Das «True Story Festival» bringt zum dritten Mal Reporterlegenden und Journalismusprominenz nach Bern. Kommen die einfach, wenn ihr ruft?
Schön wär's. Es gibt Stars in dieser Szene, die haben fünf- bis sechsstellige Honorarforderung. Die kommen gar nicht in Frage. Und dann gibt es aber solche, die der Sache zuliebe zusagen, weil das ganze Projekt den Journalismus stärkt. Was uns natürlich hilft, ist der Preis. Die Aussicht, mit einer Nominierung in die Schweiz eingeladen zu werden, ist Motivation genug, mitzumachen.
Wie viele Texte wurden für den diesjährigen «True Story Award» eingereicht?
Es sind knapp 1000 Texte aus über 100 Ländern. Unsere globale Jury hat die alle in den verschiedenen Sprachen gelesen und selektioniert. Am Ende bleiben 36 Nominierte, die wir ans Festival und an die Preisverleihung eingeladen haben. Es ist faszinierend zu sehen, wie innerhalb kürzester Zeit in den meisten Ländern der Welt dieser Preis eine beachtliche Bekanntheit erreicht hat.
«Als wir den ‹True Story Award› lanciert haben, sprachen wir etwas überspitzt vom globalen Pulitzer»
Wie habt ihr das erreicht?
Innerhalb der Preislandschaft konnten wir mit unserer Auszeichnung eine Marktlücke schliessen. Es gab bis dahin noch keinen globalen Preis über alle Kategorien. Als wir den «True Story Award» lanciert haben, sprachen wir etwas überspitzt vom globalen Pulitzer. Den richtigen Pulitzer-Preis können ja nur Amerikaner gewinnen. Die Kolleginnen und Kollegen in Argentinien, Indien oder China sagten sich: Endlich kann ich auch einreichen. Darum hat das wohl von Anfang an funktioniert. Auch die Mitglieder der Jury helfen uns. Sie sind in ihren Ländern bekannte Grössen, zum Beispiel Leila Guerriero in Buenos Aires. Jeder Journalist in Argentinien kennt sie.
Mobilisiert und motiviert auch die Aussicht auf das Preisgeld zur Teilnahme?
Am Anfang dachten wir, wir müssen mit einer grossen Summe Aufmerksamkeit generieren. Das haben wir im ersten Jahr auch gemacht, als alle 36 Nominierten Geld erhalten haben. Damals betrug die Gesamtpreisgeldsumme 177'000 Franken. Aus Budgetgründen haben wir das Preisgeld auf 50'000 Franken für die drei Erstplatzierten reduziert. Und für die anderen 33 ist der eigentliche Preis die Einladung nach Bern, verbunden mit der Anreise, vier Hotelübernachtungen und der Verpflegung.
Aber auch das kostet noch viel Geld. Woher habt ihr das?
Das Ganze ist von zahlreichen Stiftungen finanziert, wie etwa der Annette Ringier-Stiftung, Berner Medien- und Unternehmungsförderungsstiftung FERS oder der Initiative Schweiz. Stiftungen unterstützen entweder die True Story Foundation für den Award oder den Verein, der das Festival organisiert. Im ersten Jahr hatten wir Glück und erhielten den Löwenanteil des Geldes von Bern Welcome, der Vermarktungsorganisation der Stadt Bern. Das war nach Corona nicht mehr der Fall. Auch darum mussten wir die Kosten runterfahren.
Das Festival zählt 45 Veranstaltungen. Wer besucht die?
Wer sich für Zusammenhänge und Hintergründe interessiert und eine andere Facette der Medien erleben will. Wer auch mal was anderes hören will als Ukrainekrieg, Gazakrieg, Klimakrise und Donald Trump. So kann das Publikum beispielsweise einer Journalistin aus Indien zuhören. Sie erzählt von einer Millionenstadt, wo Hunderttausende junger Menschen Nachhilfeunterricht besuchen, um sich für eine Eliteuniversität zu bewerben. Hinter diesen Hunderttausenden stecken Gelder von erwartungsvollen Familien, die ihre Kinder pushen, damit dann zwei Prozent an die Uni kommen und der Rest wieder zurückgehen muss. Davon weiss man hier nichts. In Asien, und nicht nur in Indien, ist das aber ein grosses gesellschaftliches Phänomen.
«Da realisiere ich jeweils, dass wir in der Schweiz absolute Luxusbedingungen haben»
Warum organisiert ihr eigentlich diese Veranstaltungen?
Weil es extrem bereichernd und faszinierend ist, mit so unterschiedlichen Berufsleuten zu tun zu haben wie den 36 Nominierten und der knapp 50-köpfigen Jury. Da realisiere ich jeweils, dass wir in der Schweiz absolute Luxusbedingungen haben – und trotzdem klagen. Es ist inspirierend zu sehen, mit welchem Mut, Engagement und Idealismus sich junge Leute gegen autokratische Regimes, gegen Einschränkungen der Pressefreiheit, gegen ziemlich schwierige Umstände stemmen. Einfach, weil sie das Gefühl haben, diese Geschichten müssten erzählt werden.
Die Medienresonanz des Festivals ist gemessen an Grösse und Aufwand sehr gering. Im vergangenen Jahr berichteten nur gerade ein paar lokale Berner Medien. Stört Sie das?
Natürlich wünschten wir uns mehr Ausstrahlung, aber viel entscheidender ist, dass das Publikum an die Veranstaltungen kommt. Das beweist das Interesse für Hintergrundthemen aus anderen Ländern und am Journalismus. Irgendwann werden die anderen Medien auch realisieren, dass die Berner da vielleicht etwas Gutes auf die Beine stellen.
Mit den grossen Zürcher Medienunternehmen gibt es keine Partnerschaften?
Ich versuchte es schon, aber es funktionierte nicht. Jetzt haben wir immerhin eine Partnerschaft mit Swissinfo, deren Journalisten Veranstaltungen moderieren. Ausserdem helfen uns Kolleginnen und Kollegen vom Bund/BZ, der Hauptstadt, Annabelle, SRF und NZZ am Sonntag, die ebenfalls moderieren. Das führt unter Umständen mittelfristig zu Berichterstattungen in deren Medien.
Die engste Partnerschaft habt ihr mit eurem eigenen Magazin Reportagen. Wir profitiert ihr damit von Preis und Festival?
Wir erhalten sehr viel Input. So konnten wir sehr viele Texte aus dem Fundus des «True Story Award» auf Deutsch übersetzen und bei uns publizieren. Oder wir können dank der Bekanntheit des Awards bei internationalen Recherche auf Kontakte irgendwo auf der Welt zurückgreifen. Auf der kommerziellen Seite dagegen lässt sich der Erfolg nicht messen, da wir nicht wissen, wer sein Abo wegen des Festivals löst. Aber langfristig kann die Veranstaltung Spuren hinterlassen, sodass dann jemand sich an ein positives Festivalerlebnis erinnert und ein Abo löst.
Sie machen Reportagen und Festival seit Anbeginn zusammen mit Ihrer Ehefrau Rocío Puntas Bernet. Geht das gut?
Es geht erstaunlich gut. Und es ginge vor allem nicht ohne sie. Ein Unternehmen aufzubauen im Journalismus mit dem ganzen geschäftlichen Risiko, den Unregelmässigkeiten und vielen Abendveranstaltungen, das geht nicht, wenn nicht beide am gleichen Strick ziehen.
«Meine Frau hat oft die besseren Ideen und ich habe andere Stärken»
Eheliche Harmonie als Grundlage des Erfolgs?
Nicht nur. Wir streiten viel, im positiven Sinn. Wir sind sehr unterschiedlich. Darum inspirieren wir uns gegenseitig. Meine Frau hat oft die besseren Ideen und ich habe andere Stärken. Gerade was das Marketing für Reportagen anbelangt oder die nächsten Themen, die wir angehen wollen, da reiben wir uns permanent – und das bringt uns weiter. Natürlich, wenn sie einen völlig anderen Job hätte, könnte das auch inspirierend sein, aber das Schöne am Journalismus ist ja, dass wir ständig mit anderen Tätigkeitsbereichen und anderen Biografien zu tun haben. Die Entwicklung eines kleinen Verlags ist mit vielen Unsicherheiten verbunden, mit schlaflosen Nächten, wie es weitergeht. Da hat es mir und uns geholfen, dass wir gemeinsam im gleichen Boot sitzen.
Wie wirkt sich die Ehe-Konstellation auf den Redaktionsalltag aus?
Wir haben zum Glück ein Team, in dem wir die Streit- bzw. Debattenkultur hochhalten. Es würde auch niemand ein Blatt vor den Mund nehmen und Rocío nicht kritisieren, weil sie meine Frau ist. Manchmal hat sie die eine Hälfte der Redaktion auf ihrer Seite und ich die andere und dann wird mit Argumenten rauf und runter diskutiert.
Apropos Familienbetrieb: Ihr habt eine Tochter, die ist 20. Wird sie in eure Fussstapfen treten?
So viel ist schon klar: Sie will sicher nicht Journalistin werden, sondern Jura studieren, um uns später herauszureiten, wenn wir etwas verbocken, wie sie uns augenzwinkernd erklärte. Auch schrecken sie die prekären ökonomischen Bedingungen im Journalismus ab. Der Antrieb, etwas gegen die Ungerechtigkeit der Welt zu tun, ist ihre Motivation fürs Jus-Studium – was bei uns ja nicht ganz anders ist.
Reportagen gibt es seit 13 Jahren. Wie viele Krisen habt ihr schon überstanden?
Manchmal habe ich das Gefühl, es gibt uns es zwar seit 13 Jahren, aber wir sind immer noch im Start-up-Modus, der berühmten Garage eines kalifornischen IT-Unternehmens. Die Ausgaben überstiegen anfänglich die Einnahmen. Seit fünf, sechs Jahren sind wir kommerziell eigenständig, bewegen uns im Bereich der schwarzen Null. Das heisst aber auch, dass wir nicht grosse Investitionen tätigen können, sondern mit neuen Ideen das Magazin weiterbringen müssen. Ein Beispiel ist die Kooperation mit Bühnen Bern, wo wir Reportagen mit szenischen Lesungen einem Theaterpublikum näherbringen.
«Wenn der Mediaplaner die Tausenderkontaktpreise anschaut, befinden wir uns am unteren Rand»
Ist es einfach, mit einem so wertigen Produkt wie dem Magazin Reportagen Werbung zu akquirieren?
Überhaupt nicht. In diesen 13 Jahren hat noch kein Kunde von sich aus angerufen, um Werbung zu buchen. Wenn der Mediaplaner die Tausenderkontaktpreise anschaut, befinden wir uns wegen der verhältnismässig kleinen Auflage am unteren Rand. Dafür können wir mit einer hohen Zielgruppenaffinität und überdurchschnittlich hohen Verweildauer punkten. Jene Kunden, die bei uns werben, sind uns zum Glück treu. Wir leben etwa zu 75 Prozent von Abo-Einnahmen und zu 25 Prozent vom Ertrag aus den Inseraten plus dem Einzelheftverkauf.
Wie viele Hefte verkauft Reportagen?
Unsere gedruckte Auflage beträgt 18’000 Exemplare. Davon sind zwischen 11 und 12’000 abonniert. Pro Ausgabe verkaufen wir am Kiosk allein in der Schweiz um die 1000. Damit finanzieren wir inzwischen gut sieben Vollzeitstellen verteilt auf zwölf Leute. Am Weihnachtsessen sind wir doppelt so viele, weil wir noch viele Freelancer beschäftigen, die im Mandat oder auf Honorarbasis für uns arbeiten. Das sind Grafiker, Korrektoren, Illustratoren.
Ihr lebt von den Autorinnen und Autoren und ihren Texten. Wie findet ihr die?
Es ist schwieriger geworden, gute Texte zu bekommen. Noch in den 2010er-Jahren, als wir anfingen, gab es viel mehr Autoren, die es draufhatten, Reportagen zu schreiben. Die Reportage erfordert, weil sie eine erzählende Gattung ist, andere Fähigkeiten als klassischer Journalismus. Man investiert viel mehr Zeit, die haben heute die wenigsten Kollegen. Journalisten tendieren dazu, brillieren zu wollen und es mit dem Stil zu übertreiben, und Schriftsteller tun sich oft schwer mit Non-Fiction. Wo der klassische Reporter fehlt, müssen wir als Redaktion mehr in die Betreuung investieren. Zum Glück gibt es ein paar Naturtalente, die einfach super sind.
Welchen Text möchten Sie unbedingt einmal in Ihrem Magazin lesen?
Mich faszinieren die Geschichten von einfachen Menschen, überall auf der Welt. Darum möchte ich einmal eine Reportage lesen mit den Erzählungen über Menschen in zig Ländern, die sich in einer Momentaufnahme ineinander fügen zu einem grossen globalen Bild. Finanziell und logistisch wäre das sicher anspruchsvoll zu realisieren. Aber von diesem Text träume ich.

