28.03.2015

Medienfrauen Schweiz

"Das Ganze ist keine Promotionsaktion für mich persönlich"

Schweizer Journalistinnen können sich neu an einem Netzwerk beteiligen und sich in einer Datenbank als Expertinnen präsentieren. Luzia Tschirky ist die Frau hinter dem Projekt. persoenlich.com hat die 24-Jährige am Donnerstag beim Launch-Event in Zürich getroffen. Im Interview sagt sie, weshalb sie keine Angst hat als "Kampffeministin" abgestempelt zu werden, wie sie erfahrenere Kolleginnen für ihr Vorhaben gewinnen will und weshalb die Gruppe politisch keine Positon bezieht.
Medienfrauen Schweiz: "Das Ganze ist keine Promotionsaktion für mich persönlich"

Frau Tschirky, Sie lancieren Medienfrauen Schweiz und exponieren sich damit sehr. Wie fühlen Sie sich dabei?
Ich bin sehr zufrieden damit, wie das Projekt zurzeit läuft. Ich hatte noch nie Probleme hinzustehen, und meine Meinung zu vertreten. Im Übrigen lanciere ich Medienfrauen Schweiz nicht im Alleingang. Entstanden ist die Idee in der Diskussion mit mehreren Kolleginnen. Da sie aber zurzeit sehr stark beruflich eingespannt sind, habe ich das Netzwerk in die Hand genommen. Ich spreche daher immer im Plural. Das Ganze ist keine Promotionsaktion für mich persönlich.

Viele Frauen haben Mühe, im Mittelpunkt zu stehen. Wieso glauben Sie, ist das so?
Für mich ist es ein Huhn-Ei-Problem. Viele Frauen sind zurückkhaltend ja. Die Frage ist, weshalb. Ist es eine intrinsische Eigenschaft oder sind Frauen aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen so geworden? Denn wenn Frauen gleich selbstbewusst auftreten wie Männer, werden sie schnell als frech oder zu kritisch abgestempelt. Das ist zumindest meine Erfahrung. 

Die Frauendebatte wird emotional geführt. Haben Sie keine Angst in eine Ecke gedrängt zu werden?
Mir war von Anfang an klar, dass ich von einigen als eine Art 'Kampffeministin' abgestempelt werden könnte. Ich sage aber ganz klar, dass ich das nicht bin. Meine Motivation ist eine andere. Als junge Journalistin und Politik-Studentin fehlen mir die Frauen im öffentlichen Diskurs. Wir leben im 21. Jahrhundert, das ist einfach nicht mehr zeitgemäss. Medienfrauen Schweiz soll dies ändern.

Welches Feedback haben Sie auf das Projekt Medienfrauen Schweiz erhalten?
Hauptsächlich positives. Viele Frauen merken, dass sie in Sachen Netzwerk an einem anderen Punkt stehen, als ihre männlichen Kollegen. Übrigens auch von Männern bekam ich viele erfreuliche Reaktionen.

Medienfrauen Schweiz feierte am Donnerstag in Zürich den offiziellen Start. Über hundert Frauen sowie einige Männer aus der Branche haben gemeinsam darauf angestossen. Wie haben Sie den Anlass erlebt?
Es war ein gelungener Abend mit vielen interessanten Gesprächen. Es ist schön zu sehen, dass sich unser Engagement lohnt und so viele Frauen mitmachen. Der Abend hat mir aber auch aufgezeigt, woran wir noch arbeiten müssen.

Sie sprechen die vorwiegend jungen Teilnehmerinnen an.
Genau, am Startevent waren mehrheitlich junge Frauen anwesend. Medienfrauen Schweiz soll aber junge und erfahrene Journalistinnen zusammenbringen. Zurzeit fehlen mir noch Medienfrauen mit langjähriger Berufserfahrung in der Gruppe.

Wie wollen Sie das angehen?
Die jungen Journalistinnen erreiche ich online sehr gut, das hat der Launch-Event gezeigt. Nun geht es um persönliche Begegnungen. Dafür möchten wir gezielt auf Redaktionen zugehen, und dort unser Netzwerk vorstellen. Aber wir geben uns jetzt auch noch etwas Zeit. Wir sind ja gerade erst gestartet.

Sie wollen auf der Plattform eine Datenbank von Expertinnen anbieten. Bis zum Launch-Event haben sich 46 Frauen registriert. Wie viele sollen es werden?
Bei der Datenbank ist mir Qualität wichtiger als Quantität. Ich wünsche mir eine gute Durchmischung punkto Themengebieten, Einsatzbereich und Alter. Der Altersdurchschnitt der Teilnehmerinnen soll sicher noch steigen.

Sie sprechen von Qualität. Wer kontrolliert die Einträge der “Expertinnen”?
Zurzeit übernehme ich diese Aufgabe alleine - und ich nehme sie sehr ernst. Mir ist es wichtig, dass die Datenbank verlässlich ist. Ich kontrolliere jedes Häckchen und jeden Lebenslauf. Hat eine Frau zum Beispiel alle Themengebiete angekreuzt, werde ich misstrauisch und frage nach. Es gab bereits Profile, die ich nicht freigeschaltet habe. Wichtig ist mir auch das Bild. Wir sind eine professionelle Plattform, also sollte man sich auch dementsprechend präsentieren.

Ein professionelles Netzwerk ist teuer. Sie wollen 4’900 Franken auf der Crowdfunding-Plattform “We make it” sammeln.
Wir können vieles selber machen, aber leider nicht alles. Das Logo zum Beispiel hat ein Grafiker gestaltet. Auch Werbebanner, die Webseite und der Launch-Event haben Geld gekostet. Ich hoffe, dass wir den Betrag zusammenbekommen.

Weshalb baucht es Medienfrauen Schweiz? Im Video geben mehrere Journalistinnen eine Antwort darauf.

In Österreich und Deutschland gibt es bereits ähnliche Netzwerke. Haben Sie mit den Vorreiterinnen Kontakt aufgenommen?
Die österreichischen Kolleginnen haben sich bei mir gemeldet. Ich habe viel Zuspruch und Lob erhalten. Nach Deutschland habe ich als frühere Vertreterin der Schweiz im Vorstand der Europäischen Jugendpresse gute Kontakte. Dort ist man natürlich schon viel weiter. Aber in der Schweiz spürt man klar auch die Sprachgrenzen. Diese Hürde wollen wir noch nehmen.

Inwiefern?
Ich habe bereits mit Kolleginnen in der Romandie darüber gesprochen. Wir wollen Medienfrauen Schweiz unbedingt auch dort hin bringen. Das müsste dann natürlich auf einer zweiten Plattform laufen. Man sieht es ja auch in der Medienwelt hierzulande, die Branche ist nach Sprachregionen geteilt.  

Medienfrauen Schweiz will zu Diskussionen anregen, aber politisch keine Position beziehen. Weshalb nicht?
Ganz einfach, weil wir niemanden ausschliessen wollen. Bei einem Netzwerk kommen unterschiedliche Meinungen zusammen - das ist ja auch das Spannende.

Das klingt ein bisschen nach einer Ausrede. Wieso will sich das Netzwerk nicht mehr einbringen - gerade in Bezug auf die Frauenquote?
Klar, man kann sagen, es ist feig. Ich empfinde das nicht so. Ich glaube, wir würden uns viel verbauen, wenn wir uns bei solchen Themen auf eine Linie festlegen. Aber in einem Punkt sind wir uns alle sicher einig: Frauen sollen in der öffentlichen Debatte häufiger zu Wort kommen.

Nun frage ich Sie persönlich. Sind Sie für oder gegen die Frauenquote?
Ich will keine Quotenfrau sein. Aber das Thema bringt mich zum Verzweifeln. Denn wenn ich mit Berufskolleginnen, auch erfahrenen, darüber spreche, sehe ich das Problem. Ich bin aber dagegen, in ein marktwirtschaftlich funktionierendes System einzugreifen. Frauen sollen gezielt gefördert werden, bereits in jungen Jahren. Im Übrigen genauso wie junge Männer. Mit meinem Engagement bei Medienfrauen Schweiz und auch bei Junge Journalisten Schweiz versuche ich meinen Beitrag dazu zu leisten.

Res Strehle, Verena Vonarburg und Andrea Bleicher - die ganze Debatte um Frauen in den Chefétagen von Medienunternehmen ist in aller Munde. Springen Sie auf einen fahrenden Zug auf?
Wir haben den Zug selbst bereits im November ins Rollen gebracht. Die Diskussion nach dem Interview mit Tagi-Chefredaktor Strehle hat uns lediglich dazu gebracht, früher auf den Sozialen Netzwerden aktiv zu werden und mit der Webseite online zu gehen.

Wie hat das Netzwerk von dem Wirbel profitiert?
Wir haben sicher viel Aufmerksamkeit dadurch gewonnen. Andrea Bleicher, die stellvertretende Chefredaktorin der "SonntagsZeitung" war am Donnerstag mit dabei. Sie hat sich ja in einem Blog im "Tagi" zum Thema geäussert. Zudem hat sich Anita Zielina, die neue Digitalchefin der NZZ, auf Twitter sehr positiv zum Netzwerk geäussert. Ob wir uns in den anderen Chefredaktionen Gehör verschaffen konnten, weiss ich zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht.   

Sie sind 24 Jahre alt, studieren, arbeiten als freie Journalistin, sind im Vorstand Junge Journalisten Schweiz und organisieren die Jugendmedientage mit. Was treibt Sie an?
Ich langweile mich schnell (lacht). Nein, im ernst. Ich finde, wir leben in einer guten Zeit. Daran erinnern mich Erzählungen von meiner Mutter. Als sie volljährig war, wurde gerade einmal das Frauenstimmrecht eingeführt. Ich habe so viel mehr Möglichkeiten, gerade im gesellschaftlichen Bereich. Es wäre schade, wenn ich diese nicht nützen würde.

Interview: Michèle Widmer, Bild: Medienfrauen Schweiz/Raphael Hünerfauth



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