Herr Richardson, herzliche Gratulation zum World-Press-Photo-Preis. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Vielen Dank. Es ist eine Anerkennung meiner Arbeit der letzten Jahre. Ich hoffe auch, dass dieser Preis es mir in Zukunft erleichtert, Projekte umzusetzen, ohne mir den Kopf über die Finanzierung zu zerbrechen.
Wie arbeiten Sie normalerweise?
Ich bin als Freelancer unterwegs. Ich habe im Auftrag für Agenturen gearbeitet, aber ich mochte es nicht mir Vorschriften machen zu lassen. Es ist mir lieber, meine Ideen selbst zu verwirklichen und nachträglich dafür entlöhnt zu werden.
Wie finanzieren Sie Ihre Projekte?
Ich war Paparazzo, das hat mir finanziell geholfen. Ich sehe das als moderne Robin-Hood-Situation: Ich nehme von den Reichen, um der Welt zu zeigen, was mit den Armen passiert.
Hilft Ihre Arbeit den Armen?
Irgendwie schon. Ich erzähle ihre Geschichte durch meine Kamera. Jeder den ich fotografiert habe, ist mein Freund geworden. Ich lerne von diesen Menschen.
Das hilft Ihnen, Herr Richardson. Aber macht es auch deren Situation besser?
Materiell jetzt vielleicht nicht unbedingt, aber mental durchaus. Es gibt ihnen eine Stimme, es ist vielleicht auch einfach der Moment, in dem ihnen jemand zuhört und ein Gewicht gibt. Das hilft. In Laos habe ich einen Mann fotografiert, der sein Bein wegen einer Landmine verloren hat. Zwischen uns ist eine Freundschaft entstanden und ich habe dafür gesorgt, dass er eine Beinprothese erhält. Nicht, weil ich mich dazu verpflichtet fühle, sondern weil wir Freunde sind. Zu der aktuellen Flüchtlingskrise: Plötzlich kommt ein World Press Photo Award und die Leute wollen diese Bilder sehen, das löst etwas aus. Bei einer Ausstellung in Hamburg habe ich einen Flüchtling aus Irak, der mein Freund ist, gebeten anstelle von mir auf die Bühne zu gehen. Er kann seine Geschichte besser erzählen als ich, ich bin ja einfach ein Aussenstehender, der in etwas hinein blickt. Sie aber sind die Menschen, die drinnen sind und nach draussen blicken. Das gibt dem Publikum einen ganz anderen Zugang.
Sie sagten, Sie waren früher Paparazzo und haben Sienna Miller und Angelina Jolie gejagt...
Oh ja, das habe ich.
Warum haben Sie damit aufgehört?
Ich bin die Industrie leid geworden, sie ist sehr schnelllebig. Ich hatte auch einige Schwierigkeiten, gerade mit Sienna Miller. Wenn Sie auf Google nach «Sienna Miller nude» suchen, werden Sie schnell auf mich stossen.
Sie sagten, dass momentan an der ungarischen Grenze 20'000 Menschen sind, die darauf warten, dass ihre Geschichte erzählt werden. Profitieren Journalisten und Fotografen von dem Leid anderer?
Sehen Sie, genau deswegen bin ich lieber als Freelancer unterwegs: Es besteht ein Unterschied zwischen dem, was ich mache und dem was die meisten anderen Medien veröffentlichen. Agenturfotografen machen Bilder und gehen zurück in ihre netten Hotels. Ich konnte mir gar kein Hotel leisten. Also bin ich bei den Flüchtlingen geblieben, habe mit ihnen gegessen, mich mit ihnen fortbewegt. Ich habe ein Verständnis dafür entwickelt, was sie durchmachen. In Budapest, wo ich wohne, habe ich Familien zu mir nach Hause gebracht, sie versorgt, ihre Kleider gewaschen, sie ausruhen lassen.
Warum? Um näher an Ihre Story zu kommen oder aus Mitgefühl?
Sie müssen verstehen, die Kamera ist das eine, das Zwischenmenschliche ist etwas anderes. Ich mache das nicht wegen des Ruhmes, ich will etwas lernen. Und ich habe eine Menge von diesen Menschen gelernt.
Was war die wichtigste Lektion?
Demut. Und mit dem Herzen zu denken. Soll ich ehrlich mit Ihnen sein? Dieser Award gebührt nicht mir. Er gehört dem Mann auf dem Bild, der das Baby trägt. Ich trug nur eine Kamera und machte in diesem einen Augenblick ein Bild.
Stehen Sie noch in Kontakt mit ihm?
Ich kann ihn nicht finden, ich bin auf der Suche nach ihm.
Wie ist das Bild entstanden?
Da war eine kleine Gruppe von Ingenieuren unter den Flüchtlingen, die einen Weg gefunden haben, um die Leute unter dem Stacheldrahtzaun hindurch zu schleusen. Es war Nacht und die Grenzwächter wussten, dass sie irgendwo sind. Sie haben das Schlupfloch im Stacheldrahtzaun entdeckt und ständig dicht gemacht. Also mussten wir immer wieder warten und die weinenden Kinder beruhigen. Sobald es möglich war, sind die Menschen auf die andere Seite gekrochen, ganz schnell, ihre Habseligkeiten mussten sie zurücklassen. Und irgendwo war dieser Vater, der sein Baby weitergereicht hat. Ich habe immer wieder abgedrückt, ohne zu wissen, was und ob ich überhaupt fotografiere. Die Bilder habe ich erst später zuhause gesehen.
Spüren Sie in solchen Extremsituationen menschlichen Leids die Konkurrenz zwischen den Fotografen, das beste Bild, die beste Story zu bekommen?
Jeder Fotograf will das Bild machen, das am besten erklärt, was da passiert. Aber wenn ich mich ständig darauf konzentrieren würde, was andere Fotografen möglicherweise machen, dann verpasse ich, was um mich herum geschieht. Und schlussendlich ist man an solchen Orten von menschlichen Tragödien umgeben: Wenn ich ein kleines Mädchen sehe, das Hilfe braucht, stellt sich die Frage: soll ich mich um das Kind kümmeren oder fotografieren? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich möchte nicht, dass mich meine Kamera dominiert.
Ziehen Sie eine Grenze zwischen Ihrem Job und persönlicher Verbundenheit?
Für mich ist es immer eine persönliche Angelegenheit. Ein Kollege sagte unlängst zu mir: «Du hast alle Regeln des Journalismus gebrochen, Du bist zu stark involviert». Ich antwortete ihm: «Ich bin Freelancer, ich kann tun was ich will.»
Empfinden Sie sich überhaupt als Journalist?
Ich bin ein Zeitzeuge, ich fange Momente in Bilder ein. Das ist alles.
Warum ist das wichtig?
Es ist nur dann wichtig, wenn es das menschliche Verhalten ändern kann. Wir müssen aufwachen. Was heute mit diesen Flüchtlingen passiert ist ein Dominoeffekt, der auch uns erreichen wird. Wir sind Teil des Ganzen.
Denken Sie, Bilder und Reportagen können das menschliche Verhalten ändern?
Wir leben in einer so schnellen Welt, der Effekt eines Bildes verpufft in 45 Sekunden. Die Leute gewöhnen sich an diese Bilder, sie lösen nichts mehr aus. Bilder können mehr als tausen Worte sagen - oder auch gar nichts. Ich wurde von ungarischen Grenzwächtern verprügelt, weil sie dachten ich sei einer der Flüchtlinge. Ich habe ihre Beschimpfungen auf Ungarisch verstanden, ich habe sie aufgenommen und mich als Journalist zu erkennen gegeben. Das hat eine Menge ausgelöst. Bei den anderen Flüchtlingen, bei mir, bei den Grenzwächtern. Das Camp, wo sich das ganze abgespielt hat wurde mittlerweile geschlossen. Vielleicht hat meine Arbeit dazu beigetragen.
Sie porträtieren Drogenabhängige in Norwegen, Obdachlose in Budapest, Sie zeigen, welche Schäden vergessene Kriegsmunition in Laos anrichten, Sie verfolgen monate-, jahrelang ein bestimmtes Thema – was macht eine Geschichte zu Ihrer Geschichte?
Ich hatte einen Freund, der an einer Überdosis gestorben ist, also wollte ich die Drogenabhängigkeit verstehen. Ich hatte einen Freund der sich umgebrachte, danach habe ich ein Projekt über Suizid gemacht. Ich bin mit dem Vietnamkrieg aufgewachsen, deswegen wollte ich wissen, was aus den Menschen in Vietnam, Kambodscha, Laos geworden ist. Alles was ich mache entspringt einem persönlichen Interesse. Es sind aber nicht nur tragische, dunkle Dinge, die mich fesseln. Ich habe mich zum Beispiel auch schon immer gefragt, was mit all den Weihnachtsbäumen nach den Festtagen passiert. Deswegen bin ich dem Lebenszyklus von Tannenbäumen nachgegangen.
Verfolgen Sie dabei ein künstlerisches oder ein journalistisches Interesse?
Beides. Ich war in Miami, in einer ärmlichen Nachbarschaft. Vor mir läuft eine Gruppe von 15 jungen Männern. Ich frage sie: «Was bedeutet das Wort Nigga?» Einer zieht seine Knarre, zielt auf mich: «Sag das noch einmal!», schreit er. Ich: «Bevor Du auf mich schiesst, erklär mir was das Wort bedeutet. Ich habe euch zugehört, ihr braucht das ständig, ich will das verstehen». Am Schluss habe ich sechs Monate dort verbracht und bin in ihr Leben eingetaucht, da waren Grafittikünstler, Rapper, Tänzer, Gangster. Ich habe also journalistische Methoden angewendet, um eine künstlerische Arbeit zu machen.
Das Siegerbild und weitere prämierte Bilder sind noch bis am 29. Mai im Folium, Sihlcity, Zürich zu sehen.
Bildund Video: Keystone

