etwas im Internet nachzuschlagen, aber sie sagen uns alle, dass sie auch gut darauf verzichten könnten. Sie sehen den Mehrwert gegenüber einem Computer oder einem Smartphones nicht. Wir Erwachsenen hingegen bewundern immer die Kleinkinder, die schon sehr intuitiv das Tablet bedienen können. Das liegt aber nicht an einer gesteigerten Medienkompetenz, sondern daran, dass die Bedienung sehr einfach einzuprägen ist und auch grobmotorische Unsicherheiten verzeiht.
Die heutige Generation wächst beinahe von Geburt auf mit Tablets und Smartphones auf. Worin sehen Sie dabei die Gefahren für Kinder und Jugendliche?
Grundsätzlich gibt es bei jedem neuen Medium wieder neue Herausforderungen was den Kinder- und Jugendschutz angeht. Kinder gehen an die Geräte zunächst unbedarft heran und wollen, dass ihre Bedürfnisse (z.B. nach Spass, Unterhaltung, Information) möglichst einfach bedient werden. Problematisch wird es immer dann, wenn sie mit unbekannten Werbeformen konfrontiert werden oder sie Daten preisgeben sollen, die dann eventuell auch zu unerwünschten Kontaktaufnahmen mit Fremden führen können. Nun sind Werbekompetenz und Datenschutz aber auch Themen, die ohnehin im Rahmen der Erziehung ihren Platz haben, weil sie fester Bestandteil des alltäglichen Erlebens sind. Nur müssen sich die Erziehenden immer wieder mit neuen Formen beschäftigen. Die Herausforderung besteht also darin, dass Eltern und Lehrer die Kinder für die Themen sensibilisieren können. Und das setzt dann wieder eine hinreichende Medienkompetenz auf Seiten der Erwachsenen voraus.
Wie gross ist das Interesse von Kindern in Bezug auf das Medium Fernsehen heute? Handelt es sich nicht um eine rückläufige Entwicklung?
Aus meiner Sicht wird Fernsehen immer einen festen Platz im Alltag von Kindern haben. Das Unterhaltungserlebnis auf dem grossen Bildschirm, am besten noch mit Freunden oder der Familie, ist eine Stimmung, in die sich Kinder am allerliebsten hineinbegeben. Zusätzlich bietet lineares Fernsehen Kindern immer die Möglichkeit, über den Tellerrand zu schauen. Es signalisiert, dass es auch Dinge für ältere Kinder gibt und zeichnet so den nächsten Entwicklungsschritt vor. Fernsehen ist nach wie vor Schulhofthema und auch die Werbung ist eine wichtige Informationsquelle für den Wunschzettel oder die Bedürfnisse von Kindern im gleichen Alter.
Es scheint mir auch immer mehr Kindersender zu geben?
Das ist richtig. Mit dem Hinzukommen des Disney Channels gibt es einen weiteren Sender, der sich komplett auf Kinder fokussiert. Das Gute daran ist, dass die Kinder das grosse Angebot in immer grösserem Umfang auch nutzen. Noch nie wurde so viel Kinderprogramm geschaut wie heute. Wo Kinder früher aufgrund des geringen Angebotes quasi genötigt waren, ihre TV-Zeit mit Erwachsenenprogramm zu verbringen, haben sie heute eine grosse Auswahl an Sendungen, die speziell für sie gemacht sind. Eine sehr positive Entwicklung.
Wie sieht die Entwicklung bei den Videospielen aus?
Ab einem gewissen Alter ersetzen sie das Gesellschaftsspiel oder das freie Spiel im Garten oder auf der Strasse. Videospiele werden auch sehr gerne mit Freunden gemeinsam gespielt und die Eltern erlauben dies zunehmend. Elektronische Spiele haben somit einen festen Platz im Kinderalltag gefunden und bedienen spezifische Bedürfnisse nach Wettkampf und schnellem Spielspass. Bei der Abfrage nach dem liebsten Spielzeug liegen sie aber inzwischen hinter dem Bau- und Konstruktionsspielzeug. Der grosse Hype, den vor rund zehn Jahren der Nintendo DS auslöste, ist abgeebbt. Der Zugang zu den Geräten hat sich normalisiert. Nach wie vor besteht kindliches Spiel aus einer gesunden Mischung von elektronischem und nicht elektronischem Spiel.
Inwiefern wirkt sich die gesamte Tendenz negativ auf das Sozial- und Lernverhalten der Kinder aus?
Wissenschaftlich fundierte Studien zur Auswirkung der neuen Technologien auf Kinder liegen nicht vor. Fest steht aber, dass Kinder heute in einer anderen medialen Umgebung aufwachsen als frühere Generationen. Dieser Umstand muss sich aber nicht zwangsläufig negativ auf ihr Sozialverhalten oder ihre Lernbereitschaft auswirken. Kinder müssen immer noch ihre Entwicklungsschritte abarbeiten und diese werden auch nicht durch elektronische Geräte beschleunigt oder übersprungen. Aber wenn ein Gerät oder eine Funktion das Kind dabei unterstützen kann, bestimmte Motive zu bedienen, dann wird es natürlich genutzt. Grundsätzlich sind Kindern aber immer noch die Familie und die Freunde am wichtigsten. Und ein Kind, das in einem gesunden Umfeld aufwächst, wird sicher keinen Schaden daran nehmen, dass es mit neuer Technologie umgehen darf.
Was für einen Einfluss hat dabei die moderne Sprache?
Sprache und Wortschatz sind einem ständigen Wandel unterworfen. Heute werden Kinder viel häufiger mit englischen Begriffen konfrontiert als früher. Aber Kinder sind auch aufgeschlossen für Neues und wenn man ihnen erklärt, was gemeint ist, dann übernehmen sie es in ihren Wortschatz. Als Medientreibende ist es deshalb wichtig, dass man sich auf Augenhöhe der Kinder begibt und so kommuniziert, dass man verstanden werden kann.
Welchen Einfluss haben für Kinder bekannte Gesichter?
Bekannte Gesichter und Charaktere können als Identifikationsfiguren dienen, die auch Vorbild sein können - gerade bei Kleinkindern. Aber man sollte ihren Einfluss nicht überschätzen. Die wichtigsten Vorbilder von Kindern sind immer noch die Eltern, Grosseltern, Lehrer oder Geschwister. Also Personen aus dem realen Leben, welches Kinder ganz klar abgrenzen können von der Medienwelt.
Interview: Marco Lüthi, Bild: zVg.
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