10.05.2017

Republik

Die Angst vor dem elitären Journalismus

Das digitale Magazin ist bis anhin kein einziges Mal erschienen. Dennoch hat es bereits über die Landesgrenze hinaus für Schlagzeilen gesorgt. Zurzeit sind die Initianten des Medienprojekts in der Schweiz unterwegs, um es zu promoten. Der Inhalt bleibt vage.
Republik: Die Angst vor dem elitären Journalismus
Werbung in eigener Sache: Das Crowdfunding für das digitale Magazin «Republik» des «Project R» läuft noch bis Ende Monat. (Bilder: Marion Loher)
von Marion Loher

Die «Republik» tourt durchs Land und machte am Dienstagabend Halt im ausserrhodischen Teufen. Dort, wo die wohlhabenden Städter steuergünstig wohnen, die Dorfzeitung «Tüüfner Poscht» noch eine hohe Leserbindung hat und Nadja Schnetzler, eine der Initianten des Medienprojekts, einen Teil ihrer Kindheit verbrachte. Schnetzler war es auch, die zusammen mit den beiden ehemaligen Chefredaktoren Hanspeter Spörri («Der Bund») und Gottlieb F. Höpli («St. Galler Tagblatt») über die Medienkrise, die gemäss Spörri «noch nie so tiefgreifend war wie heute», diskutierte – und über die «Republik», eine der «möglichen Antworten» auf die offenen Fragen, wie es in der Einladung zum Podium heisst.

Etwa 50 Medieninteressierte waren ins Zeughaus gekommen, um aus erster Hand mehr über das Projekt zu erfahren. Was viele bedauerten: Journalist und Co-Gründer Christof Moser konnte krankheitsbedingt nicht ins Appenzellerland reisen.

Die Erwartungen sind hoch

Das digitale Magazin der Genossenschaft «Project R» ist bis anhin kein einziges Mal erschienen. Dennoch hat es bereits landesweit – und darüber hinaus – Schlagzeilen gemacht. Die anvisierten 750'000 Franken und 3000 Abonnenten waren innerhalb weniger Stunden zusammen, das Medienprojekt kann wie geplant nächstes Jahr starten (persoenlich.com berichtete). Die Macher hatten sich für das Spendensammeln 36 Tage Zeit gegeben. Mittlerweile sind zwei Wochen vergangen und der Zähler auf der Homepage zeigt 2,84 Millionen Franken und 11'300 Abonnenten (Stand Mittwochnachmittag). Und er steht nicht still.

«Ein phänomenaler Erfolg», sagte Spörri an der Podiumsdiskussion. «Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist.» Die Initianten waren vom Erfolg «überfordert», wie Schnetzler zugab. Aber er habe ihnen gezeigt, dass die Leute genug davon haben, wie die Medien heute funktionieren. «Wir wollen, dass der Journalismus wieder das wird, was er sein muss.» Was genau sie damit meinte, ist im Manifest der «Republik» nachzulesen: «Guter Journalismus soll Fakten und Zusammenhänge liefern, pur, unabhängig, nach bestem Gewissen, ohne Furcht vor niemandem als der Langeweile.» Guter Journalismus soll grosse Debatten führen, grossen Fragen nachgehen und das grosse Bild liefern – ohne Abhängigkeit von Verlagshäusern und Inserenten, steht auf der Einladungskarte geschrieben. Grosse Worte, die Erwartungen an das digitale Magazin sind immens.

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Nadja Schnetzler, Mitinitiantin des Medienprojekts, mit den beiden ehemaligen Chefredaktoren Hanspeter Spörri («Der Bund», links) und Gottlieb F. Höpli («St. Galler Tagblatt»).

Ein Zuschauer wollte es etwas genauer wissen und fragte, wie die «Republik» beispielsweise über die Wahlen in Frankreich berichtet hätte. Eine konkrete Antwort gab es nicht. «Dazu kann ich nicht viel sagen, da ich nicht den journalistischen Hut trage», so Schnetzler, die im Projektteam für die Prozesse und Zusammenarbeit zuständig ist. Allgemein lasse sich aber sagen: «Wir wollen nicht den ersten Artikel zu einem Thema schreiben, sondern den letzten.» Es soll abgewartet, intern diskutiert und analysiert werden, ohne Zeitdruck, ohne Klicks generieren zu müssen. «Wir wollen nicht über das Wetter berichten, sondern über das Klima», sagte sie im übertragenen Sinn. Der frühere «Bund»-Chefredaktor merkte an: «Für Journalisten eine Traumstelle.» Ja, sagte Schnetzler, das sähen sie auch an den vielen Bewerbungsmails.

Eine «publizistische Heimat»

Bis zu drei Beiträge möchte das Magazin täglich veröffentlichen. «Nur Relevantes», betonte Schnetzler. Darauf sollen sich die Leser verlassen können, die «Republik» soll für sie eine «publizistische Heimat» sein.

«Ich glaube, das wird ein elitäres Projekt», kritisierte ein Zuschauer. Eine Befürchtung, die einige in der Runde teilten. Gottlieb F. Höpli, ehemaliger Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts», hofft, dass das Magazin nicht nur für ein «urbanes, linksliberales Publikum» gemacht wird. Spörri wollte denn auch von der Projekt-Mitinitiantin wissen, wie sie und ihre Kollegen den Anspruch erfüllen könnten, nicht bloss diesen einen Teil der Gesellschaft anzusprechen. «Wenn man die Community auf unserer Webseite anschaut, sieht man, wie breit die Unterstützung ist. Es sind Menschen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Berufen dabei, solche, die in der Stadt leben oder auf dem Land.» Sie müssten aber dort anfangen, wo sie die meisten Interessenten hätten.

Ihnen sei klar, dass sie nach einem Jahr rund 40 Prozent der Abonnenten verlieren werden, «das ist statistisch einfach so», sagte Schnetzler. «Wir werden aber von unserem Plan nicht abweichen. Unser Ziel ist es, in fünf Jahren selbsttragend zu sein.» Und selbsttragend heisst mindestens 22'000 Abonnenten.



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Kommentare

  • Dieter Widmer, 11.05.2017 05:18 Uhr
    Ich habe auch ein "Republik"-Abonnement bestellt. Aber nicht, weil ich genug davon habe, wie die Medien heute funktionieren. In diesem Punkt überschätzen sich die "Republik"-Macher. Der Projektstart lebte zu einem guten Teil vom herausragenden Ruf des Hauptinitianten Constantin Seibt. Ich mache mit, weil mich das Projekt interessiert und ich mich frage, ob es ohne Rückendeckung eines Medienverlags gelingt. Wenn ich mich über geschriebene Medien ärgern, dann vorwiegend über das schlechte Deutsch, falsche Themengewichtung und fehlerhafte Faktenanalyse.
  • Duke Seidmann, 11.05.2017 10:08 Uhr
    Auch ich habe ein "Republik"-Abo bestellt. Weil mir in unserer "Durcheinanderwelt" fundierter Journalismus etwas wert ist, und weil ich den mutigen verlegerischen Ansatz und die Personen hinter dem Projekt spannend finde. Aber deswegen werde ich für meine Meinungsbildung als Citoyen nicht auf NZZ, Weltwoche, Tagi, Echo der Zeit, SPON, Achse des Guten, ZEIT, Blick und Glatttaler etc. verzichten. Liebe "Republikaner", wer sich über Konkurrentenbashing profilieren muss, setzt sich nur dem Verdacht aus, dass er sich seiner eigenen Sache offenbar doch nicht ganz so sicher ist. Ich freue mich auf die erste Ausgabe der "Republik" und wünsche gutes Gelingen!
  • Beatrice Schönhaus, 11.05.2017 13:02 Uhr
    Ich als Lifestyle-Journalistin bin sehr gespannt auf Republik und mir die Idee gefällt, dass ein positiver Approach gewählt wurde und nicht immer nur gejammert wird. Viel Glück!
  • Oliver Brunner, 11.05.2017 14:33 Uhr
    Erinnert mich an die AfD. Sich als Alternative anbieten, alles bisherig als schlecht, "in der Krise" verteufeln, aber selbst nicht sagen, was man denn machen will. Ich habe den Verdacht, dass es weitergeht, wie die bisherigen Projekten, die antraten, mal so richtig "die Welt zu erklären". So wird es etwa Geschichten geben, über ein Oma, die sich nach 80 Jahren getraut, ihre Jugendliebe zu treffen, die sie nie vergessen konnte, ein Journalist wird undercover der JSVP beitreten und darüber berichten. Aber über die Vernehmlassungsverfahren von wichtigen Gesetzen im Parlament, die zu grossen Papierhülsen verdiskutiert werden etc. wird man wohl kaum etwas berichten. Das ist unsexy Knochenarbeit. Edelfedern sind verkappte Schriftsteller, die nicht von ihren Büchern leben können. Wieso wohl nicht?
  • Jürg Moser, 11.05.2017 14:52 Uhr
    Weltrekord beim Crowdfunding für das projektierte Digital-Magazin «Republik». Super! Die Zahl der Abonnenten und Mitglieder steigt ebenso rasant wie die Höhe der Gönner- und Spendenbeiträge. Die «Republik»-Initianten um die Top-Journalisten Constantin Seibt und Christof Moser informieren fleissig über ihren Erfolg, die PR-Maschinerie des Teams promotet das neue Medienprodukt auf Hochtouren. Die „gewöhnlichen“ Medien berichten fleissig über die Informationen der Initianten. Und werben dadurch fleissig für das Projekt. Und die Erfolgsspirale dreht sich und dreht sich und dreht sich. – Aber was wäre, wenn? – Es kann sein, dass die «Republik»-Erfolgszahlen stimmen. Oder es könnte sein, dass diese Zahlen von den Initianten getürkt und von den Gärtnern der Schweizer Medienlandschaft ungeprüft verbreitet werden. Im letzteren Fall hätten die Initianten eine weltrekordverdächtige Realsatire über «Alternative Fakten, Fake News und Lügenpresse» lanciert . . . um zu beweisen, wie nötig ein neues, dem anspruchsvollen Qualitätsjournalismus verpflichtetes Digital-Magazin eigentlich wäre. ¬– Also Hut ab vor den «Republik»-Initianten. Entweder für die erfolgreiche Gründung und spätere Realisation ihres Online-Magazins. Oder für ihre gelungene Satire, die in naher Zukunft einige der selbstgesalbten Qualitätsmedien («geprinteter» oder «ongelineter» Form) mit dem Tatsachenlabel «Käseblatt» krönen könnte.
  • Ralph Grossenrieder, 11.05.2017 18:03 Uhr
    Wer hat eigentlich eigentlich damit angefangen, Christof Moser Topjournalist zu nennen? Oder kam das einfach im Seitenwagen mit Seibt? Wenn Moser ein Topjournalist ist, was ist dann ein durchschnittlicher Journalist in diesem Land? Hilfe.

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