20.06.2011

"Für den Artikel über den Drogenbaron Ramos recherchierte ich monatelang."

Wirtschaftsjournalist Daniel Ammann hat zwei Bundesanwälte zu Fall gebracht. Seine Recherchen und die Berichterstattung der "Weltwoche" führten schliesslich dazu, dass Valentin Roschacher und nun auch Erwin Beyeler ihren Hut nehmen mussten. Wie ging Ammann bei seinen Recherchen vor? Wurde er seitens der Politik oder Bundesanwaltschaft unter Druck gesetzt? "Ja, es gab vier Verfahren gegen mich", sagt er gegenüber "persoenlich.com". Zum Interview:
"Für den Artikel über den Drogenbaron Ramos recherchierte ich monatelang."

Herr Ammann, wie haben Sie reagiert, als Sie von der Abwahl Erwin Beyelers hörten?

Ich war überrascht, weil ich nicht damit rechnete, dass die Bundesversammlung den Mut dazu haben würde. Es wäre viel einfacher gewesen, Beyeler wiederzuwählen. Das spricht für das Parlament.

Nach Valentin Roschacher 2006 muss nun mit Erwin Beyeler der zweite Bundesanwalt den Hut nehmen. Sie haben mit Ihren Recherchen den Stein im Fall Holenweger ins Rollen gebracht. Sind Sie stolz darauf, dass Sie über Jahre hinweg mit Ihrer Berichterstattung zwei Bundesanwälte zu Fall gebracht haben?

Roschacher und Beyeler haben sich durch ihr Agieren selber zu Fall gebracht. Es ist für einen Journalisten aber immer erfreulich, wenn Recherchen etwas bewirken können.

Dass Erwin Beyeler abgewählt wurde, ist schon sehr spektakulär. Wie beurteilen Sie seine Abwahl?

Die Nichtwahl ist ein politisches Erdbeben, aber nötig und positiv. Beyeler hat es in vier Jahren nicht geschafft, Ruhe in die Bundesanwaltschaft zu bringen. Er hat im Fall Holenweger eine fragwürdige Rolle gespielt und, diplomatisch ausgedrückt, nicht ganz die Wahrheit gesagt. So wurde er zur Belastung. Jetzt ist ein wirklicher Neuanfang möglich.

Haben Sie je gedacht, dass der Fall letztlich eine solche Dimension erreichen würde?

Die Bundesanwaltschaft engagiert einen kolumbianischen Drogenbaron und lässt sich von ihm über den Tisch ziehen. Ein bisher unbescholtener Privatbankier wird frühmorgens von einer Spezialeinheit wie ein Terrorist verhaftet. Ein Untersuchungsrichter schickt sich selber einen Drohfax, um den Fall los zu werden. Strafverfolger behindern die Arbeit des Gerichts. Komplott-Vorwürfe hüben und drüben. Die Abwahl eines Justizministers. Das alles wäre Stoff für einen ziemlich schlechten, unglaubwürdigen Roman. Nein, solche Dimensionen hätte ich nicht für möglich gehalten, nicht in der Schweiz.

Sie waren bei den Holenweger-Ermittlungen teilweise besser informiert als Untersuchungsrichter, Bundesrichter und Bundesstrafrichter. Wie kamen Sie zu den Informationen?

Durch ganz normales journalistisches Handwerk und natürlich auch durch Glück. Ich habe seit langem und zunehmend kritisch über die Strafverfolgungsbehörden des Bundes geschrieben. Wenn man das Privileg hat, an einem Thema dran bleiben zu können, kann man sich ein Beziehungsnetz aufbauen, das auf Vertrauen basiert. Meine Gesprächspartner wissen, dass ich politisch unabhängig bin, sorgfältig arbeite und nichts tun würde, was sie gefährden könnte. So habe ich ab und zu mehr erfahren als andere.

Gingen Sie bei den Recherchen speziell vor?

Ich musste in diesem Fall speziell vorsichtig sein, um meine Quellen zu schützen. Ich sorgte dafür, dass man bei mir keine Dokumente finden würde und telefonierte auch nicht von meinem Telefon oder Handy mit meinen Quellen. Niemand ausser mir weiss, wer sie sind. Die Recherchen waren zudem sehr aufwendig. Für den Artikel zum Beispiel, der den Einsatz von Drogenbaron Ramos bekannt machte, recherchierte ich monatelang. Leider ist das heute in den wenigsten Medien noch möglich. Genau dort aber, in der aufwendigen Recherche, sähe ich die Zukunft des Print-Journalismus. Ich bin Stefan Barmettler bei "Facts", sowie meinen "Weltwoche"-Chefs Jürg Wildberger, Andreas Dietrich und Roger Köppel dankbar, dass sie mir vertrauten und mir Zeit liessen.

Gab es jemals von Seiten Bundesanwaltschaft oder Politik Druckversuche, um die Berichterstattung zu verhindern?

Die Bundesanwaltschaft strengte gleich vier Verfahren wegen der "Veröffentlichung amtlich geheimer Verhandlungen" gegen mich an. Das sehe ich als klaren Einschüchterungsversuch. In einem der Verfahren wurde ich dann ja auch mit einer Geldstrafe gebüsst - nota bene dafür, dass ich die Wahrheit schrieb. Ich bin froh, dass immer alles stimmte, was ich schrieb. Es waren für mich sehr heikle Artikel. Hätte die Bundesanwaltschaft mir Fehler oder sogar Unwahrheiten vorwerfen können, wäre ich heute kaum mehr Journalist.

Der ganze Fall ist inhaltlich sehr komplex. Wurde die Sache hier zu Lande überhaupt richtig verstanden?

Im Kern ist der Fall doch einfach. Es geht um staatliche Willkür, um Machtmissbrauch, um eine Behörde unter Erfolgsdruck, die meinte, der Zweck heilige die Mittel. Wenn man die Leserbriefe und die Forumseinträge liest, sieht man, dass das in einer breiteren Öffentlichkeit gut verstanden wird. Das grössere Problem sehe ich darin, dass der Fall Holenweger von rechts bis links parteipolitisch instrumentalisiert wurde und immer noch wird. Schauen Sie sich dazu nur die gehässige Stimmung in der aktuellen "Arena" an. Da ging es nur noch um Machtkämpfchen. Das hat leider die prinzipiellen Fragen, um die es mir geht, in den Hintergrund gerückt: Wollen wir, dass der Staat solche Ermittlungsmethoden einsetzen und damit elementare Bürgerrechte einschränken darf?

Mit Ihren Recherchen haben Sie die fragwürdige Vorgehensweise der Bundesanwaltschaft aufgedeckt. Was sagt dies letztlich über die Rechtsstaatlichkeit der Schweizer Justiz aus?

Das Bundesstrafgericht kam ja zum Schluss, dass der Einsatz des Drogenbarons rechtswidrig war. Die Bundesanwaltschaft führte obendrein das Bundesgericht in die Irre, um Holenweger abhören zu können. Die Bundeskriminalpolizei fälschte sogar einen Einsatzbericht. Das ist eine unerträgliche Arroganz der Macht. Was im Fall Holenweger passierte, ist eines Rechtsstaats unwürdig und gefährlich. Immerhin hat das Bundesstrafgericht die Würde der Justiz mit dem Freispruch von Holenweger wiederhergestellt.

Ist der Fall mit der Abwahl Beyelers abgeschlossen?

Im Fall Holenweger rechne ich damit, dass die Bundesanwaltschaft das Urteil ans Bundesgericht weiterziehen wird. Ich gehe aber nicht davon aus, dass der Freispruch Holenwegers in Frage steht. Generell hoffe ich, dass der nächste Bundesanwalt endlich eine Ermittlungskultur durchsetzt, die auf Verhältnismässigkeit beruht und die anerkennt, wie wichtig und verletzlich unsere Freiheitsrechte sind.

Daniel Ammann (47), ist freier Journalist und Buchautor. Zuvor leitete er die Wirtschaftsressorts der "Weltwoche" und des Nachrichtenmagazins "Facts". Zuletzt erschien von ihm die Marc-Rich-Biographie "King of Oil", die in sieben Sprachen übersetzt wurde. Er ist Träger des "Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik" 2007.

Interview: Christian Lüscher



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