Bevor es überhaupt losging, hatte der Bundesrat mit der Wasserflasche auf dem Stehtisch zu kämpfen: Sie liess sich nur mit dem Sakko als Öffnungshilfe knacken, ehe Albert Rösti Moderatorin Maria Victoria Haas und sich einschenkte. Zum Abschluss des jährlichen Branchentreffens der Schweizer Radios – organisiert seit 1999 von der SRG, dem Verband Schweizer Privatradios VSP und den Radios Régionales Romandes RRR – passte das gut: unprätentiös, ohne grosses Zeremoniell.
Auf die Frage, ob die vielfältige Schweizer Radiolandschaft in zehn Jahren noch bestehen werde, verwies Rösti auf mehrere «kleine, aber bedeutende Massnahmen», die der Stärkung dienten: die Verlängerung der Konzessionen für die Regionalradios um zehn Jahre bis 2034, die Klärung der Abgrenzung zwischen SRG und Privaten sowie die parlamentarische Initiative Bauer, dank der die Privatradios trotz sinkender Gebühreneinnahmen der SRG einen höheren Prozentanteil an der Radio- und Fernsehabgabe erhalten. Der Wettbewerbsdruck über die Werbeeinnahmen bleibe davon aber unberührt, räumte er ein. Weitergehende staatliche Eingriffe hält Rösti derzeit nicht für nötig – auch weil Radio gegenüber TV bei Produktionskosten und Konsumverhalten im Vorteil sei.
KI: Grundregeln ja, Bürokratie nein
Beim Thema künstliche Intelligenz bekräftigte Rösti den «zweigleisigen» Schweizer Ansatz: eine minimale Grundgesetzgebung, abgeleitet aus der Europarats-Konvention zu Grundrechten wie Transparenz und Diskriminierungsschutz – zuständig ist sein Kollege Bundesrat Beat Jans –, ergänzt durch freiwillige, branchenspezifische Kodizes. Ein Gesetz nach Vorbild des europäischen AI Act, der Anfang August in Kraft trat, kommt für ihn nicht infrage: Das sei «eine reine Bürokratie». Die Schweizer Regelung dürfte laut Rösti erst um 2029/2030 wirksam werden – bewusst langsamer als in der EU: «Besser zu langsam als zu schnell.»
Als er in diesem Zusammenhang beiläufig eine Schweiz mit «genügend Strom» ansprach, damit die KI-Modelle überhaupt laufen könnten, sorgte das für Lacher im Saal – schliesslich gilt Rösti als einer der profiliertesten Befürworter neuer Kernkraftwerke im Bundesrat.
Sorgen bereitet ihm vor allem der Einsatz von künstlicher Intelligenz im kulturellen Schaffen – bei Musik, Hörspielen oder im bildnerischen Bereich: Die Vorstellung, dass KI statt eines Menschen die Musik vorgebe, mache ihm zu schaffen.
UKW/DAB+: «Aus der Not eine Tugend gemacht»
Für Diskussionsstoff sorgte einmal mehr die Digitalisierung der Radioübertragung. Nachdem das Parlament die geplante UKW-Abschaltung gestoppt hatte, sei die Verunsicherung inzwischen aber geringer geworden, so Rösti. Die Frequenzen seien nun nicht mehr befristet, sondern an die Konzessionsdauer gekoppelt, sodass ein schrittweiser Ausstieg möglich sei, ohne erneut über ein fixes Abschaltdatum diskutieren zu müssen. DAB+ bezeichnete er trotzdem als Erfolg: Die Zahl der Kanäle sei von 40 auf 187 gestiegen, nur noch rund sieben Prozent der Bevölkerung hörten ausschliesslich UKW.
Zur neuen SRG-Konzession ab 2029 bezifferte Rösti den finanziellen Rückgang: Das Gesamtbudget der SRG solle von 1,45 auf 1,3 Milliarden Franken sinken, der Gebührenanteil von 1,3 auf 1,2 Milliarden. Gespart werden solle primär über interne Effizienzsteigerungen und, falls nötig, eher bei Sport und Unterhaltung als bei Bildung, Kultur und Information. Dafür soll ein Mindestanteil in der Konzession festgeschrieben werden. Bei Sportrechten wie der Champions League solle die SRG nicht in direkte Konkurrenz zu privaten Bietern treten.
Beim Online-Auftritt zog Rösti eine klare Linie gegenüber den Printmedien: Transkripte von Sendungen seien in Ordnung, redaktionell verfasste Texte nicht, mit denen die SRG in direkte Konkurrenz zur Presse träte.
Beim jungen Publikum, das laut einer am SwissRadioDay präsentierten Umfrage kaum noch Radio, dafür aber viele personalisierte Podcasts hört, sieht er die SRG dagegen klar in der Pflicht: Sie müsse gezielt Podcasts für Junge produzieren, so Rösti – «absolut».
Röstis Auftritt bildete den Schlusspunkt eines Tages, an dem 329 Gäste vor Ort im Kaufleuten sowie weitere 267 online die ganze Bandbreite der Branche verhandelten – von künstlicher Intelligenz und neuer Radioforschung über Programmatic, Vermarktung und Podcast-Monetarisierung bis zu Next Gen, Schweizer Musik und neuen Erfolgsformaten.
Impressionen vom 27. SwissRadioDay finden Sie hier.
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28.08.2026 08:27 Uhr




