21.03.2011

"Der hohe Frauenanteil ist für ein Wirtschaftsmagazin sehr erfreulich."

"Eco", die SF-Wirtschaftssendung, ist auf Erfolgskurs. Die Quote steigt seit der Eröffnungssendung 2007 stetig, besonders jetzt mit der Japan-Katastrophe, den Umwälzungen in der arabischen Welt und der Euro-Krise. In bewegten Zeiten verstärkt sich offenbar das Bedürfnis nach differenzierten Hintergründen. Im Interview mit "persoenlich.com" spricht Redaktionsleiter Marius Born (41) aber auch über das aussergewöhnlich weibliche "Eco"-Publikum, das Online-Angebot und die neuen SRF-Chefs. Zum Text:
"Der hohe Frauenanteil ist für ein Wirtschaftsmagazin sehr erfreulich."

Herr Born, mit dem Montagabend haben Sie einen prominenten Sendeplatz. Nun baut SF das Programm mit "Schawinski" und der preisgekrönten Werber-Serie "Mad Men" weiter aus. "Eco" - so scheint es - ist eine wahre Erfolgsgeschichte.

Ja, wir sind nach der Lancierung von 2007 nun daran, die Sendung zu etablieren. Dass das so schnell gehen würde, hätte ich nicht gedacht und freut mich sehr.

Als Aushängeschild gilt Reto Lipp. Er wurde vom "Schweizer Journalist" auf den 2. Platz der Kategorie "Wirtschaftsjournalist des Jahres" gewählt. Stört es Sie, dass ihm so viel Aufmerksamkeit zukommt, während Sie als Verantwortlicher für den Erfolg im Hintergrund bleiben?

Das ganze Team ist für diesen Erfolg verantwortlich. Ich bin glücklich mit meiner Rolle und gebe selten solche Interviews. Das übernimmt in der Regel Reto Lipp. Er macht das sehr gut, und mir ist es wohl so.

Warum kommt er so gut an?

Reto Lipp ist ein sehr glaubwürdiger Botschafter gegen aussen. Er hat nicht nur Wirtschaft studiert, sondern auch in der Wirtschaft gearbeitet, er hatte Führungspositionen in Wirtschaftsmedien inne. Er kann aus einem grossen Schatz an Fachwissen schöpfen. Das ist vor allem in Situationen wichtig, in denen man rasch reagieren muss.

Sie begannen beim Sendestart als freier Mitarbeiter bei "Eco". Im Dezember 2009 wurden Sie Redaktionsleiter. Vorher, nach Abschluss Ihres Studiums in Wirtschaftswissenschaft an der Universität Zürich bildeten Sie sich am Maz in Journalismus weiter und waren sieben Jahre als Fotograf tätig. Journalismus, Wirtschaft und Fotografie: Das ist eine ziemlich seltene Kombination.

Ich bin immer meinen Interessen und Talenten gefolgt. Ich habe das getan, was mich interessierte. Heute kann ich meine Interessen, also Wirtschaft, Bilder und Journalismus, kombinieren. Das ist ideal, denn dies sind alles Themen, mit denen ich mich auseinander gesetzt habe. Ich kann vieles abrufen, was ich in der Vergangenheit gelernt habe. Aber es kommt auch immer Neues hinzu.

Journalismus, Wirtschaft und Fotografie: Marius Born hat seine Leidenschaften zum Beruf gemacht.

Sprechen wir über "Eco": Welche Erfolgsfaktoren gehen auf Ihre Initiative zurück?

Ich habe die Sendung einerseits kritischer gemacht. Andererseits habe ich den Rhythmus der Sendung verändert.

Den Rhythmus?

Ja, damit meine ich die Dramaturgie. Früher bestand die Sendung oft aus drei gleichlangen Beiträgen. Jetzt versuchen wir, die Beitragslängen zu variieren und bauen oft ein zusätzliches Sendungselement ein.

Und Kritik?

Wir sind kritisch dort, wo wir Kritik wichtig finden. Doch wir suchen nicht überall das Haar in der Suppe. Die Schweizer Wirtschaft ist in vielen Bereichen grossartig. Viele Unternehmen gehören zur absoluten Weltspitze. Und warum sollen wir nicht auch aufzeigen können, was gut läuft? Ich finde, das sollte man als Journalist auch können.

Welche Zuschauerzahlen hat "Eco"?

Bei der Erstausstrahlung haben wir in diesem Jahr einen Marktanteil von gut 22 Prozent. Das entspricht rund 240‘000 Zuschauern - 30‘000 mehr als vor einem Jahr. Aber für mich ist nicht die Quote das Entscheidende, sondern dass wir unsere Stammzuschauerzahl ausbauen können.Das ist uns gelungen, ohne auf die Quote zu schielen. Bei Video-on-Demand stehen wir bei gut 50 ‘000 im Monat. Bei den Podcasts sind es 45‘000 Abonnenten, die Tendenz ist stark steigend, vor allem bei den Video-on-Demand-Konsumenten.

Wer ist das Publikum?

Wir haben zum einen eine relativ starke Zuschauerbindung. Die Zuschauerzahl bleibt während der gesamten Sendung relativ stabil. Zum anderen besteht das "Eco"-Publikum zu 48 Prozent aus Frauen. Dieser hohe Frauenanteil ist für ein Wirtschaftsmagazin sehr erfreulich.

Warum schauen so viele Frauen "Eco"?

Das ist schwierig zu sagen. Vielleicht liegt es an der parallel gesendeten Sportsendung auf SF 2, welche tendenziell eher männeraffin ist. Vielleicht ist es aber auch die Art und Weise, wie wir unsere Sendung bauen.

Was ist denn die "Art und Weise" Ihrer Sendung?

Wir versuchen, Wirtschaft verständlich und erlebbar zu machen. In unseren Sendungen soll die Mischung aus Erklären und Verstehen optimal sein. Fürs Erklären sind animierte Grafiken sehr wichtig, die wir inhouse zusammen mit einem Grafikteam erarbeiten. Wir wollen den Leuten die Schwellenangst nehmen, sich mit Wirtschaft zu beschäftigen. Den Tresor an Expertenwissen wollen wir knacken, sodass Leute mitreden können, wenn es um Wirtschaft geht, und die Zusammenhänge sehen.

Auffällig ist die Bildsprache. Realbilder und Symbolbilder wechseln einander ab.

Ja. Wir wollen, dass der Zuschauer beim Zappen merkt, dass er bei einem hochwertigen Magazin gelandet ist. Das erreichen wir, indem wir Bilder verwenden, die sich von tagesaktuellen Sendungen unterscheiden. Dazu ist harte Arbeit im Kleinen nötig. Vom Autor über den Kameramann, zum Editor und Produzenten - wir alle beschäftigen uns intensiv mit der Bildsprache. Mir ist auch wichtig, dass wir mit anderen gestalterischen Elementen, zum Beispiel mit Musik, reflektiert umgehen. Wir haben auch klassische Erlebnisreportagen oder Porträts, da braucht es nicht zwingend Musik. Auch das bewusste Verzichten auf Möglichkeiten kann eine Stärke sein.

Wie spüren Sie die neue Führung mit Roger de Weck und Rudolf Matter?

Es ist noch zu früh, um hier Antworten zu geben. Sicher merkt man, dass beide Journalisten sind. Das kommt uns sehr entgegen.

Spüren Sie die angekündigten Sparmassnahmen?

Nein, bis anhin spüre ich davon nichts.

Und wie verläuft die Zusammenarbeit mit dem Radio?

Wir suchen den Austausch mit der Fachredaktion "Wirtschaft" vom Radio. Obwohl wir eigentlich Konkurrenten sind, ist es auch gut, dass man sich kennt und einen gewissen Austausch pflegt.

Die Wirtschaftsredaktion von Radio DRS ist wohl keine Konkurrenz, sondern Sie arbeiten verstärkt zusammen.

Konvergenz beinhaltet auf bestimmten Gebieten eine stärkere Zusammenarbeit mit dem Medium Radio. Im Bereich "Information" bleibt die Binnenkonkurrenz bewusst gewahrt im Sinne der Vielfalt der Berichterstattung. Wir sind also frei darin, wie wir unsere Agenda setzen. Wir von "Eco" wollen sie uns nicht von Quartals- oder Halbjahreszahlen diktieren lassen. Wir versuchen, unsere eigene Agenda zu setzen und dabei hintergründig und aktuell zu sein.

Ist dieser Austausch mit Radio DRS spontan oder institutionalisiert?

Der ist bei uns hauptsächlich spontan, von Fall zu Fall.

Wer arbeitet in eurer Redaktion?

Wir sind ein kleines, hochqualifiziertes Team von elf Journalisten. Sechs davon haben Wirtschaft studiert. Die anderen spezialisierten sich im Laufe ihrer journalistischen Karriere auf Wirtschaft.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Korrespondenten?

Wir wollen über den Zaun hinausblicken, die internationale Wirtschaft abbilden. Dafür arbeiten wir mit professionellen, starken Korrespondenten. Sie wissen,welcher Themenzugriff für "Eco" wichtig ist. Trotzdem begleiten wir ihre Geschichten sehr nah. Wir besprechen Storyboard, Faktenblatt, die fertige Geschichte und geben einander Feedback nach der Sendekritik. Diese Zusammenarbeit braucht es, um die typische "Eco"-Sprache in die Beiträge einzubauen.

Welches Konzept verfolgt "Eco" beim Online-Angebot?

Bei uns ist Online das Gegenteil von Kurzfutter. Wir möchten Vertiefungen bieten, welche mit den Inhalten unserer Sendung verknüpft sind; vertiefende Dossiers mit Zusatznutzen.

Wie wird dieser Zusatzservice genutzt?

Wir haben momentan monatlich etwa 20‘000 Klicks auf diesen Mehrwert. Trotzdem wird sich dieser Bereich noch weiter entwickeln. Für Online generell gilt: Hier müssen wir dabei sein, wenn wir unseren Informationsauftrag ernst nehmen. Sonst erreichen wir einen Teil der Bevölkerung nicht mehr .

Wie nutzt "Eco" Feedbackmöglichkeiten?

Wir bekommen online Themenvorschläge und Reto Lipp schreibt häufig Blogeinträge mit Foren. Die Zuschauer haben vielfältige Möglichkeiten, unsere Inhalte zu kommentieren. Das wird rege genutzt. Diesen Bereich können wir aber sicher noch ausbauen.

"Eco" - das Wirtschaftsmagazin wird jeweils montags um 22:20 auf SF1 ausgestrahlt. Mehr Informationen auf podcast.sf.tv oder sendungen.sf.tv.

Interview: Edith Hollenstein


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