02.11.2020

Peter Rothenbühler

«Die Weltwoche hat eine grosse Zukunft»

Ringier-Urgestein Peter Rothenbühler hat bei der Schweizer Illustrierten gekündigt und schreibt seine Kolumne neu bei der Weltwoche. Das Interview.
Peter Rothenbühler: «Die Weltwoche hat eine grosse Zukunft»
Rothenbühler ist der einzige Journalist, der wöchentlich je eine Kolumne in französischer und in deutscher Sprache schreibt. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Peter Rothenbühler gibt seine wöchentliche Kolumne bei der Schweizer Illustrierten auf und wechselt zur Weltwoche, wo ihm Roger Köppel die Seite 10 für eine persönliche Kolumne gleichen Stils reserviert hat. Der Wechsel ist ungewöhnlich, war doch Rothenbühler der «Retter» der Schweizer Illustrierten, die er 1988 mit neuem Konzept zur Cashcow des Ringier Verlags gemacht hat. 2000 verliess er die SI, um Programmdirektor von Tele24 zu werden, anschliessend zog er nach Lausanne, wo er fast zehn Jahre erfolgreich als Chefredaktor von Le Matin und Le Matin Dimanche wirkte.

Herr Rothenbühler, Sie wechseln als Kolumnist zur Weltwoche. Wollte man Sie nicht mehr bei der SI?
Nein, nein, ich hätte da noch bis zum Tod weiterschreiben können. Bis zu meinem oder dem der SI, je nachdem. Nein, ich gehe mit einem guten Gefühl, mit dem Eindruck, meine Arbeit erledigt zu haben.

Warum erfolgt der Wechsel gerade zum jetzigen Zeitpunkt?
Ich habe immer selbst entschieden, wann es genug ist. Halte mich an die Regel der guten Politiker, nach zehn Jahren gehen. November ist mein Monat, bin am 9. geboren.

Nun waren es aber nur sieben Jahre.
Das sind die neuen zehn Jahre. Wichtig ist für mich, dass die Kolumne gut angekommen ist. Sogar Verleger Michael Ringier hat mir regelmässig Komplimente gemacht. Also Leser Nummer 1. Nicht zu unterschätzen. Auf der Strasse hielten mich Männer auf, um mir zuzuraunen, dass ihre Frau ein Fan meiner Kolumne sei. Männer wagen es immer noch nicht, sich als SI-Leser zu outen.

«Jetzt gehe ich zurück auf Start»


Warum denn gerade zur Weltwoche?
«What else?», kann ich da nur sagen. Im Ernst, die NZZ hat nicht gerufen, die wäre auch gut. Roger Köppel hat mich wiederholt gefragt, ob es mich nicht reizen würde, zur WeWo zu kommen. Ich habe stets abgesagt, weil ich ein treuer Kerl bin.

Sie hatten dieselbe Kolumne vor bald zwanzig Jahren bereits einmal bei der Weltwoche ...
Das war Roger Schawinski, es war seine Idee, diese persönliche E-Mail auf Augenhöhe an Bundesräte, Fernsehstars, Wirtschaftsführer, Sportler, Kardinäle zu schreiben. Er hat das brillant gemacht, wurde dann nach Deutschland gerufen. Da rief mich der damalige Weltwoche-Chefredaktor an einem Montag an und fragte, ob ich die Kolumne übernehmen wolle. Ich sagte, dass ich es mir überlegen werde. Da meinte er, wir sollten den ersten Text morgen Mittag haben. Da machte es bei mir Klick, das gefällt mir, einfach so «inegumpe». Ich wurde dann nach ein paar Jahren von der Sonntagszeitung abgeworben, dann von der SI. Die hat am meisten bezahlt. Jetzt gehe ich zurück auf Start.

Die Weltwoche ist wegen ihres politischen Kurses nicht unumstritten ...
Den Kurs suche ich immer noch. Klar, Roger ist SVP-Nationalrat, da weiss man, was man hat. Er ist aber auch einer der gescheitesten Analysten, einer der stärksten Schreiber des Landes. Wenn ich das Blatt durchgehe, habe ich Mühe, einen Kurs zu finden. Die Weltwoche ist eine politische Wundertüte, da schreiben viele gute Autoren, jeder auf seinem Kurs, manchmal eher links, manchmal eher rechts. Wo sonst könnte Peter Bodenmann, der nun ein lupenreiner Linker ist, so frei schreiben? Und Rudolf Strahm, der bei den vielen Linken unbeliebteste Linke, aber einer der besten Wirtschaftskenner? Alles nur Feigenblätter? Nein, es gibt nur einen Chefredaktor in der Schweiz, der für andere Meinungen jederzeit jede Menge Platz zur Verfügung stellt. Jedes Mal, wenn ich Roger anrief und ihm sagte: «Du, da bin ich aber nicht einverstanden», hat er gesagt: «Schreib zwei Seiten, bringe ich nächste Woche.» Wo kriegt man das sonst?

«Ich will auch von einer schönen Frau schreiben können, sie sehe gut aus, ohne dass jemand ausruft»


Sie kommen ja ins Schwärmen …
Ja, ich glaube, die Weltwoche hat eine grosse Zukunft. Ich bin ein Überzeugungstäter, glaube an den freien Diskurs, der heute gefährdet ist. Ich schreibe fortan für eine Publikation, wo das offene Wort etwas gilt, wo es keine Zensur, keine vorauseilende Unterwerfung unter die Hüter der Korrektheit, keine Genderpolizei und keine Diversity-Manager gibt. Wo ich nicht lange darüber nachdenken muss, warum der Rekrut in der Deutschschweiz männlich ist und la recrue auf Französisch weiblich, auch für Männer! Ich will auch von einer schönen Frau schreiben können, sie sehe gut aus, ohne dass jemand ausruft. Roger will, dass alle schreiben, was ist, was auffällt, und vor allem, was aus der Reihe tanzt. Das ist mein Ding. Die Weltwoche ist heute nötiger denn je.

Haben Sie eigentlich viele Reaktionen auf Ihre persönlichen Tipps oder Sticheleien?
Ja, sehr viele, meistens positive. Herzchirurg Thierry Carell hat sofort eine Schlankheitskur angetreten, als ich schrieb, er sei zu schwer. Er sagte mir: Alles wegen Ihnen! Als ich Frau Widmer-Schlumpf wegen ihrer Fussballerfrisur drannahm, ging sie zum Coiffeur. Doris Leuthard war sauer, dass ich schrieb, man würde ihr viel lieber näher rücken als Frau Sommaruga, aber sie hat es mir verziehen. Josef Deiss habe ich geraten, sein exzellentes neues Buch auf Deutsch zu übersetzen, er hat’s gemacht und mir gedankt. Petra Gössi schrieb ich, sie brauche dringend Modeberatung. Hat sie zu Herzen genommen. Das Resultat ist hervorragend. Doch, doch, es läuft gut. Grosse Persönlichkeiten lassen sich immer etwas sagen. Nur die Kleinen weinen, wenn man sie pikst.  

         



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Kommentare

  • Ueli Custer, 03.11.2020 08:38 Uhr
    Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn die Zukunft nicht besser wird als die Vergangenheit, sehe ich schwarz für dieses Blatt mit Rechtsdrall. Während die Konkurrenz mit Linksdrall, die WOZ seit Herbst 2014 ihre Leserschaft um 37,3% auf 103'000 steigerte, ging diese bei der Weltwoche im gleichen Zeitraum um 35,7% auf 162'000 zurück. Setzt sich dieser Trend fort, wird die WOZ die Weltwoche noch in diesem Jahrzehnt überflügeln.
  • Angelo Rizzi, 02.11.2020 16:41 Uhr
    Die NZZ hätte nicht gerufen. Hätte mich auch gewundert.
  • Claude Bürki, 02.11.2020 14:21 Uhr
    Rothenbühler ist eine Bereicherung für die Weltwoche! Ein Journalist ohne Links- oder Rechtsdrall.
  • Maya Ziegler, 02.11.2020 10:49 Uhr
    Diese Nachricht freut mich als Abonnentin der Weltwoche ganz besonders. Peter Rothenbühler hat nach dem Boulevard in eine höhere Liga gewechselt. Glückwunsch und viel Erfolg.
  • Ueli Ernst ADAM, 02.11.2020 10:42 Uhr
    Bravo Peter - ein echter Gewinn! ich gratuliere - nicht nur, weil ich ein Bieler bin...
  • Hans Geiger, 02.11.2020 10:29 Uhr
    erfrischend. Ich freue mich auf die Kolumnen.
  • Roman Weissen, 02.11.2020 10:26 Uhr
    Peter Rothenbühler schreibt was er denkt und bringt die Wahrheit jeweils auf den Punkt. Seine Leitplanken sind parteilos. Freue mich weiterhin auf seine Kolumnen.
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