26.11.2014

Fög

"Die Ablehnung ist deutlich stärker ausgeprägt"

Linards Udris über die Berichterstattung zur Ecopop-Initiative.
Fög: "Die Ablehnung ist deutlich stärker ausgeprägt"

Herr Udris, Sie haben das Medienverhalten zur Ecopop-Initiative untersucht. Unterscheidet sich dieses massgeblich von denjenigem zur Masseneinwanderungsinitiative vom 9. Februar?
Ja und nein. Nein insofern, als beide Initiativen jeweils die Medienberichterstattung dominierten und die anderen Vorlagen, über die am selben Tag abgestimmt wird, medial in den Hintergrund treten. Auffallend ist zudem, dass bei beiden Initiativen die Ablehnung in den Medien überwiegt. Bei identitätspolitischen Vorlagen zeigte sich dieses Muster auch schon bei der Minarett-Initiative. Interessanterweise liess sich bei solchen Vorlagen aber beobachten, dass der grundlegenden Problematisierung selbst (Muslime oder Zuwanderer) medial nur bedingt widersprochen wurde und dass die Kritik vor allem auf den "Lösungsvorschlag" der Initiativen zielte.

Was heisst das für die Ecopop-Initiative?
Je mehr die Medien die Zuwanderung oder den viel zitierten "Dichtestress" als drängendes Problem beschreiben, desto eher wird die Ecopop-Vorlage legitimiert, auch wenn deren Lösungsansatz kritisiert wird. Dies könnte für diejenigen Stimmbürger wichtig sein, die am 9. Februar bereits ein "Ja" in die Urne gelegt haben und die Problematik der Zuwanderung als nicht gelöst wahrnehmen.

Und wo liegen die Unterschiede zur Masseneinwanderungsinitiative?
Dieser liegt darin, als bei der Ecopop-Initiative die Ablehnung deutlich stärker ausgeprägt ist. Hier spricht sich ein noch breiteres Spektrum an Akteuren gegen die Vorlage aus, als dies im Februar der Fall war.


Findet in den Schweizer Medien überhaupt eine richtige Auseinandersetzung mit der Masseneinwanderungsproblematik statt?
Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Die überaus grosse mediale Aufmerksamkeit für die Initiativen vom 9. Februar und vom 30. November zeigt zumindest, dass diejenigen Akteure, die die Zuwanderungsproblematik bewirtschaften, sich nicht über geringe Medienresonanz des Themas beklagen können.

Welchen Einfluss haben solche Artikel auf das Stimmverhalten der Schweizer? Oder: Kann man dies überhaupt messen?
Medien sind selbstverständlich nicht der einzige Faktor, um das Stimmverhalten erklären zu können. Aber Medien wirken in verschiedener Weise auf Abstimmungen ein. Die Kampagnenakteure richten sich mit ihren Strategien und Botschaften auch an der Medienberichterstattung aus. Medien haben insofern einen indirekten Einfluss.

Und welchen direkten Einfluss haben Medien auf die Stimmbürger?
Die Forschung hat gezeigt, dass ein Teil der Wähler durch die Medienberichterstattung ihre bisherigen Einstellungen aktiviert und verstärkt, einige ändern ihre Meinung sogar. Daneben beeinflusst die Art der Medienberichterstattung die Mobilisierung der verschiedenen Lager. Wann diese Effekte auftreten und wie stark sie sind, hängt von der Intensität der Berichterstattung und von der Komplexität der Vorlage ab.

Welche Zeitungen sind in Ihnen in den vergangenen Wochen positiv aufgefallen?
Die Ablehnung der Ecopop-Initiative beobachten wir bei praktisch allen Zeitungen, die wir untersuchen. Nur bei der "Weltwoche" finden Stimmen, die sich kritisch zur Gegenkampagne äussern, etwas breitere Resonanz.

Welches Resultat erwarten Sie für den Sonntag?
Eine Prognose möchte ich nicht abgeben, dafür sind die Zusammenhänge zwischen Medienberichterstattung und Abstimmungsentscheid zu komplex. Gegen die Ecopop-Initiative spricht sicherlich die Tatsache, dass sich in den Medien ein sehr breites Spektrum an verschiedenen Akteuren gegen die Vorlage ausspricht.

Und was spricht dafür?
Die mediale Fokussierung darauf, dass sich die SVP in der Ecopop-Frage uneinig und die Zustimmung vor allem bei der "Basis" recht hoch sei. Hier verstärkt sich also das Bild, wonach sich "die Elite" anders verhalte als die Leute an der "Basis". Für die Initiative spricht auch die Medienresonanz. Das bedeutet: Das Thema wird als wichtig eingeschätzt, was möglicherweise eine hohe Mobilisierung begünstigt. Dies könnte Stimmbürger an die Urne bringen, die mit einem "Ja" zu Ecopop auch ein Zeichen gegen "die Elite" setzen wollen.

Fragen: Matthias Ackeret, Bild: Keystone, Walter Bieri

 


Linards Udris ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am fög/UZH und Lehrbeauftragter an der Universität Zürich, der ZHAW und der Berner Fachhochschule Soziale Arbeit. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Kommunikation, Wandel und Qualität der Medien und sozialer Wandel.
 Der Abstimmungs-Monitor des fög zu den Vorlagen vom 30. November 2014 wird Ende dieser Woche auf foeg.uzh.ch publiziert.

 


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