09.10.2015

Tamedia

Die "Zwölf"-App im persoenlich.com-Test

Tamedia lanciert heute Montag ein neues Produkt: Ähnlich wie bei "NZZ Selekt" werden auch bei der "Zwölf"-App bestehende Artikel in neuer Verpackung angeboten. Jeden Tag, mittags um 12 Uhr, sollen die Nutzer zwölf handverlesene Text-Perlen aus dem gesamten Zeitungs und Zeitschriften-Angebot von Tamedia aufs Smartphone geliefert bekommen. Was taugt diese App? persoenlich.com hatte Gelegenheit, schon vor der Lancierung einen Blick darauf zu werfen.
Tamedia: Die "Zwölf"-App im persoenlich.com-Test

Morgens die News lesen über bekannte Nachrichten-Apps wie "20 Minuten", "Blick", "Tages-Anzeiger" oder "Watson" – mittags jedoch sollen die Nutzer künftig die "Zwölf-App" öffnen und durch das Angebot von zwölf ausgesuchten Hintergrundtexten stöbern. Hier findet man neben einem Kommentar aus dem "Magazin" eine "Annabelle"-Reportage oder ein Porträt aus der "Schweizer Familie". "Zwölf Filetstücke – täglich um 12", schreibt Tamedia in ihrer Eigenwerbung.

Die App soll nicht primär News liefern, sondern Orientierung schaffen. "Sie bietet nicht alles, nur das Relevanteste", sagt Projektleiter und Tagi-Digitalchef Michael Marti zu persoenlich.com. 1.4 Stellenprozente werden für das Kuratieren der Storys eingesetzt. Zur Auswahl stehen den beiden Kuratoren Leo Ferraro und Denise Ferrarese alle Artikel aus dem gesamten Tamedia-Universum, etwa aus "Berner Bund", "Finanz und Wirtschaft", "SonntagsZeitung" oder dem "Tages-Anzeiger".

Die "Zwölf"-App steht ab sofort im Apple-Store zu Download bereit. Noch bevor heute Montagmittag die ersten Texte ausgeliefert werden, konnte persoenlich.com auf eine Testversion zugreifen. Aufgefallen sind dabei folgende sieben Punkte:

1. Name: "Zwölf" als Bezeichnung würde mindestens so gut für ein Fussball-Magazin taugen. Und tatsächlich existiert seit 2007 "Zwölf", das Schweizer Fussballmagazin, das mit einer Auflage von 10'900 Exemplaren und 4'800 Abonnenten nicht als unbedeutend betrachtet werden kann. Zudem gibt es die Talkshow "ZWÖLF – Die Fussballbar" oder das RTL-Mittagsmagazin "Punkt Zwölf". Tamedia gibt an, die Namensgebung mit dem Fussballmagazin abgesprochen zu haben.

2. Technik: Dass die App ausschliesslich für iPhones zur Verfügung gestellt wird, ist nicht zeitgemäss. Zwar dominiert Apples iPhone laut einer aktuellen Studie die Schweiz mit einem Marktanteil von 56 Prozent. Doch Konkurrent Android kommt bereits auf 39 Prozent (Windows-Phones 4 Prozent). Durch die sture iOS-Fokussierung bleibt "Zwölf" einem beträchtlichen, immer grösser werdenden Teil der Bevölkerung vorenthalten.

3. Inhalte: Die einzelnen Artikel werden in einer Art Jasskarten präsentiert. Durch diese kann der Nutzer wischen und Interessantes auswählen. Wenn es den Kuratoren tatsächlich gelingt, jeden Tag neu die wahren Perlen aus dem Tamedia-Universum zu selektieren, kann "Zwölf" zu einem Fixpunkt im täglichen Mediennutzungsverhalten werden. Dabei ist das Know-how der Kuratoren elementar, denn von der Qualität der angebotenen Inhalte wird der Erfolg wesentlich abhängen.

4. Design: Das Layout wirkt schlicht. Nichts schrillt oder schreit. Das könnte sich jedoch ändern, sollte die App künftig Werbung enthalten. Doch vorläufig ist diese aufgeräumte Unauffälligkeit positiv zu werten.

5. Preis: Für Digital-Abonnenten verlangt "Zwölf" keine Zusatzgebühren. Auch wer im Monat weniger als zwölf Texte aufruft, muss nichts bezahlen. Beim 13. Text allerdings erscheint die Paywall. Für 6 Franken im Monat kann man die App ohne Einschränkung nutzen. Diese Preisstrategie ist vernünftig. Gerade im Vergleich zu "NZZ Selekt" – der Repackaging-App der NZZ – wo das Monatsabo 10 Franken kostet, und nicht einmal im regulären Abo inbegriffen ist. Zudem beschränkt sich "NZZ Selekt" auf ausgewählte Inhalte der Tageszeitung.

6. Benutzerfreundlichkeit: Die App ist erfreulicherweise sehr einfach gehalten. Ein grosses Bild, Titel und Lead müssen genügen, um die Nutzer von der Attraktivität des Textes zu überzeugen. Wie schnell die Ladezeiten bei Reportagen mit vielen Bildern sind, konnte persoenlich.com noch nicht im Detail testen.

7. Konzept: Wie genau "Zwölf" in die verlagsstrategischen Gesamtüberlegungen eingebunden ist, bleibt schleierhaft. Viele Nutzer haben eher zu viele Apps auf ihrem Smartphone. Es wird also zunehmend schwierig, die Nutzer vom Download einer neuen App zu überzeugen.

Wenn "Zwölf" trotzdem erfolgreich sein sollte, könnten viele Nutzer bald andere Tamedia-News-Apps links liegen lassen. Die dort angebotenen Werbeplätze würden sich weniger teuer verkaufen lassen. Und warum sollen die Leute "Annabelle", den Tagi oder die "Schweizer Familie" abonnieren, wenn die Edelfeder-Texte bequem in der werbefreien App erhältlich sind, für gerade einmal 6 Franken im Monat?

Zudem ist nicht klar, wen genau die App erreichen soll. "Leser, die über die News hinaus Hintergründiges lesen wollen", ist als Zielgruppe sehr weit gefasst. Denn Artikel der "Schweizer Familie" mögen vom Thema her eine breite Gruppe interessieren, doch ob sich diese Leser auch vom Textaufbau, Schreibstil und vorausgesetztem Hintergrundwissen abgeholt fühlen, ist eine andere Frage. Der Autor des "Magazin"-Editorials hat beim Schreiben wahrscheinlich ein anderes Publikum vor Augen, als die Journalisten bei "20 Minuten".

Ob das alles reicht, damit die App eine Fangemeinde findet? (eh)

 



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