29.05.2020

SRF

«Ich achte darauf, dass nicht alles Pulver verschossen ist»

Bigna Silberschmidt ist mitten in der Coronakrise bei «10vor10» gestartet. Im Interview schaut sie zurück auf die «spezielle und intensive» Premiere. Zudem spricht sie über Vorgespräche mit Studiogästen und sagt, wie sie an Live-Interviews herangeht.
SRF: «Ich achte darauf, dass nicht alles Pulver verschossen ist»
Moderiert seit einigen Wochen das Nachrichten-Magazin «10vor10»: Bigna Silberschmidt. (Bild: SRF/Oscar Alessio)
von Michèle Widmer

Frau Silberschmidt, nach Ostern mitten im Lockdown hatten Sie Ihre Premiere als «10vor10»-Moderatorin. Wie haben Sie diesen Start in dieser aussergewöhnlichen Situation erlebt?
Es war schon speziell – und intensiv. Ich startete in den Tag im menschenleeren ÖV, auf der Redaktion galt Maskentragpflicht, schminken mussten wir uns selber. Wir hatten zu dem Zeitpunkt aktualitätsbedingt monothematische Sendungen, ich war also von früh bis spät mit Corona konfrontiert – und im Studio führte ich einordnende Gespräche zu ebendiesem Thema. Spätabends ging es dann im leeren ÖV wieder nach Hause. Nach der Premiere konnte ich nicht mal die Teamkolleg*innen umarmen oder mit ihnen anstossen, um danke zu sagen. Das war schade, aber irgendwie bringt einen das alles auch näher zusammen.

Während andere Moderationskolleginnen und -Kollegen bei SRF teils scharfe Kritik einstecken müssen, erhalten Sie seit ihrem «10vor10»-Start auffallend viel Lob. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Das müssen Sie die Zuschauerinnen und Zuschauer und die Journalistinnen und Journalisten fragen. Mich freut es enorm, wenn meine Arbeit geschätzt wird und das «Wie» gut ankommt – denn ich übe meinen Job als Journalistin und Moderatorin mit viel Leidenschaft aus.

«Ich weiss vor Gesprächsbeginn, welchem roten Faden ich folgen will»

Die frühere SRF-Unterhaltungschefin Gabriela Amgarten führt das viele Lob in der SI darauf zurück, dass Sie Susanne Wille stark ähneln würden. Was sagen Sie dazu?
Auf solche oberflächlichen, äusserlichen Vergleiche mag ich nicht eingehen. Ich kann dazu nur sagen, dass in den hunderten Nachrichten, die ich seit meinem Start bei «10vor10» gekriegt habe, nie Thema war, dass ich Susanne ähneln würde.

Nebst der Moderation führen Sie im Fokus anspruchsvolle Live-Interviews mit Studiogästen. Wie viele Fragen sind bereits fixfertig formuliert, wie viele entstehen aus dem Gespräch heraus?
Ich weiss vor Gesprächsbeginn, welchem roten Faden ich folgen will und welchen Mehrwert das Interview den Zuschauer*innen bringen soll. Entsprechend überlege ich mir Fragen, das gehört zu einer guten Vorbereitung dazu. Die erste Frage formuliere ich fixfertig. Danach gilt es nachzuhaken, wenn eine Antwort noch nicht klar ist, den Fokus nicht zu verlieren, gleichzeitig offen zu sein für neue Wendungen im Gespräch und die Zeit im Griff zu haben.

«Im Austausch mit den Interviewgästen lerne ich sie und ihre Haltung besser kennen»

Wie ausführlich sind jeweils die Vorgespräche mit dem Studiogast?
Das ist unterschiedlich und das macht jeder etwas anders. Ich persönlich finde Vorgespräche sehr wichtig – das Interview soll ja eine Vertiefung bieten oder neue Aspekte aufgreifen und nicht den zuvor ausgestrahlten Beitrag wiederholen. Im Austausch mit den Interviewgästen lerne ich sie und ihre Haltung besser kennen und finde häufig auch erst dann heraus, welche interessanten Aspekte es noch zu bereden gäbe, an die ich zuvor nicht gedacht habe. Es ist aber auch ein Unterschied, ob zum Beispiel eine Expertin ins Studio kommt, die Einordnung bietet, oder ein Politiker, den ich konfrontiere. Beim Letzterem achte ich darauf, dass nicht alles Pulver bereits im Vorgespräch verschossen ist.

Wie stark beeinflusst die aktuelle Coronakrise die Recherchearbeit bei «10vor10»? Gelangen Sie und das Team gut an die notwendigen Informationen – oder erschweren die Umstände dies?
Wir recherchieren in diesen Zeiten wie auch sonst hauptsächlich per Internet und per Telefon. Die meisten Ansprechpersonen sind nun im Homeoffice, aber zum Glück funktioniert das Telefon ja auch dort. Herausfordernd sind momentan eher die Dreharbeiten – die grossen Abstände einzuhalten zwischen Kameramann, Interviewpartnerin und Journalistin. Deshalb die eingepackten Mikrofone an den langen Stangen. Aufgrund der erschwerten Umstände zeichneten wir in den letzten Wochen viele Interviews für Beiträge via Videotelefonie auf. Ich freue mich, wenn wieder mehr Orte zugänglich sind und wir tolle Reportagen drehen können.

«Ich brauchte immer mindestens zwei Stunden, um den Tag zu verarbeiten und runterzufahren»

Bei «Schweiz aktuell» moderierten sie auf Schweizerdeutsch, bei «10vor10» auf Hochdeutsch. Was liegt Ihnen mehr und wie gross war die Umstellung?
Für mich ist Schweizerdeutsch gewissermassen die Sprache des Herzens, weil sie mir am nächsten ist. Ich finde es einfacher, Nähe zu schaffen. Ich mag aber die Herausforderung, genau dies auch auf Hochdeutsch zu tun – und spreche die Sprache gerne.

Sie haben neu später Feierabend. Was hat sich durch Ihren Wechsel in Ihrem Arbeitsalltag sonst noch verändert?
Schon bei «Schweiz aktuell» kam ich von Aussenmoderationen zum Teil sehr spät heim. Wenn ich «10vor10» moderiere, bin ich um circa 23.30 Uhr zuhause. Bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen, dann gleich ins Bett zu gehen – ich brauchte immer mindestens zwei Stunden, um den Tag zu verarbeiten und runterzufahren. Dafür kann ich am Morgen Sport machen. Ansonsten bin ich nach wie vor als Reporterin für die Inlandredaktion tätig, das heisst, ich realisiere Beiträge hinter der Kamera für die «Tagesschau», «Schweiz aktuell» und «10vor10». Neu ist natürlich das Kernteam die Leute bei «10vor10» sind grossartig.

Wen stellten Sie sich jeweils als typischen «Schweiz aktuell»-Zuschauer vor? Und an wen richten Sie sich, wenn Sie «10vor10» moderieren?
Ich stelle mir nie einen typischen Zuschauer vor – es schreiben mir Leute von Jung bis Alt und mit ganz unterschiedlichem Hintergrund. Deshalb möchte ich nicht einen bestimmten Zuschauertypen abholen. Ich überlege mir viel mehr, wie ich eine Geschichte verständlich und spannend erzählen kann. Und als Person ist es mir wichtig, authentisch zu bleiben.

376'000 zu 327'000 Zuschauerinnen und Zuschauer im letzten Jahr: Was ist sonst noch besser bei «10vor10» als bei «Schweiz aktuell»?
Momentan haben wir viel höhere Zahlen, zwischen 500'000 bis 700'000 Zuschauer*innen. Das zeigt, dass die Leute in diesen herausfordernden Zeiten ein grösseres Informationsbedürfnis haben und auf unsere Arbeit vertrauen, das ist schön. Meinen Job bei «Schweiz aktuell» habe ich sehr gerne gemacht, möchte die beiden Jobs nicht gegeneinander ausspielen. Ich empfinde es als bereichernd, dass bei «10vor10» nun eine internationale Komponente dazu gekommen ist, und es gibt viel Platz für hintergründige Geschichten. 

Zum Schluss: Zuhause bleiben lautete in den letzten Wochen das Motto. Was hat Ihnen in diese Phase am meisten gefehlt? Was hat Ihnen am meisten Mühe bereitet?
Umarmungen, Freunde und Familie haben mir am meisten gefehlt. Und ausgedehnte Wanderungen in den Bergen und Biketouren. Ansonsten habe ich es eigentlich geschätzt, dass nebst dem Arbeiten praktisch nichts lief. Etwas mehr Zeit für mich und keine verplanten Wochenenden zu haben, das tat mir gut.



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Kommentare

  • Pierre Müller, 30.05.2020 14:11 Uhr
    Dass jemand auf die Idee kommen kann #bignasilberschmidt mit Susanne Wille zu vergleichen ist für mich völlig unverständlich. Bigna Silberschmid ist mindestens so schön wie ihre Vorgängerin bei 10vor10, zudem aber unendlich viel SYMPATISCHER !
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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