22.07.2008

Schawinski

"Eine richtige Beziehung zum Radio haben Verleger nicht"

Interview mit dem Radio 1-Chef.

Mit den Hörerzahlen für das 1. Semester 2008 wurde zum ersten Mal auch die Nutzung des neuem Senders Radio 1 ausgewiesen. Der Sender hat auf Anhieb eine Reichweite von 2,4 Prozent, 107'400 Hörer und einen Marktanteil von 1,2 Prozent erreicht. Senderchef Roger Schawinski glaubt, dass er mit der Investition in die Informationsdienstleistung den Nerv der Zeit getroffen hat: "Der fatale Fehler der Privaten in den letzten Jahren war der Abbau bei den Informationsleistungen." Das Interview:

Herr Schawinski, die ersten offiziellen Hörerzahlen von Radio 1 liegen vor. Wie beurteilen Sie das Abschneiden Ihres Senders?

Es ist grossartig, dass wir in so kurzer Zeit zu einem der grössten Privatradios der Schweiz geworden sind. Wir haben bereits mehr Hörer als die Sender aus Basel oder Bern. Es besteht offensichtlich das Bedürfnis nach einer qualitativen Bereicherung der Privatradiolandschaft, das wir abdecken. Vor allem verblüfft uns die hohe durchschnittliche Nutzung der Hörer mit über 53 Minuten pro Tag. Da liegen wir ganz klar vor allen anderen Zürcher Privatradios. Es ist uns also gelungen, in ganz kurzer Zeit sehr viele Stammhörer zu gewinnen. Das ist ganz klar unsere grösste Leitung.

Als junger Sender haben Sie sicher auch vom grundsätzlichen Interesse an Neuem profitiert.

Die Neugier hält vielleicht ein oder zwei Wochen, die Hörerzahlen widerspiegeln aber fast vier Monate. Beachtet man, dass unser Sendegebiet nicht einmal ein Drittel so gross ist, wie dasjenige der grossen Zürcher Sender, wird ersichtlich, wie enorm unser Erfolg und unser Potential ist. Rechnet man die Zahlen auf unser Sendegebiet um, sind wir bereits virtueller Marktführer im Raum Zürich, dem wichtigsten Gebiet der Schweiz.

Im Gegensatz zu den Privaten haben die SRG-Sender zulegen können. Wie erklären Sie sich diese Schere?

Vor allem DRS3 konnte zulegen. Der Sender hat wesentlich mehr Mittel als die Privaten und setzt diese entsprechend ein. Radio 1 hält nun massiv dagegen. Damit verlangsamen wir den seit einigen Jahren andauernden Niedergang der Privaten, der alle besorgt machen sollte, die keine völlige Dominanz der SRG wollen.

Experten wie Bendicht Luginbühl oder der Medienforscher Mirko Marr sind überzeugt, dass die Informationsleistung für die Senderprofilierung der Radios wieder an Bedeutung gewinnt. Teilen Sie diese Meinung?

Absolut. Der fatale Fehler der Privaten in den letzten Jahren war der Abbau bei den Informationsleistungen. Gerade der Erfolg von Radio 1, das viel in diesem Bereich investiert, zeigt, dass der Hörer bei den Informationen mehr Qualität verlangt. Wir sind schneller, liefern Hintergründe und sind sehr oft live bei Ereignissen dabei, wie zuletzt bei den Pressekonferenzen der Affäre Nef. Das hat es seit dem Ende von Tele 24 in dieser Form nicht mehr gegeben. Nun zieht sogar die SRG nach, um mithalten zu können.

Kann ein Privatradio eine teure Redaktion überhaupt finanzieren?

Wenn ich sehe, was wir in unserem kleinen Sendegebiet bereits erreicht haben, glaube ich fest daran. Mit dem erhofften grösseren Konzessionsgebiet, sollte es mittelfristig möglich sein, die Kosten zu amortisieren. Aber es ging mir als Journalist auch immer darum, zu beweisen, dass man mit Inhalten und Substanz Erfolge erzielt.

Glauben Sie denn wirklich, dass Sie die Konzession für ein grösseres Sendegebiet erhalten?

Wir haben nicht nur im Rahmen der Vernehmlassung eine breite und massive Unterstützung erhalten, sondern nun auch in kurzer Zeit den Tatbeweis sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht erbracht. Geht alles mit rechten Dingen zu, sollten wir eine grosse Konzession für den Raum Zürich erhalten. Zudem hoffe ich auf eine Zustimmung für die Projekte im Aargau und in Graubünden. Der Erfolg von Radio 1 beweist, welche zusätzliche Möglichkeiten im Medium Radio stecken, die heute vielerorts nicht genutzt werden.

Wäre es vorstellbar, dass die Privaten für gewisse Informationsleistungen Kooperationen eingehen -- quasi eine Art Mantelredaktion entstünde?

In der Vergangenheit sind Pläne für die Zusammenarbeit in einigen Bereichen immer wieder gescheitert. Viele der regionalen Monopolisten glauben, dass sie eine Kooperation nicht nötig haben. Darum fehlt ihnen vielleicht der Blick für das Medium als Ganzes. An Mantelredaktionen glaube ich jedoch nicht. Die grösste Stärke des Privatradios gegenüber der SRG ist seine regionale Verwurzelung.

Denken Sie es mangelt bei den Verlegern am Interesse für qualitativ gutes Radio, weil sie lieber über noch mehr Printprodukte nachdenken?

Radio ist nicht das Kerngeschäft der Verleger. Hauptsächlich betreiben sie Sender, um ihren Markt abzusichern. Eine richtige Beziehung oder gar eine Liebe zum Medium haben die Verleger nicht -- und das merkt man auch.

Wohin muss sich das Medium Radio bewegen, um auch in Zukunft bestehen zu können?

Neben einer modernen Programmgestaltung muss sich auch das Radio in Richtung Multimedia bewegen. Radio 1 hat darum auch in den Online-Auftritt investiert und wird diesen laufend ausbauen. Wir stehen neuen Entwicklungen im Bereich Multimedia sehr offen gegenüber.

(Interview: Stefan Wyss)


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