05.02.2003

"Der Konkurrenz fehlt oft der französische Chic"

Die Westschweizer Frauenzeitschrift Edelweiss bekommt am 26. Februar einen Deutschschweizer Schwestertitel zur Seite gestellt. Leiterin der Zürcher "Zwillingsredaktion" wird Karin Müller (Bild). "persoenlich.com" wollte von der 38-jährigen Journalistin wissen, warum die deutschsprachige Ausgabe nicht bloss ein Abklatsch des Originals ist, wie die Zusammenarbeit mit Lausanne funktioniert und weshalb die deutschsprachigen Leserinnen statt Bolero oder auch Annabelle künftig Edelweiss kaufen sollen. Das Interview:
"Der Konkurrenz fehlt oft der französische Chic"

In der Pressemitteilung wird von einer "Zwillingsredaktion" gesprochen. Was habe ich mir darunter vorzustellen?

Es wird zwei gleichgestellte Redaktionen geben: die bisherige in Lausanne unter der Leitung von Renata Libal und neu eine in Zürich unter meiner Leitung. Die beiden Redaktionen sind sehr mobil, die monatliche Hauptredaktionssitzung wird beispielsweise abwechselnd in Zürich und Lausanne stattfinden, wobei jeweils beide Redaktionen komplett dabei sein werden -- daher auch der Begriff "Zwillingsredaktion". Natürlich wird auch sonst ein sehr reger Austausch zwischen Libal und mir stattfinden. Im übrigen arbeiten wir bereits seit anfangs November sehr erfolgreich zusammen, was ich auf unsere Auslanderfahrung zurückführe. Renata Libal war früher für Ringier in Vietnam, ich arbeitete früher in der Schweizer Botschaft in Moskau. Unabhängig voneinander haben wir gelernt, etwas grenzenloser zu denken und gewisse Alltäglichkeiten etwas gelassener zu sehen.

Wie sieht Ihr Spielraum als Chefredaktorin aus? Sind Sie de facto nicht bloss eine Koordinatorin?

Nein, Frau Libal und ich sind ganz klar gleichgestellt. Das deutschsprachige Edelweiss wird denn auch nicht einfach eine Adaption der Westschweizer Ausgabe sein, sondern ein eigenständiger Titel. So liegt es ganz in meinem Ermessen, ob ich zum Beispiel von einer in Lausanne produzieren Modestrecke zehn oder nur acht Seiten übernehme.

Wie gross wird denn insgesamt der Anteil der übernommenen Artikel sein?

Ich gehe davon aus, dass wir zwischen 50 und 60 Prozent der Texte übernehmen werden. Synergien orte ich vor allem in den Bereichen Mode, Beauty, Reisen. Hingegen werden wir Reportagen, das grosse Interview, Themen wie Kunst und Kultur, aber auch Wohnen hier in Zürich selber abdecken.

Wieviele Stellen umfasst die Deutschschweizer Redaktion?

Rund fünf Personen plus Freelancer. In Lausanne sind es rund sechs festangestellte Redaktoren, wobei Frau Libal ebenfalls mit einem Freelancer-Pool zusammenarbeitet, weil ein grosser Teil der Redaktion auf Teilzeitbasis arbeitet.

Inwiefern wird man die beiden Produkte als einzigen Brand wahrnehmen?

Der Auftritt der beiden Titel wird zumindest äusserlich identisch sein -- wenn man mal von der Sprache absieht (lacht). Die Kontinuität in der Optik wird etwa dadurch gewährleistet, dass wir uns den Art Director teilen.

Werden Mentalitätsunterschiede ein Thema sein?

Nun, zumindest während meiner Zusammenarbeit mit Lausanne konnte ich noch keinen Röstigraben ausmachen (lacht). Natürlich hat es zu Beginn heftige Diskussionen gegeben, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte. Doch das hat in meinen Augen nicht mit Mentalitätsunterschieden zu tun, sondern damit, dass professionelle Journalisten aufeinander gestossen sind, die sich erst einmal angleichen mussten. Was uns je länger je besser gelingt...

In der Deutschschweiz boomen vor allem die Frauentitel aus Deutschland, inländische Konkurrenz gibt es mit Annabelle und Bolero. Wo sehen Sie Ihre Marktlücke?

Wir wollen nicht eine vorgegebene Lücke füllen, sondern eine Bereicherung des Markts sein. Ich glaube, dass sehr viele Frauen nicht wirklich glücklich sind mit dem, was ihnen zur Zeit geboten wird. Ein grosses Manko orte ich vor allem bei einem humorvolleren, augenzwinkernden Umgang mit Themen. So wissen wir zum Beispiel doch alle Bescheid, wie es so läuft mit den Männern (lacht). Warum kann man das nicht auch ein bisschen frech, selbstironisch thematisieren? Ich vermisse in den deutschsprachigen Frauentitel eine gewisse Leichtigkeit, was jedoch auf keinen Fall mit Oberflächlichkeit gleich zu setzen ist. Abgesehen davon fehlt in den Konkurrenztiteln oft der französische Chic, der sehr viele Frauen auch in der Deutschschweiz anspricht.

Aber hat es überhaupt noch Platz für einen weiteren Frauentitel? Meyer's hat ja auch nicht überlebt...

Ich bin überzeugt davon. Und wie gesagt, ich probe nicht für einen Verdrängungskampf, sondern für eine Ergänzung des bestehenden Angebots, eine reizvolle Alternative.

Wann wird Edelweiss den anderen Ringier-Frauentitel GlücksPost abgelöst haben?

Edelweiss ist ein Hochglanzmagazin für unabhängige Frauen zwischen 25 und 40 Jahren, Opinion Leader, die eher in Städten wohnhaft sind und über ein gutes Bildungsniveau verfügen. Es sind Frauen, die wissen was sie wollen und sich Neuem nicht verschliessen. Daher erübrigt sich dieser Vergleich mit der GlücksPost.

Wie wird die Anzeigenabteilung der beiden Edelweiss organisiert?

Es wird ein spezielles Kombiangebot für Kunden geben, die schweizweit inserieren wollen. Der Inseratemarkt an sich wird aber getrennt beackert: In der Westschweiz liegt die Verantwortung bei Kenan Tegin, in der Deutschschweiz, wo das Marktsegment generell höher einzustufen ist, bei Nick Hösli.

Ist die Idee für ein deutschsprachiges Edelweiss aus publizistischen Überlegungen entstanden oder kommt der Impuls von den Ringier-Druckereien, die nicht mehr ausgelastet sind?

Meines Wissen hatte Michael Ringier bereits beim Start von Edelweiss vor vier Jahren den Vorsatz, früher oder später eine Deutschschweizer Ausgabe zu lancieren. Und anscheinend ist jetzt die Zeit dafür gekommen...

Ist das nicht ein bisschen naiv, gerade jetzt, wo der Anzeigenmarkt im Keller ist?

Es stimmt, die Schweiz steckt zur Zeit in einer Wirtschaftskrise. ABER es nützt nichts, sich selbst zu bedauern. Irgendwann müssen positive Zeichen gesetzt werden. In diesem Sinne übernimmt Ringier meiner Meinung nach die Rolle eines Trendsetters. Nur wenn in der Wirtschaft auch wieder Arbeitsplätze geschaffen werden, wird der Aufschwung bald kommen. Zudem hatten wir überhaupt keine Probleme, Inserate zu akquirieren. Im Gegenteil: Viele Unternehmen warteten auf einen Titel wie Edelweiss, der ihnen ein spannendes Umfeld bietet. Deshalb glaube ich, dass unser Entscheid, jetzt an den Markt zu treten, mehr als richtig war.


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